Eine Wanderung planen: von der Idee zur ehrlichen Gehzeit

Wie die DAV-Formel und die Naismith-Regel eine Gehzeit berechnen, warum sie sich oft eine Stunde uneinig sind und was in keiner von beiden steckt.

7 Artikel etwa 58 Min Lesezeit Aktualisiert 31. August 2026
Gepflasterter Steig quert einen Grashang, in der Ferne zwei Wanderer und ein weites Tal
Foto: Migle Siauciulyte / Unsplash

Die erste Frage vor jeder Wanderung ist auch die unbequemste: Wie lange dauert das? Auf dem Wanderschild steht eine Zahl, im Tourenportal steht eine andere, und der eigene Bauch sagt eine dritte. Dieser Themenbereich erklärt, woher die Zahlen kommen, warum sie sich unterscheiden und was sie alle nicht enthalten.

Die kurze Antwort vorweg: Die Zeit auf dem Schild ist eine Erfahrungsformel, die für genau einen Zweck festgelegt wurde — damit auf jedem Wegweiser eines Gebiets dieselbe Strecke dieselbe Zeit trägt. Sie ist kein Naturgesetz und keine Zusage. Und sie ist nur eine von zwei Formeln, die im deutschsprachigen Raum gebräuchlich sind.

Die Formel hinter dem Wanderschild

Die Zeitangabe auf einem Wanderschild in Deutschland, Österreich und Südtirol wird nach der sogenannten DAV-Formel berechnet. Sie steht im Wegehandbuch der Alpenvereine und beruft sich dort auf die DIN 33466 „Wegweiser für Wanderwege“ von 2004.

Bemessungswerte der DAV-Formel
Horizontalstrecke
4 km je Stunde entspricht etwa 15 Minuten je Kilometer in der Ebene
Aufstieg
300 Höhenmeter je Stunde bewusst am langsameren Wanderer orientiert
Abstieg
500 Höhenmeter je Stunde der Abstieg kostet also auch Zeit, nur weniger als der Aufstieg
Zusammensetzung
größerer Wert plus halber kleinerer die Zeit für Strecke und die Zeit für Höhenmeter werden nicht einfach addiert

Fundstelle: Wegehandbuch der Alpenvereine (Wegekonzept DAV/ÖAV, Stand August 2011), § 1.6.2.5, auf Grundlage der DIN 33466 (2004)

Das Wegehandbuch rechnet ein Beispiel vor: 900 Höhenmeter Aufstieg ergeben drei Stunden, acht Kilometer Strecke ergeben zwei Stunden. Der kleinere Wert — die zwei Stunden — wird halbiert und zu den drei Stunden addiert. Ergebnis: vier Stunden. Warum diese Zusammensetzung und nicht die einfache Summe, steht in Höhenmeter lesen: warum der Abstieg mitzählt.

Die zweite Formel: Naismith, 1892

Die ältere und international verbreitetere Regel stammt aus einem Tourenbericht im Journal des Scottish Mountaineering Club von 1892. Der schottische Bergsteiger William W. Naismith schrieb als letzten Satz: „eine Stunde für je drei Meilen auf der Karte, mit einer zusätzlichen Stunde für je 2.000 Fuß Aufstieg.“

Metrisch heißt das: eine Stunde je fünf Kilometer plus eine Stunde je 600 Höhenmeter Aufstieg. Zwei Unterschiede zur DAV-Formel fallen sofort auf. Naismith geht mit 5 km/h statt 4 km/h und rechnet den Abstieg gar nicht — in der Urfassung kostet Bergabgehen keine Zeit.

Reine Gehzeit für die Beispieltour Mittelgebirgs-Tagestour: 15 km, 550 hm Aufstieg, 550 hm Abstieg
FormelGehzeitrechnet den Abstieg
DAV-Formel (DIN 33466)5 h 15 minja, mit 500 hm/h
Naismith, Urfassung3 h 55 minnein
Naismith mit Langmuir-Korrektur3 h 35 minja, nach Geländeneigung

Der Abstand zwischen den beiden Formeln ist kein Rechenfehler. Es sind zwei verschiedene Erfahrungswerte, entstanden in verschiedenen Ländern und Jahrzehnten. Genau deshalb gibt der Tourenzeit-Rechner beide Zahlen nebeneinander aus, statt sich für eine zu entscheiden. Wie die Rechnung im Einzelnen aussieht und wann welche Formel besser passt, steht in Gehzeit berechnen: DAV-Formel und Naismith im Vergleich.

Was in keiner Formel steckt

Beide Formeln beschreiben einen durchschnittlichen Geher auf gutem Weg bei gutem Wetter, ohne Pause. Vier Größen, die den Unterschied zwischen der Formel und der Wirklichkeit ausmachen, kommen in keiner von beiden vor:

  • Pausen. Die DAV-Formel schließt sie ausdrücklich aus. Das Wegehandbuch nennt als Anhaltspunkt 5 bis 10 Minuten je Gehstunde — auf einer Sechs-Stunden-Tour ist das schnell eine Stunde. Details in Pausen: der Zuschlag, den keine Formel enthält.
  • Kondition. Ein trainierter Geher ist auf derselben Strecke deutlich schneller als ein ungeübter, und am Nachmittag ist jeder langsamer als am Morgen. Die englische Tranter-Korrektur versucht das über eine Tabelle zu fassen; belastbar ist keine Formel dafür.
  • Gepäck. Ein schwerer Rucksack bremst — wie stark, ist schlecht untersucht. Was das Gewicht mit dem Gehen macht, steht im Themenbereich Rucksack.
  • Untergrund. Wurzeln, nasses Geröll, ein Blockfeld: All das kostet Zeit, die keine der beiden Formeln kennt.

Der Tourenzeit-Rechner legt für diese vier Größen Aufschläge oben drauf — als klar gekennzeichnete Annahmen, nicht als Formel.

Wie schwer ein Weg ist, sagt die Zeit nicht

Eine Gehzeit sagt nichts über die Schwierigkeit. Ein leichter Talweg und ein ausgesetzter Steig können dieselbe Schildzeit tragen. Dafür gibt es zwei eigene Systeme: die SAC-Wanderskala von T1 bis T6 und die Wegekategorien blau, rot und schwarz auf den Schildern der Alpenvereine. Beide bewerten nach der schwierigsten Stelle des Weges. Was die Stufen bedeuten und wie man sie liest, steht in Blau, Rot, Schwarz und T1 bis T6: Wanderwege einordnen.

Von der Zahl zur Tour

Eine berechnete Gehzeit ist der Anfang der Planung, nicht ihr Ende. Dazu gehören die Frage, ob unterwegs Wasser zu finden ist, ein Blick auf das Wetterfenster und vor allem eine Umkehrzeit: die Uhrzeit, zu der man den höchsten Punkt erreicht haben muss, sonst kehrt man um — unabhängig davon, wie nah das Ziel ist. Wie man eine Tour zusammenstellt, steht in Tourenplanung: Karte, Wetter, Wasser, Umkehrzeit.

Was auf eine Tagestour gehört und was regelmäßig unnütz mitgetragen wird, steht in Was auf eine Tagestour gehört und in Was du für die Tagestour nicht brauchst.

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Sobald eine Übernachtung dazukommt, ändern sich die Rechengrößen: Der Rucksack wird schwerer, das Wasser muss zwischen den Quellen getragen werden, das Essen für mehrere Tage will nach Gewicht geplant sein. Das ist ein eigener Themenbereich: Trekking — mit dem Einstieg Die erste Mehrtagestour: was sich ändert.

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