Wasser auf Tour: welches Verfahren welche Frage beantwortet

Filter, Chemie, UV und Abkochen an derselben Prüffrage gemessen: Protozoen, Bakterien, Viren — mit den Prüfkeimen und Zielwerten der WHO.

7 Artikel etwa 72 Min Lesezeit Aktualisiert 30. August 2026

„Macht mein Filter das Bachwasser trinkbar?“ ist eine Frage mit drei Antworten, weil sie drei Fragen enthält. Ein Aufbereitungsverfahren wirkt nicht gegen „Keime“, sondern gegen bestimmte Keimklassen — und die unterscheiden sich in ihrer Größe um mehr als das Hundertfache.

Diese Seite stellt jedem Verfahren dieselben drei Fragen. Die Antworten stammen nicht aus Testberichten, sondern aus dem Prüfprotokoll, mit dem die Weltgesundheitsorganisation Haushalts-Aufbereitungsverfahren bewertet.

Die drei Keimklassen und warum ihre Größe alles entscheidet

Protozoen sind die größten, Viren die kleinsten — und dazwischen liegen drei Zehnerpotenzen.

Die drei Keimklassen nach dem WHO Harmonized Testing Protocol v2.1 (2018), Tabelle 3 und Abschnitt 4.3
KlassePrüfkeim der WHOGrößeWas sie ausmacht
ProtozoenCryptosporidium parvum, infektiöse Oozysten3 bis 5 µmEinzellige Parasiten. In der Umwelt liegen sie als widerstandsfähige Dauerform vor — als Zyste oder Oozyste.
BakterienEscherichia coli (ATCC 11229)im WHO-Protokoll nicht beziffertEinzeller ohne Zellkern. Sie sind deutlich kleiner als Protozoen, aber um Größenordnungen größer als Viren.
VirenMS-2-Coliphage und phiX-174-ColiphageMS-2 rund 24 nm, phiX-174 rund 27 nmKeine Zellen, sondern Partikel. Sie sind die kleinste der drei Klassen — und die einzige, bei der die Porengröße üblicher Trekkingfilter nicht mehr reicht.

Das WHO-Protokoll nennt die Spannweite in einem einzigen Satz: von Cryptosporidium mit 3 bis 5 Mikrometern als größtem bis zu den Phagen MS-2 und phiX-174 mit rund 24 und 27 Nanometern. Zwischen dem größten und dem kleinsten Prüfkeim liegt damit etwa der Faktor 150.

Für ein Verfahren, das über die Porengröße wirkt, ist das die ganze Geschichte. Eine Membran, die Cryptosporidium sicher zurückhält, ist gegenüber einem 24-Nanometer-Partikel weit offen. Wie weit genau, steht in Was 0,1 Mikrometer zurückhält; welche Keime im mitteleuropäischen Bachwasser überhaupt zu erwarten sind, in Was im Bachwasser lebt.

Was eine log-Stufe bedeutet

Eine log-Stufe ist eine Zehnerpotenz: 1 log heißt, dass von zehn Keimen einer übrig bleibt.

Die Schreibweise wirkt technisch, ist aber die einzige, mit der sich über Rückhalteleistung sinnvoll reden lässt. Prozentangaben werden ab der vierten Neun unlesbar.

log-Stufen, in Prozent und als Restanteil
log-Stufenentsprichtes bleibt übrig
1 log90 %1 von 10
2 log99 %1 von 100
3 log99,9 %1 von 1.000
4 log99,99 %1 von 10.000
5 log99,999 %1 von 100.000
6 log99,9999 %1 von 1.000.000
7 log99,99999 %1 von 10.000.000

Die Leistungsstufen der WHO

Drei Sterne verlangen mindestens 4 log gegen Bakterien und Protozoen und 5 log gegen Viren; zwei Sterne die Hälfte davon.

Leistungsstufen nach dem WHO Harmonized Testing Protocol v2.1, Abschnitt 6
StufeBakterienVirenProtozoenSchutzumfang
Drei Sterne≥ 4 log≥ 5 log≥ 4 logumfassender Schutz
Zwei Sterne≥ 2 log≥ 3 log≥ 2 logumfassender Schutz
Ein Sterngezielter Schutz

Ein Stern ist keine schlechtere Version von drei Sternen, sondern eine andere Sache: Die WHO nennt ihn „gezielten Schutz“ und hält ihn dort für angebracht, wo der Erreger bekannt ist — im Wortlaut des Protokolls etwa bei einem Cholera-Ausbruch, gegen den Chlorung wirkt, obwohl sie gegen Protozoen nichts ausrichtet.

