Die ehrlichste Antwort auf die Frage, was in einem bestimmten Bach lebt, lautet: Das weiß niemand, der nicht eine Probe genommen und sie untersucht hat. Wasser sieht man nicht an, was darin ist.
Was sich sagen lässt, ist etwas anderes und für die Ausrüstungsfrage sogar brauchbarer: gegen welche Klassen von Keimen ein Verfahren wirken muss und wie groß diese Klassen sind. Genau so gehen auch die Prüfvorschriften vor — nicht Erreger für Erreger, sondern klassenweise.
Warum in Klassen und nicht in Erregern gedacht wird
Weil es Hunderte möglicher Erreger gibt und drei Mechanismen, mit denen man sie loswird.
Ein Filter unterscheidet nicht zwischen Giardia und Entamoeba — er unterscheidet zwischen groß und klein. Ein Oxidationsmittel unterscheidet nicht zwischen Salmonella und Vibrio — es unterscheidet zwischen empfindlicher und widerstandsfähiger Hülle. Deshalb prüft das Prüfprotokoll der Weltgesundheitsorganisation ein Gerät gegen drei stellvertretende Keime und nicht gegen eine Erregerliste.
| Klasse | Prüfkeim | Ausgangskonzentration in der Prüfung | Größe |
|---|---|---|---|
| Protozoen | Cryptosporidium parvum, infektiöse Oozysten | mehr als 5 × 10⁴ je ml vor der Behandlung | 3 bis 5 µm |
| Bakterien | Escherichia coli (ATCC 11229) | mehr als 10⁶ je ml vor der Behandlung | im WHO-Protokoll nicht beziffert |
| Viren | MS-2-Coliphage und phiX-174-Coliphage | mehr als 10⁵ je ml vor der Behandlung | MS-2 rund 24 nm, phiX-174 rund 27 nm |
Die drei Klassen im Einzelnen
Protozoen sind einzellige Parasiten. In der Umwelt liegen sie als widerstandsfähige Dauerform vor — als Zyste oder Oozyste, je nach Art. Diese Dauerform ist der Grund für ihren Ruf: Sie übersteht Bedingungen, an denen Bakterien scheitern, und sie ist gegenüber Oxidationsmitteln bemerkenswert unempfindlich. Sie ist zugleich die größte der drei Klassen und damit die, die ein Filter am zuverlässigsten erwischt.
Bakterien sind die Klasse, gegen die praktisch alles wirkt. Sie sind für Filter groß genug, für Oxidationsmittel empfindlich genug und für Hitze die empfindlichsten von allen: Das WHO-Kurzpapier zum Abkochen nennt oberhalb von 65 Grad weniger als eine Minute je log-Stufe. Als Prüfkeim dient Escherichia coli — derselbe Keim, den auch die deutsche Trinkwasserverordnung als Anzeiger führt.
Viren sind keine Zellen, sondern Partikel, und sie sind die kleinste Klasse. Das macht sie für mechanische Filter zum Problem: Die von der WHO vorgeschriebenen Prüfkeime MS-2 und phiX-174 messen rund 24 und 27 Nanometer, während eine übliche Filterpore 100 Nanometer weit ist. Warum daraus folgt, dass die meisten Trekkingfilter Viren nicht zurückhalten, steht in Was 0,1 Mikrometer zurückhält.
Warum ausgerechnet Bakteriophagen als Virus-Prüfkeime dienen
Weil sie für Menschen ungefährlich sind, sich leicht vermehren lassen und in der Größe den krankmachenden Viren entsprechen.
MS-2 und phiX-174 befallen Bakterien, nicht Menschen. Ein Prüflabor kann sie millionenfach ansetzen, ohne jemanden zu gefährden. Für die Frage, ob eine Membran ein 25-Nanometer-Partikel durchlässt, ist es unerheblich, was dieses Partikel befällt — Physik ist keine Biologie.
Das WHO-Protokoll verlangt beide Phagen und legt fest, dass die Virusleistung eines Geräts nach dem schlechteren der beiden Ergebnisse bewertet wird. Auch das ist eine Auskunft: Man will die ungünstige Zahl, nicht die günstige.
Was die Trinkwasserverordnung stattdessen misst
Sie prüft nicht auf Erreger, sondern auf zwei Anzeigerkeime — und beide dürfen gar nicht vorkommen.
- Escherichia coli
- 0 in 100 ml Grenzwert nach Anlage 1 Teil I der Trinkwasserverordnung
- Intestinale Enterokokken
- 0 in 100 ml Grenzwert nach Anlage 1 Teil I der Trinkwasserverordnung
Fundstelle: Trinkwasserverordnung, Anlage 1 Teil I (BGBl. 2023 I Nr. 159, S. 47)
Der Gedanke dahinter ist derselbe wie bei den Prüfkeimen: Escherichia coli und intestinale Enterokokken stammen aus dem Darm. Findet man sie, ist Fäkalmaterial ins Wasser gelangt — und dann sind auch andere Erreger möglich, die man nicht einzeln sucht. Findet man sie nicht, ist das kein Beweis für Keimfreiheit, aber ein belastbarer Hinweis.
Für die Tour heißt das zweierlei. Erstens: „Trinkbar“ ist ein definierter Zustand, kein Gefühl. Zweitens: Ein Filter erzeugt nicht automatisch diesen Zustand — er senkt die Keimzahl um eine Zehnerpotenz-Anzahl, und was am Ende herauskommt, hängt auch davon ab, was hineinging.
Was man einem Gewässer ansehen kann und was nicht
Man sieht Trübung. Man sieht keine Keime.
Das ist wichtiger, als es klingt, weil die Trübung für zwei der vier Verfahren der entscheidende Ausschlussgrund ist: Chemische Mittel und UV-Geräte arbeiten nur in klarem Wasser. Ein trüber Bach ist also ein Grund, das Verfahren zu wechseln — aber ein klarer Bach ist kein Grund, auf Aufbereitung zu verzichten.
Ebenso wenig aussagekräftig sind die klassischen Merkmale: kalt, schnell fließend, weit oben, keine Hütte in Sicht. Sie machen eine Belastung unwahrscheinlicher, und Unwahrscheinlichkeit ist etwas anderes als Ausschluss. Weidevieh oberhalb der Wasserstelle ist der häufigste Grund, warum diese Einschätzung schiefgeht — und Vieh sieht man von unten nicht.
Welche Klasse auf welcher Tour zählt
Die Antwort ist nicht überall dieselbe, und genau darin liegt der Sinn der Klassenlogik.
Wer in Mitteleuropa oberhalb von Siedlungen unterwegs ist, hat es vor allem mit Protozoen und Bakterien zu tun — beide erfasst ein Filter. Wer in Regionen unterwegs ist, in denen ungeklärtes Abwasser in Oberflächenwasser gelangt, hat es zusätzlich mit Viren zu tun, und dann reicht ein Filter nicht. Die Entscheidung an dieser Weggabelung ist Gegenstand von Mitteleuropa oder Fernreise.
Wer es unabhängig von der Region eindeutig haben will, kocht ab: Das WHO-Kurzpapier nennt dieses Verfahren als wirksam gegen alle drei Klassen, und die Temperaturen dazu stehen in Abkochen: das Verfahren ohne Gerät. Die Einordnung aller vier Verfahren steht im Themenbereich Wasser und Filter; wie viel Wasser überhaupt gebraucht wird, rechnet der Brennstoff- und Wasserbedarfsrechner.