Blau, Rot, Schwarz und T1 bis T6: Wanderwege einordnen
Was die Farbpunkte auf dem Wanderschild und die SAC-Wanderskala bedeuten, wonach sie bewerten und warum eine kurze Gehzeit ein schwarzer Weg sein kann.
Wie die DAV-Formel und die Naismith-Regel eine Gehzeit berechnen, warum sie sich oft eine Stunde uneinig sind und was in keiner von beiden steckt.
Die erste Frage vor jeder Wanderung ist auch die unbequemste: Wie lange dauert das? Auf dem Wanderschild steht eine Zahl, im Tourenportal steht eine andere, und der eigene Bauch sagt eine dritte. Dieser Themenbereich erklärt, woher die Zahlen kommen, warum sie sich unterscheiden und was sie alle nicht enthalten.
Die kurze Antwort vorweg: Die Zeit auf dem Schild ist eine Erfahrungsformel, die für genau einen Zweck festgelegt wurde — damit auf jedem Wegweiser eines Gebiets dieselbe Strecke dieselbe Zeit trägt. Sie ist kein Naturgesetz und keine Zusage. Und sie ist nur eine von zwei Formeln, die im deutschsprachigen Raum gebräuchlich sind.
Die Zeitangabe auf einem Wanderschild in Deutschland, Österreich und Südtirol wird nach der sogenannten DAV-Formel berechnet. Sie steht im Wegehandbuch der Alpenvereine und beruft sich dort auf die DIN 33466 „Wegweiser für Wanderwege“ von 2004.
Fundstelle: Wegehandbuch der Alpenvereine (Wegekonzept DAV/ÖAV, Stand August 2011), § 1.6.2.5, auf Grundlage der DIN 33466 (2004)
Das Wegehandbuch rechnet ein Beispiel vor: 900 Höhenmeter Aufstieg ergeben drei Stunden, acht Kilometer Strecke ergeben zwei Stunden. Der kleinere Wert — die zwei Stunden — wird halbiert und zu den drei Stunden addiert. Ergebnis: vier Stunden. Warum diese Zusammensetzung und nicht die einfache Summe, steht in Höhenmeter lesen: warum der Abstieg mitzählt.
Die ältere und international verbreitetere Regel stammt aus einem Tourenbericht im Journal des Scottish Mountaineering Club von 1892. Der schottische Bergsteiger William W. Naismith schrieb als letzten Satz: „eine Stunde für je drei Meilen auf der Karte, mit einer zusätzlichen Stunde für je 2.000 Fuß Aufstieg.“
Metrisch heißt das: eine Stunde je fünf Kilometer plus eine Stunde je 600 Höhenmeter Aufstieg. Zwei Unterschiede zur DAV-Formel fallen sofort auf. Naismith geht mit 5 km/h statt 4 km/h und rechnet den Abstieg gar nicht — in der Urfassung kostet Bergabgehen keine Zeit.
| Formel | Gehzeit | rechnet den Abstieg |
|---|---|---|
| DAV-Formel (DIN 33466) | 5 h 15 min | ja, mit 500 hm/h |
| Naismith, Urfassung | 3 h 55 min | nein |
| Naismith mit Langmuir-Korrektur | 3 h 35 min | ja, nach Geländeneigung |
Der Abstand zwischen den beiden Formeln ist kein Rechenfehler. Es sind zwei verschiedene Erfahrungswerte, entstanden in verschiedenen Ländern und Jahrzehnten. Genau deshalb gibt der Tourenzeit-Rechner beide Zahlen nebeneinander aus, statt sich für eine zu entscheiden. Wie die Rechnung im Einzelnen aussieht und wann welche Formel besser passt, steht in Gehzeit berechnen: DAV-Formel und Naismith im Vergleich.
Beide Formeln beschreiben einen durchschnittlichen Geher auf gutem Weg bei gutem Wetter, ohne Pause. Vier Größen, die den Unterschied zwischen der Formel und der Wirklichkeit ausmachen, kommen in keiner von beiden vor:
Der Tourenzeit-Rechner legt für diese vier Größen Aufschläge oben drauf — als klar gekennzeichnete Annahmen, nicht als Formel.
Eine Gehzeit sagt nichts über die Schwierigkeit. Ein leichter Talweg und ein ausgesetzter Steig können dieselbe Schildzeit tragen. Dafür gibt es zwei eigene Systeme: die SAC-Wanderskala von T1 bis T6 und die Wegekategorien blau, rot und schwarz auf den Schildern der Alpenvereine. Beide bewerten nach der schwierigsten Stelle des Weges. Was die Stufen bedeuten und wie man sie liest, steht in Blau, Rot, Schwarz und T1 bis T6: Wanderwege einordnen.
Eine berechnete Gehzeit ist der Anfang der Planung, nicht ihr Ende. Dazu gehören die Frage, ob unterwegs Wasser zu finden ist, ein Blick auf das Wetterfenster und vor allem eine Umkehrzeit: die Uhrzeit, zu der man den höchsten Punkt erreicht haben muss, sonst kehrt man um — unabhängig davon, wie nah das Ziel ist. Wie man eine Tour zusammenstellt, steht in Tourenplanung: Karte, Wetter, Wasser, Umkehrzeit.
Was auf eine Tagestour gehört und was regelmäßig unnütz mitgetragen wird, steht in Was auf eine Tagestour gehört und in Was du für die Tagestour nicht brauchst.
Sobald eine Übernachtung dazukommt, ändern sich die Rechengrößen: Der Rucksack wird schwerer, das Wasser muss zwischen den Quellen getragen werden, das Essen für mehrere Tage will nach Gewicht geplant sein. Das ist ein eigener Themenbereich: Trekking — mit dem Einstieg Die erste Mehrtagestour: was sich ändert.
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