Abkochen ist das älteste Verfahren, das langsamste und das schwerste — es kostet Brennstoff, Zeit und Wartezeit zum Abkühlen. Es ist zugleich das einzige, bei dem am Ende keine Frage offenbleibt.

Das ist keine Meinung, sondern der Befund eines Kurzpapiers der Weltgesundheitsorganisation, das eigens für diese Frage geschrieben wurde. Es fasst die vorhandenen Untersuchungen zur thermischen Inaktivierung zusammen und zieht daraus einen Schluss in einem Satz.

Was die WHO sagt

Das Erhitzen bis zum sprudelnden Kochen reicht aus, um krankmachende Bakterien, Viren und Protozoen zu inaktivieren.

Im englischen Original: „the process of heating water to a rolling boil … is sufficient to inactivate pathogenic bacteria, viruses and protozoa“. Das Papier fügt hinzu, dass das Verfahren hochwirksam ist — „even in turbid water and at high altitude“, also auch in trübem Wasser und in großer Höhe.

Beide Zusätze sind wichtig, weil sie genau die zwei Einschränkungen aufheben, an denen die anderen Verfahren scheitern. Chemische Mittel und UV-Entkeimung verlangen klares Wasser. Das Abkochen nicht.

Die Temperaturen im Einzelnen

Die entscheidenden Schwellen liegen alle deutlich unter hundert Grad.

Thermische Inaktivierung nach der Zusammenstellung im WHO-Kurzpapier „Boil Water“ (2015), Tabelle 1
Keim oder KlasseTemperaturWirkung
Bakterienoberhalb von 65 °Cweniger als eine Minute je log-Stufe
Viren60 °C bis 65 °CInaktivierung, aber langsamer als bei Bakterien
Virenoberhalb von 70 °Cmehr als 5 log-Stufen in unter einer Minute (Poliovirus, Hepatitis A)
Cryptosporidiumoberhalb von 70 °CInaktivierung in unter einer Minute
Giardia50 °C bis 70 °CInaktivierung berichtet, Datenlage begrenzt

Aus dieser Tabelle folgt der Grund, warum das Kochen als Schwelle so gut funktioniert: Sie liegt weit oberhalb aller genannten Werte. Bei 100 Grad ist jede der Schwellen um dreißig Kelvin überschritten — und das Sprudeln ist zugleich das einzige Anzeichen, das man ohne Thermometer zweifelsfrei erkennt. Genau darin liegt der praktische Wert der Regel: Sie braucht kein Messgerät.

Bemerkenswert ist die Umkehrung der Rangfolge. Cryptosporidium, die Klasse, an der chemische Verfahren scheitern, ist bei 70 Grad in unter einer Minute erledigt. Warum chemische Mittel dort nicht hinkommen, steht in Chlor, Chlordioxid, Silber.

Was nach dem Kochen zu tun ist

Die WHO nennt drei Schritte, und der dritte ist der, an dem es in der Praxis scheitert.

Nach dem Erreichen des sprudelnden Kochens
Schritt 1
Nach dem Erreichen des sprudelnden Kochens von der Flamme nehmen
Schritt 2
Natürlich abkühlen lassen, nicht mit Eis
Schritt 3
Vor erneuter Verunreinigung bei der Lagerung schützen

Fundstelle: WHO Technical Brief „Boil Water“, WHO/FWC/WSH/15.02, 2015

Der Hinweis, nicht mit Eis zu kühlen, wirkt in einem Wandertext abwegig — er stammt aus dem Katastrophenschutz, wo Eis aus unbehandeltem Wasser stammen kann. Der dritte Schritt gilt dagegen überall: Wasser, das in eine ungereinigte Flasche umgefüllt wird, ist nicht mehr das Wasser, das man abgekocht hat. Dieselbe Überlegung gilt bei UV-Entkeimung, wo das Umweltbundesamt eigens festhält, dass keine Schutzwirkung für die Lagerung entsteht.

Was die WHO ausdrücklich nicht verlangt, ist das Klären vor dem Kochen: Sie nennt es nur, falls trübes Wasser aus ästhetischen Gründen geklärt werden soll.

Was Abkochen kostet

Rund 376 Kilojoule je Liter, wenn das Wasser mit zehn Grad in den Topf kommt.

Die Energie hinter einem Liter
Aufheizen von 10 auf 100 °C
376 kJ je Liter 1 kg × 4,18 kJ/(kg·K) × 90 K
Verdampfen am Siedepunkt
2.257 kJ je Kilogramm rund das Sechsfache des Aufheizens
Bei 45 Prozent Wirkungsgrad
rund 18 g Gas je Liter gerechnet mit dem Heizwert einer Trekkingmischung

Fundstelle: Physikalische Rechnung; Wärmekapazität und Verdampfungsenthalpie von Wasser

Achtzehn Gramm Gas je Liter sind der Grund, warum Abkochen selten das Hauptverfahren für die Trinkwassermenge einer Tour ist. Wer täglich vier Liter aufbereiten muss, verbrennt dafür siebzig Gramm — bei vier Tagen fast eine ganze 230-Gramm-Kartusche zusätzlich zum Kochen. Der komplette Rechenweg steht in Vom Liter Wasser zum Gramm Gas.

Wo Abkochen die richtige Wahl ist

In vier Situationen, in denen es allen anderen Verfahren überlegen ist.

Wenn ohnehin gekocht wird. Wer abends einen Liter für Nudeln aufsetzt, hat den Liter nebenbei behandelt. Das ist der billigste Fall überhaupt: Die Energie wird sowieso aufgewandt.

Bei trübem Wasser. Der einzige Fall, in dem die anderen drei Verfahren ausdrücklich nicht anwendbar sind, während dieses ausdrücklich wirkt.

Bei Zweifeln an der Ausrüstung. Ein Filter, der Frost abbekommen hat, lässt sich unterwegs nicht prüfen — die Fasern können gerissen sein, ohne dass man es sieht. Der Grund dafür steht in Was 0,1 Mikrometer zurückhält. Abkochen ist dann die Rückfallebene, die keine Prüfung braucht.

Wenn die Virusfrage im Raum steht. Filter erfassen Viren nicht; ob ein UV-Gerät sie erfasst, hängt an seinem Prüfbericht. Das Abkochen erfasst sie nach den WHO-Daten oberhalb von 70 Grad mit mehr als fünf log-Stufen in unter einer Minute. Wann diese Frage überhaupt aufkommt, steht in Mitteleuropa oder Fernreise; die Einordnung aller vier Verfahren im Themenbereich Wasser und Filter. Wie viel Brennstoff das kostet, rechnet der Brennstoff- und Wasserbedarfsrechner.