Auf der Packung steht „0,1 µm absolut“. Die Zahl klingt endgültig, und für zwei der drei Keimklassen ist sie es auch. Für die dritte sagt sie nichts — und zwar nicht ein bisschen zu wenig, sondern um den Faktor vier daneben.

Das lässt sich nachrechnen, ohne einem Testbericht glauben zu müssen. Man braucht nur zwei Angaben, und beide stehen in demselben Dokument der Weltgesundheitsorganisation.

Die Rechnung in zwei Zeilen

0,1 Mikrometer sind 100 Nanometer. Die Virus-Prüfkeime der WHO messen 24 und 27 Nanometer.

Die Größenordnungen nebeneinander

Cryptosporidium-Oozyste
3 000 bis 5 000 nm die größte der drei Keimklassen; Prüfkeim für Protozoen
Filterpore, 0,1 µm
100 nm die verbreitete Angabe auf Hohlfaserfiltern
phiX-174-Coliphage
rund 27 nm Virus-Prüfkeim nach WHO-Protokoll, Tabelle 3
MS-2-Coliphage
rund 24 nm Virus-Prüfkeim nach WHO-Protokoll, Tabelle 3

Fundstelle: WHO Harmonized Testing Protocol v2.1 (2018), Tabelle 3 und Abschnitt 4.3

Zwischen der Oozyste und dem Phagen liegt etwa der Faktor 150. Die Pore liegt nicht in der Mitte, sondern nahe am kleinen Ende — sie ist rund dreißigmal kleiner als eine Oozyste und rund viermal größer als ein Phage.

Ein Sieb hält zurück, was größer ist als seine Maschen. Damit ist die Sache für Protozoen entschieden, für Bakterien ebenfalls, und für Viren eben auch — nur andersherum.

Wie die WHO selbst mit dieser Größenordnung umgeht

Sie zieht daraus zwei entgegengesetzte Schlüsse, und beide stehen im Prüfprotokoll.

Für Filter, die allein über Größenausschluss arbeiten, darf die Prüfung gegen Protozoen entfallen — mit der ausdrücklichen Begründung, dass Protozoen die größte der drei Klassen sind und ein Filter, der Bakterien und Viren erfasst, sie zwangsläufig mit erfasst.

Für dieselben Filter darf die Prüfung gegen Viren nicht entfallen. Sie ist der Nachweis, den ein Gerät eigens erbringen muss, wenn es die Klasse für sich beanspruchen will.

Was „absolut“ bedeutet und was nicht

„Absolut“ ist eine Aussage über die Verteilung der Poren, nicht über ihre Wirkung auf Viren.

Bei einer nominalen Porenangabe ist die genannte Größe ein Mittelwert; einzelne Poren sind größer. Bei einer absoluten Angabe soll keine Pore größer sein. Das ist ein echter Unterschied und ein gutes Argument für einen Filter — aber er wirkt innerhalb der Größenordnung, nicht über sie hinaus. Eine Membran, bei der keine Pore über 100 Nanometer liegt, ist gegenüber einem 24-Nanometer-Partikel immer noch weit offen.

Dazu kommt: Die Porenangabe ist eine Selbstauskunft. Sie ist keine Prüfgröße im Sinne des WHO-Protokolls, das ausschließlich in log-Stufen je Keimklasse arbeitet.

Was ein Größenausschlussfilter je Keimklasse leistet — mit Begründung und Fundstelle
KeimklasseErfasst?BegründungFundstelle
ProtozoenjaOozysten sind mit 3 bis 5 µm rund dreißig- bis fünfzigmal größer als eine 0,1-µm-Pore. Das WHO-Protokoll lässt für reine Größenausschlussfilter die Protozoenprüfung deshalb ausdrücklich entfallen, weil Protozoen die größte der drei Klassen sind.WHO-Protokoll, Abschnitt 4.3
BakterienjaBakterien liegen zwischen Protozoen und Viren und werden von einer Membran dieser Feinheit zurückgehalten. Das WHO-Protokoll prüft sie bei Filtern trotzdem, weil Bakterien der Prüfkeim für die Bakterienklasse sind.WHO-Protokoll, Tabelle 3
VirenneinDie von der WHO vorgeschriebenen Virus-Prüfkeime messen rund 24 und 27 nm. Eine 0,1-µm-Pore ist 100 nm weit — etwa das Vierfache. Größenausschluss kann hier nicht wirken; das WHO-Protokoll verlangt bei Filtern deshalb ausdrücklich eine eigene Virusprüfung.WHO-Protokoll, Abschnitt 4.3 und Tabelle 3

