Trekkingstöcke: was gemessen ist, was Konvention ist, was Werbung ist

Die 25-Prozent-Zahl hat eine Fundstelle — sie steht nur woanders, als alle denken. Was Untersuchungen zu Stöcken zeigen und wie man sie einstellt.

7 Artikel etwa 66 Min Lesezeit Aktualisiert 9. September 2026
Person mit gelbem Rucksack geht mit Stoecken einen sandigen Pfad ueber bewaldete Huegel
Foto: Vicky Tran / Pexels

Über Trekkingstöcke wird selten gestritten und viel behauptet. Der eine Satz, der immer fällt, lautet sinngemäß: „Sie entlasten die Knie um 25 Prozent.” Wir haben nach der Untersuchung gesucht, aus der er stammt.

Anders als bei der 70-bis-80-Prozent-Behauptung zum Hüftgurt, die sich in keiner auffindbaren Messung belegen ließ, gibt es diese Untersuchung. Sie sagt nur etwas anderes, als der Satz behauptet.

Woher die 25 Prozent kommen

Aus einer Arbeit von Hermann Schwameder und Kollegen, erschienen 1999 im Journal of Sports Sciences. Acht Männer gingen eine Rampe mit 25 Grad Gefälle hinunter, mit und ohne Stöcke. Aus Kinematik, Kraftmessung und EMG rechneten die Autoren über ein quasi-statisches Kniemodell die Belastung im Gelenk aus.

Was Schwameder und Kollegen 1999 tatsächlich gemessen haben
Probanden
8 Männer Eine Gruppengröße, die keine allgemeine Aussage über Menschen trägt.
Gefälle
25° Das entspricht rund 47 Prozent Steigung — steiler als fast jeder markierte Wanderweg.
Minderung, signifikant
12 bis 25 Prozent Bodenreaktionskraft · Kniegelenkmoment · tibiofemorale Druckkraft · tibiofemorale Scherkraft
Minderung, nicht signifikant
ähnliche Größenordnung patellofemorale Druckkraft · Kraft in der Quadrizepssehne · Aktivität des Vastus lateralis — wegen hoher Streuung ohne Signifikanz.

Fundstelle: Schwameder H, Roithner R, Müller E, Niessen W, Raschner C: Knee joint forces during downhill walking with hiking poles. Journal of Sports Sciences 17(12), 969–978, 1999, DOI 10.1080/026404199365362.

Drei Dinge daran werden beim Zitieren regelmäßig unterschlagen.

Erstens ist 25 das obere Ende. Die Arbeit nennt eine Spanne von 12 bis 25 Prozent, je nach Messgröße und Phase des Stockzyklus. Wer nur die 25 nennt, zitiert den günstigsten Fall als Regelfall.

Zweitens gilt sie nicht „für die Knie”. Signifikant waren die Unterschiede bei Bodenreaktionskraft, Kniegelenkmoment sowie tibiofemoraler Druck- und Scherkraft. Für die patellofemorale Druckkraft — also den Druck hinter der Kniescheibe, der Menschen mit Knieproblemen am häufigsten beschäftigt — waren die Minderungen zwar in ähnlicher Größenordnung, aber wegen hoher Streuung nicht signifikant.

Drittens kam die Entlastung nicht nur aus den Stöcken. Die Autoren schreiben die Minderung zwei Ursachen zu: den auf die Stöcke aufgebrachten Kräften und einer veränderten Haltung mit stärker vorgeneigtem Oberkörper, die den Hebelarm am Knie verkürzt. Ein Teil der Wirkung ist also Gehtechnik, nicht Ausrüstung.

Der ganze Vorgang und alle zehn ausgewerteten Untersuchungen stehen in Wie stark Stöcke die Gelenke entlasten.

Was Stöcke kosten

Der zweite blinde Fleck: Stöcke sind kein Gratisgewinn. Sie verschieben Arbeit, sie schaffen sie nicht ab.

Die Gegenrechnung — was mit Stöcken zunimmt
EMG-Aktivität der Arme
rund + 95 % Foissac u. a. 2008, 20 % Steigung. Die Beinmuskeln entlasteten sich im Gegenzug um rund 15 %.
Herzfrequenz bergauf
113,5 statt 107 /min Knight & Caldwell 2000, 22,4 kg Rucksack. Der Sauerstoffverbrauch stieg dabei nicht.
Anstrengungsempfinden bergauf
10,8 statt 11,6 Borg-Skala — mit Stöcken fühlte es sich leichter an, obwohl der Puls höher lag.
Stoß am Handgelenk
bis 7,6 g Hagen u. a. 2011, Nordic Walking. Die Autoren empfehlen daraus kräftigende Übungen für die Arme.

Fundstelle: Werte aus vier Untersuchungen, Stand der Zusammenstellung 9.9.2026.

Die Übersichtsarbeit von Saller und Kollegen fasst es so zusammen: Der Sauerstoffverbrauch steigt mit Stöcken, das subjektive Anstrengungsempfinden nicht. Das ist keine Nebensache, sondern der eigentliche Nutzen — man arbeitet mehr und merkt weniger davon. Wo genau das aufgeht und wo nicht, steht in Bergauf, eben, bergab.

Wie lang die Stöcke sein müssen

Kürzer als erwartet, und der übliche Wert ist eine Konvention, keine Messung.

Die verbreitete Rechenregel lautet Körpergröße × 0,68. Sie taucht als Einstellvorschrift in einer koreanischen Ganganalyse von 2015 auf, wo die Autoren schlicht festhalten, dass sie die Körpergröße jedes Probanden mit 0,68 multipliziert haben. Das ist eine gesetzte Studienbedingung, kein Ergebnis: Die Untersuchung hat keine anderen Längen gegeneinander geprüft.