Die vier Verfahren an derselben Frage gemessen

Welche Keimklasse welches Verfahren erfasst — jede Zelle mit Begründung und Fundstelle in den Einzelartikeln
VerfahrenProtozoenBakterienVirenAusschlussgrund
Hohlfaserfiltererfassterfassterfasst nichtTrübstoffe setzen die Fasern zu; die Durchflussleistung sinkt, der Rückhalt nicht.
Keramikfiltererfassterfassterfasst nichtVerblockt sichtbar und lässt sich abbürsten; das Element wird dabei dünner.
Chemische Entkeimungerfasst nichterfassterfasstNur für klares Wasser. Schwebstoffe zehren das Oxidationsmittel und schirmen Keime ab; Katadyn verlangt bei trübem Wasser einen vorgeschalteten Filter.
UV-Entkeimungerfassterfasstnur mit NachweisDer entscheidende Ausschlussgrund. Das Umweltbundesamt verlangt, dass vor der UV-Bestrahlung die Anforderungen an Trübung sowie Eisen- und Mangangehalt eingehalten sind — Schwebstoffe werfen Schatten, hinter denen Keime unbestrahlt bleiben.
AbkochenerfassterfassterfasstDas Abkochen wirkt nach der WHO auch in trübem Wasser. Eine Klärung vor dem Kochen empfiehlt die WHO nur aus Geschmacks- und Aussehensgründen.

Die Tabelle enthält den Kern des ganzen Themenbereichs: Kein einzelnes Verfahren außer dem Abkochen erfasst alle drei Klassen ohne Vorbehalt. Mechanische Filter scheitern an den Viren, chemische Mittel an den Protozoen, UV an der Trübung — und das Abkochen kostet Brennstoff und Zeit.

Der Punkt, an dem deutschsprachige Ratgeber ungenau werden

Hohlfaserfilter halten Viren nicht zurück, und das ist keine Schwäche einzelner Geräte, sondern eine Frage der Größenordnung.

Das WHO-Protokoll sagt es indirekt, aber unmissverständlich: Für Filter, die allein über Größenausschluss wirken, darf die Protozoenprüfung entfallen — weil Protozoen die größte Klasse sind und automatisch mit erfasst werden. Die Virusprüfung darf nicht entfallen. Sie ist der Nachweis, den ein Filter eigens erbringen muss.

Was „trinkbar“ rechtlich bedeutet

In Deutschland enthält Trinkwasser null Escherichia coli und null intestinale Enterokokken je 100 Milliliter — so steht es in Anlage 1 der Trinkwasserverordnung.

Diese Zahl ist deshalb interessant, weil sie zeigt, was ein Filter nicht leistet. Ein Gerät mit 6 log-Stufen gegen Bakterien lässt aus stark belastetem Wasser noch Keime durch; es erzeugt Wasser, das erheblich besser ist als vorher, aber nicht zwangsläufig Wasser im Sinne der Verordnung. Auf Tour ist das die richtige Größenordnung — nur sollte man wissen, welche Aussage man trifft.

Wie viel Wasser überhaupt gebraucht wird

Der Bedarf hängt an Aktivität und Temperatur, und der einzige belastbare Referenzwert gilt ausdrücklich nicht fürs Wandern.

Die EFSA nennt 2,0 Liter je Tag für Frauen und 2,5 Liter für Männer als Referenzwert für die Gesamtwasserzufuhr — bei gemäßigter Umgebungstemperatur, mittlerer Aktivität und einschließlich des Wassers aus Lebensmitteln. Alles darüber ist Schätzung, auch die dieser Seite. Wie sie hier gemacht wird und was zwischen zwei Quellen tatsächlich mitmuss, steht in Wie viel Wasser du zwischen zwei Quellen trägst; der Brennstoff- und Wasserbedarfsrechner rechnet es für die eigene Tour aus.

Was in diesem Themenbereich sonst noch steht

Jedes der vier Verfahren hat einen eigenen Artikel mit seinen Zahlen: Chlor, Chlordioxid, Silber mit den Einwirkzeiten und der Lücke bei Kryptosporidien, UV-Entkeimung mit der Dosis in Joule je Quadratmeter und der Trübungsgrenze, und Abkochen mit den Temperaturen, ab denen welche Klasse inaktiviert wird.

Wer wissen will, was das Kochen an Brennstoff kostet, findet die Rechnung im Themenbereich Kocher und Brennstoff.

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