Was ein Filter dann überhaupt kann

Sehr viel — nur eben nicht alles. Er ist das einzige Verfahren, das gegen die widerstandsfähigste Klasse ohne Einschränkung wirkt.

Cryptosporidium ist der Grund, warum ein Filter auf den meisten mitteleuropäischen Touren die richtige Wahl ist. Gegen diese Oozysten helfen chemische Mittel nicht: Das WHO-Protokoll prüft chemische Entkeimungsmittel ohne besonderen Nachweis gar nicht erst dagegen und begrenzt sie deshalb auf einen Stern. Die Einzelheiten stehen in Chlor, Chlordioxid, Silber.

Ein Filter wirkt außerdem sofort, ohne Wartezeit, ohne Strom und ohne Geschmack. Er entfernt darüber hinaus Schwebstoffe — was ihn zum sinnvollen ersten Schritt macht, wenn danach ein Verfahren folgt, das trübes Wasser nicht verträgt. Wie viel Wasser dabei durch das Gerät muss, rechnet der Brennstoff- und Wasserbedarfsrechner aus — zwischen zwei Litern am Tag und zehn liegt der Unterschied zwischen Nebensache und Abendbeschäftigung.

Die zwei Ausfallarten, die man kennen muss

Verblockung senkt den Durchfluss, Frost kann die Fasern zerstören — und nur eine der beiden Störungen ist sichtbar.

Verblockung ist harmlos in dem Sinne, dass sie sich meldet: Das Filtern wird mühsam, dann geht gar nichts mehr. Der Rückhalt leidet dabei nicht. Rückspülen hilft, und wer trübes Wasser vorher absetzen lässt oder durch ein Tuch gibt, verlängert die Lebensdauer erheblich.

Frostschaden ist die gefährliche Variante. Wasser in der Hohlfasermembran dehnt sich beim Gefrieren aus und kann die Fasern reißen lassen; von außen sieht man dem Filter danach nichts an. Hersteller schließen Frostschäden regelmäßig von der Gewährleistung aus — und das ist die ehrlichste Auskunft zu diesem Punkt, die es gibt. Auf Wintertouren gehört ein benutzter Filter in den Schlafsack, wie die Kartusche auch; warum die dort ebenfalls hingehört, steht in Warum die Gaskartusche bei Kälte nachlässt.

Was auf der Packung stehen müsste

Drei Angaben, von denen meist nur die schwächste dasteht.

Rückhalt in log-Stufen, getrennt nach Klasse. Das ist die Größe, in der das WHO-Protokoll denkt, und die einzige, die sich vergleichen lässt.

Das Prüfverfahren. Ein Rückhaltwert ohne Angabe, nach welchem Protokoll er ermittelt wurde, ist eine Zahl ohne Bezug — dieselbe Lücke wie beim Wirkungsgrad von Kochern.

Die Porengröße. Sie ist nicht wertlos: Sie sagt etwas über die Bauart und über das Verblockungsverhalten. Sie ist nur nicht die Antwort auf die Frage, die man stellt.

Wer wissen will, welche Keime im mitteleuropäischen Bachwasser überhaupt zu erwarten sind, findet das in Was im Bachwasser lebt. Welches Verfahren zu welcher Tour passt, steht in Mitteleuropa oder Fernreise. Die Einordnung aller vier Verfahren steht im Themenbereich Wasser und Filter.