Kocher und Brennstoff: die Entscheidungen der Reihe nach

Erst der Brennstoff, dann die Bauart, dann die Menge: welche Zahl auf der Packung trägt, welche nicht — und wie viel Gas vier Tage wirklich brauchen.

6 Artikel etwa 61 Min Lesezeit Aktualisiert 30. August 2026
Zwei Personen halten die Haende an einen Gaskocher mit aufgesetztem Topf, der auf einem Felsblock steht
Foto: Hanna Lazar / Unsplash

Die Frage im Laden lautet fast immer „Gas oder Benzin?“. Das ist die zweite Entscheidung, nicht die erste. Die erste lautet: Wie viel Energie muss auf dieser Tour überhaupt in Töpfe hinein — und in welcher Form ist diese Energie am leichtesten zu tragen?

Das klingt umständlicher, als es ist. Der Weg dorthin hat drei Schritte, und alle drei lassen sich rechnen, statt sie zu glauben. Am Ende steht keine Empfehlung für ein Gerät, sondern eine Zahl in Gramm.

Warum auf der Packung zwei verschiedene Energiezahlen stehen können

Weil es zwei gibt, und weil keine von beiden falsch ist. Der Brennwert rechnet so, als würde der Wasserdampf, den jede Flamme erzeugt, wieder zu Wasser kondensieren und seine Wärme abgeben. Der Heizwert rechnet so, als zöge dieser Dampf davon.

Über einem Campingtopf zieht er davon. Für die Tourenplanung ist deshalb allein der Heizwert die richtige Zahl, und er liegt je nach Brennstoff sechs bis zehn Prozent unter dem Brennwert. Wer mit dem Brennwert plant, plant mit Energie, die nie im Topf ankommt.

Brennwert und Heizwert der Campingbrennstoffe, gerechnet aus den Standard-Verbrennungsenthalpien des NIST Chemistry WebBook
BrennstoffBrennwertHeizwertAbstand
Propan50,3 MJ/kg46,3 MJ/kg7,9 %
Isobutan49,4 MJ/kg45,6 MJ/kg7,7 %
n-Butan49,5 MJ/kg45,7 MJ/kg7,6 %
Reinbenzin43,0 MJ/kg
Ethanol (Brennspiritus)29,7 MJ/kg26,8 MJ/kg9,7 %
Hexamin (Trockenbrennstoff)30,0 MJ/kg28,1 MJ/kg6,3 %

Reinbenzin hat keine Summenformel und lässt sich deshalb nicht auf diesem Weg rechnen; sein Heizwert stammt aus Anhang III der Richtlinie (EU) 2018/2001, wo Ottokraftstoff mit 43 Megajoule je Kilogramm geführt wird. Dieselbe Quelle nennt Ethanol mit 27 und Propan mit 46 Megajoule je Kilogramm — beide treffen die hier gerechneten Werte auf weniger als ein Prozent. Wie diese Rechnung im Einzelnen funktioniert und warum sie beim Trockenbrennstoff sogar die Herstellerangabe bestätigt, steht in Brennwert und Heizwert im Vergleich.

Die drei Entscheidungen und ihre Reihenfolge

Zuerst der Brennstoff, dann die Bauart, dann die Menge — und nicht umgekehrt, weil jede Stufe die nächste festlegt.

Erstens der Brennstoff. Er entscheidet über das Gewicht der Energie, über das Verhalten bei Kälte und darüber, ob unterwegs Nachschub zu bekommen ist. Gas ist leicht zu dosieren und braucht keine Wartung, versagt aber unterhalb einer Temperatur, die sich ausrechnen lässt. Benzin ist temperaturunabhängig, will aber vorgeheizt und gepumpt werden. Spiritus und Trockenbrennstoff sind einfach und leise und tragen nur gut die Hälfte der Energie je Gramm.

Zweitens die Bauart. Sie entscheidet, wie viel von der Energie im Topf ankommt. Der Unterschied zwischen einem Systemkocher mit Wärmetauscher und einem offenen Spiritusbrenner im Wind ist größer als der Unterschied zwischen zwei Brennstoffen.

Drittens die Menge. Sie ist reine Rechnerei — und die einzige der drei Entscheidungen, bei der man sich nicht auf Erfahrungswerte verlassen muss.