Was sich belegen lässt, ist die Richtung. Hansen und Smith ließen 2009 zwölf geübte Personen mit selbst gewählten und mit 7,5 Zentimeter kürzeren Stöcken gehen: Bergauf kosteten die kürzeren rund 3 Prozent mehr Energie, eben und bergab war kein Unterschied messbar — und der selbst eingeschätzte Komfort war in allen Fällen gleich. Die Teilnehmenden merkten den Unterschied also nicht, den das Messgerät zeigte.

Die Einstelltabelle und was von der 90-Grad-Ellbogenregel bleibt, stehen in Stocklänge einstellen.

Was auf dem Etikett steht — und was nicht

Bei Zelt, Schlafsack und Isomatte trägt dieses Projekt Prüfnormen nach: die Wassersäule nach ISO 5912, die Komforttemperatur nach ISO 23537-1, den R-Wert nach ASTM F3340. Bei Trekkingstöcken hört das auf.

Im Normenkatalog der ISO ließ sich am 09.09.2026 keine Produktnorm für Trekkingstöcke finden. Die Suche nach „walking pole” liefert acht Normen, von denen keine Wanderstöcke behandelt; „hiking” und „trekking” führen auf eine Norm zum Abenteuertourismus, eine Schuhprüfnorm und eine Bootsnorm. Die Suche von DIN Media war am selben Tag mit einem globalen Fehler nicht erreichbar, die Aussage stützt sich deshalb allein auf den ISO-Katalog.

Praktisch heißt das: Es gibt keine genormte Bruchlast, keine genormte Klemmkraft und keine vergleichbare Gewichtsangabe. Was Hersteller angeben, gibt jeder nach eigenem Verfahren an. Was aus den Materialangaben trotzdem folgt, steht in Aluminium, Carbon und das Gewicht und Verschluss, Teller, Spitze.

Was in diesem Themenbereich unbelegt bleibt

Vier verbreitete Aussagen ließen sich nicht stützen — sie stehen hier, damit sie nicht versehentlich weitergetragen werden.

Behauptungen ohne Beleg, Stand 9.9.2026
BehauptungWas sich dazu finden ließ
Stöcke nehmen dem Körper einen bestimmten Prozentsatz des Rucksackgewichts ab.Keine Untersuchung gefunden, die eine übertragene Gewichtsmenge angibt. Gemessen wurden Kräfte, Gelenkmomente, Muskelaktivität und Sauerstoffverbrauch — nicht ein „abgenommener" Gewichtsanteil. Derselbe Fehlschluss steckt in der 70-bis-80-Prozent-Behauptung zum Hüftgurt.
Carbonstöcke sind wegen ihres geringeren Gewichts spürbar weniger anstrengend.Zwei unabhängige Arbeiten sagen das Gegenteil. Foissac u. a. 2008 fanden zwischen 240 und 360 g Stockmasse keinen Unterschied im Sauerstoffverbrauch, und die Übersicht von Saller u. a. 2023 hält fest, dass die Masse der Stöcke Sauerstoffverbrauch, Anstrengungsempfinden und Herzfrequenz nicht wesentlich beeinflusst. Messbar änderte sich nur die Aktivität des Bizeps.
Ein Antishock-System schont die Gelenke.Keine Untersuchung gefunden, die gefederte gegen ungefederte Stöcke am Menschen vergleicht. Belegt ist nur, dass am Handgelenk erhebliche Stöße ankommen — bis zum 7,6-Fachen der Erdbeschleunigung (Hagen u. a. 2011) — und dass die Autoren daraus die Empfehlung stoßdämpfender Stöcke ableiten. Das ist eine Empfehlung aus einer Messung am unbefederten Stock, kein Wirksamkeitsnachweis.
Es gibt eine Produktnorm für Trekkingstöcke.Im Normenkatalog der ISO ließ sich am 09.09.2026 keine finden: „walking pole" liefert acht Normen, von denen keine Wanderstöcke behandelt, „hiking" und „trekking" führen auf ISO 3021:2023 zum Abenteuertourismus, auf eine Schuhprüfnorm und auf eine Bootsnorm. Die Suche von DIN Media war am selben Tag mit einem globalen Fehler nicht erreichbar; die Aussage stützt sich deshalb allein auf den ISO-Katalog.

Die vollständige Auseinandersetzung mit der Federung steht in Was die Arme dabei aushalten, die Frage, was man davon getrost weglässt, in Trekkingstöcke: das brauchst du nicht.

Zwei Situationen, in denen die Stöcke nicht in die Hand gehören

Im Gewitter. Das Wegehandbuch der Alpenvereine nennt Wanderstöcke ausdrücklich in seiner Liste der Schutzmaßnahmen: „Gegenstände dürfen nicht über den Körper hinausragen (z. B. Regenschirme, Wanderstöcke, Rechen).” Wie weit ein Gewitter noch entfernt ist und was von den übrigen Verhaltensregeln belegt ist, steht im Themenbereich Sicherheit unter Gewitter: Entfernung schätzen und Verhalten im Gewitter.

Im Handgepäck. Die Liste der verbotenen Gegenstände für Fluggäste steht in Anlage 4-C der Durchführungsverordnung (EU) 2015/1998. Trekkingstöcke werden dort nicht genannt. Ausdrücklich verboten sind unter Buchstabe c „Eisäxte und Eispickel”. Stöcke fielen allenfalls unter Buchstabe e, „stumpfe Gegenstände — Gegenstände, mit denen, wenn sie als Schlagwaffe eingesetzt werden, schwere Verletzungen herbeigeführt werden können” — eine offene Aufzählung, deren Anwendung im Einzelfall die Kontrollstelle beurteilt. Wer nicht diskutieren will, gibt sie auf.

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