Wer eine Gehzeit selbst nachrechnen will, muss sich zwischen zwei Formeln entscheiden — oder beide rechnen und die Spanne akzeptieren. Dieser Artikel geht beide Schritt für Schritt durch und zeigt an einer konkreten Tour, wo die Stunde Unterschied herkommt.
Die DAV-Formel: größerer Wert plus halber kleinerer
Die Formel hinter der Zeit auf dem Wanderschild steht im Wegehandbuch der Alpenvereine und beruht auf der DIN 33466. Sie geht in drei Schritten.
- Zeit für die Strecke: Streckenlänge geteilt durch 4 km/h.
- Zeit für die Höhenmeter: Aufstieg geteilt durch 300 m/h, plus Abstieg geteilt durch 500 m/h.
- Zusammensetzen: Von diesen beiden Zeiten wird der kleinere Wert halbiert und zum größeren addiert.
Beispiel: 15 km, 550 hm Aufstieg, 550 hm Abstieg
- Schritt 1 — Strecke
- 3,75 h 15 km ÷ 4 km/h
- Schritt 2 — Höhenmeter
- 2,93 h 550 ÷ 300 + 550 ÷ 500
- Schritt 3 — zusammensetzen
- 5 h 15 min größerer Wert plus halber kleinerer
Fundstelle: Wegehandbuch der Alpenvereine, § 1.6.2.5
Warum nicht einfach addieren? Weil beim Gehen die Höhenmeter und die Strecke nicht nacheinander, sondern gleichzeitig anfallen. Wer bergauf geht, legt dabei auch horizontale Meter zurück. Die Formel unterstellt, dass die kürzere der beiden Tätigkeiten „nebenbei“ mit erledigt wird — deshalb zählt sie nur zur Hälfte. Das ist eine grobe Näherung, aber eine bewusste.
Die Naismith-Regel: fünf Kilometer, sechshundert Höhenmeter
Die Naismith-Regel von 1892 ist kürzer. Sie kennt zwei Werte und addiert sie ohne den Halbierungs-Trick:
- eine Stunde je 5 km Strecke,
- eine Stunde je 600 Höhenmeter Aufstieg.
Für dieselbe Beispieltour: 15 km ÷ 5 = 3,0 Stunden, plus 550 ÷ 600 = 0,9 Stunden. Macht 3 h 55 min — und der Abstieg kommt darin gar nicht vor.
Die Langmuir-Korrektur für den Abstieg
Dass Bergabgehen keine Zeit kostet, stimmt nur bei sanftem Gefälle. Eric Langmuir hat die Regel 1984 ergänzt:
Langmuir-Abstiegskorrektur
- Mäßige Neigung (5 bis 12 Grad)
- −10 min je 300 hm auf sanftem Gefälle geht man schneller als in der Ebene
- Steile Neigung (über 12 Grad)
- +10 min je 300 hm steiler Abstieg bremst, weil jeder Schritt abgefangen werden muss
Fundstelle: Eric Langmuir, Mountaincraft and Leadership, 1984
Für die Beispieltour mit mäßigem Gefälle ergibt die Korrektur rund 18 Minuten Gutschrift, die Gehzeit sinkt auf 3 h 35 min. Die tatsächliche Geländeneigung kennt eine Formel natürlich nicht — der Tourenzeit-Rechner schätzt sie aus Höhenmetern und Strecke und weist das als Näherung aus.
Warum die beiden so weit auseinanderliegen
| Profil | km / auf / ab | DAV | Naismith + Langmuir | Differenz |
|---|---|---|---|---|
| Flache Runde im Flachland | 12 / 80 / 80 | 3 h 15 min | 2 h 30 min | 43 min |
| Mittelgebirgs-Tagestour | 15 / 550 / 550 | 5 h 15 min | 3 h 35 min | 96 min |
| Hüttenaufstieg in den Alpen | 9 / 1150 / 120 | 5 h 10 min | 3 h 40 min | 93 min |
| Steiler Abstiegstag | 11 / 250 / 1400 | 5 h | 1 h 50 min | 190 min |
| Lange Gratetappe | 22 / 900 / 950 | 7 h 55 min | 5 h 20 min | 155 min |
Drei Gründe für die Lücke:
- Das Horizontaltempo. 4 km/h gegen 5 km/h — auf 20 Kilometern ist das schon eine Stunde.
- Der Abstieg. Die DAV-Formel berechnet eine Stunde je 500 Höhenmeter Abstieg, Naismith in der Urfassung nichts. Bei einem reinen Abstiegstag wird die Lücke riesig.
- Die Absicht. Die DAV-Formel ist für Schilder gemacht und zielt bewusst auf den langsameren Wanderer, damit niemand von der Schildzeit überrascht wird. Naismith beschreibt „men in fair condition“ auf einer leichten Tour.
Welche Formel für welche Tour
Für eine Mehrtagesetappe mit vollem Rucksack gilt das besonders — dort kommt zur langsameren Formel noch der Gepäckzuschlag dazu.
Was du danach noch brauchst
Die reine Gehzeit ist die halbe Rechnung. Dazu kommen die Pausen, die in Pausen: der Zuschlag, den keine Formel enthält stehen, und das Verständnis dafür, warum der Abstieg mitzählt — das steht in Höhenmeter lesen: warum der Abstieg mitzählt. Die Einordnung des ganzen Themas steht im Themenbereich Wandern.