Was EN 417 auf der Kartusche zusagt und was nicht

Die Kartuschennorm regelt Bauform, Druckfestigkeit, Ventil und Aufschrift — aber nicht die Leistung und nicht die Mischung. Nach Abschnitt 8.2 muss auf jeder Kartusche die Gasbezeichnung stehen, „z. B. Butan, Gemisch Butan-Propan“, und das Füllgewicht in Gramm. Von Anteilen ist keine Rede.

Genau deshalb findet man nirgends, wie viel Propan in einer Wintermischung steckt: Niemand ist verpflichtet, es zu sagen. Das Gewinde dagegen steht wörtlich in der Norm, mit Toleranzen auf hundertstel Millimeter — es ist kein Marktstandard, sondern eine Festlegung. Beides zusammen erklärt, warum jede Schraubkartusche auf jeden Schraubkocher passt und trotzdem keine zwei Kartuschen bei Frost gleich arbeiten. Der ganze Abschnitt steht in Was EN 417 auf der Gaskartusche wirklich zusagt.

Der Punkt, an dem Gas aufhört zu funktionieren

Eine Gaskartusche fördert nur, solange der Dampfdruck in ihrem Inneren über dem Luftdruck liegt — und dieser Druck hängt an der Temperatur. Reines n-Butan siedet bei etwa null Grad; darunter passiert nichts mehr. Isobutan siedet elf Grad tiefer, Propan bei minus zweiundvierzig.

Der interessante Teil kommt danach: Propan verdampft zuerst. Eine angebrochene Kartusche enthält deshalb weniger Propan als eine volle und wird mit jedem Kochvorgang kälteempfindlicher. Wie viel das ausmacht, lässt sich mit den Dampfdruckdaten ausrechnen — es sind knapp zehn Kelvin zwischen voll und fast leer. Die Rechnung steht in Warum die Gaskartusche bei Kälte nachlässt.

Wo der Wirkungsgrad herkommt — und warum er keine Messgröße ist

Für Outdoor-Kocher gibt es kein genormtes Prüfverfahren für den Wirkungsgrad. Das ist keine Nachlässigkeit dieser Seite, sondern der Stand der Normung: EN 417 regelt die Kartusche, die zugehörige Gerätenorm EN 521 regelt die Sicherheit tragbarer Flüssiggasgeräte. Eine Vergleichsmessung, wie sie etwa ISO 5912 für die Wassersäule von Zelten vorschreibt, existiert hier nicht.

Deshalb gibt der Brennstoff- und Wasserbedarfsrechner den Verbrauch als Spanne aus und nicht als eine Zahl. Eine einzelne Zahl wäre an dieser Stelle eine Behauptung, keine Rechnung.

Die Rechnung selbst

Sie besteht aus vier Größen, von denen zwei Physik sind und zwei Annahmen.

  1. Wassermenge. Wie viel Wasser wird über die ganze Tour erhitzt?
  2. Temperaturhub. Von der Temperatur des geschöpften Wassers bis zum Kochen. Ein Kilogramm Wasser braucht 4,18 Kilojoule je Kelvin.
  3. Wirkungsgrad. Welcher Anteil der Brennstoffenergie kommt im Topf an?
  4. Heizwert. Wie viele Kilojoule stecken in einem Gramm Brennstoff?

Die ersten beiden Größen sind exakt, die dritte ist eine Spanne, die vierte steht in der Tabelle oben. Für zwei Personen, vier Tage, zwei warme Mahlzeiten am Tag und acht Grad Außentemperatur kommen dabei rund zweihundert bis dreihundertfünfzig Gramm Gas heraus — also eine 450-Gramm-Kartusche oder zwei kleinere. Der ganze Rechenweg mit jedem Zwischenschritt steht in Vom Liter Wasser zum Gramm Gas.

Was in diesem Themenbereich noch steht

Zwei Artikel behandeln Fragen, die sich nicht aus dem Rechenweg ergeben, aber jede Tour betreffen: Wo gekocht werden darf, sagt die Gerätenorm überraschend deutlich — nachzulesen in Kochen unter Dach. Und welche Küchenausrüstung reproduzierbar zu Hause bleiben kann, steht in Küchenausrüstung, die zu Hause bleiben kann.

Wer sich fragt, wie viel Wasser überhaupt gekocht werden muss, findet die Antwort im Themenbereich Verpflegung; wer wissen will, ob das geschöpfte Wasser vorher aufbereitet werden muss, im Themenbereich Wasser und Filter.

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