Ab wann ist es Winter: vier Größen statt einer Temperatur
Wind, Nässe, Schneedecke und Tageslicht entscheiden, ob eine Tour eine Wintertour ist — nicht das Thermometer. Alle vier mit DWD-Zahlen von 1991 bis 2020.
Nicht die Temperatur macht den Unterschied, sondern Wind, Nässe, Schnee und ein Tag von sieben Stunden. Alle vier Größen in Zahlen — mit Fundstelle.
Die ehrlichste Antwort auf „ab wann brauche ich Winterausrüstung“ ist eine Gegenfrage: Wovon reden wir? Von minus zwanzig Grad in klarer Nacht, von plus zwei Grad mit Regen und Wind auf einem Kamm, oder von einer Tour, die um sechzehn Uhr im Dunkeln endet? Das sind drei völlig verschiedene Probleme, und nur eines davon lässt sich mit einer dickeren Jacke lösen.
Dieser Themenbereich beziffert alle drei. Er beginnt nicht mit Ausrüstung, sondern mit den Bedingungen — und mit der Frage, welcher Teil dessen, was du schon hast, unter diesen Bedingungen an seine Grenze kommt.
Was eine Wintertour von einer kalten Herbsttour unterscheidet, sind vier Dinge, die einzeln harmlos sind und zusammen den Unterschied ausmachen: Wind auf unbedeckter Haut, Nässe knapp über null Grad, Schnee als Untergrund und ein Tag, der auf sieben Stunden schrumpft. Jede dieser vier Größen hat eine Zahl, und jede lässt sich vor der Tour nachsehen.
Die Temperatur allein ist dabei die am wenigsten aussagekräftige. Sie steht in jeder Vorhersage, sie klingt eindeutig, und sie beantwortet keine der vier Fragen. Wie das im Einzelnen aussieht, steht in Ab wann es Winter ist.
Fundstelle: Fundstellen im Einzelnen jeweils im verlinkten Artikel
Weil er die Zahl auf dem Thermometer um mehr als zehn Kelvin verschieben kann, ohne dass sich die Luft ändert. Die folgende Tabelle zeigt neun DWD-Stationen im Winterhalbjahr — und in der letzten Spalte, was aus einer Lufttemperatur von −3 °C bei dem dort üblichen Wind wird.
| Station | Höhe | Tagesmittel unter −5 °C | Tagesmittel −1 bis +5 °C | Schneedecke ≥ 1 cm | mittlerer Wind | −3 °C fühlen sich an wie |
|---|---|---|---|---|---|---|
| Brocken | 1.135 m | 27,9 % | 30,5 % | 94 % | 49 km/h | −12 °C |
| Fichtelberg | 1.213 m | 33,8 % | 28,5 % | 96 % | 40 km/h | −11 °C |
| Kahler Asten | 839 m | 18,1 % | 44,7 % | 77 % | 26 km/h | −10 °C |
| Wasserkuppe | 920 m | 20,4 % | 41,4 % | 75 % | 27 km/h | −10 °C |
| Oberstdorf | 806 m | 22,0 % | 45,7 % | 82 % | 6 km/h | −5 °C |
| München-Stadt | 515 m | 7,7 % | 47,2 % | 35 % | 10 km/h | −7 °C |
| Dresden-Klotzsche | 227 m | 10,1 % | 49,4 % | 31 % | 18 km/h | −9 °C |
| Hamburg-Fuhlsbüttel | 11 m | 4,8 % | 49,0 % | 16 % | 16 km/h | −8 °C |
| Köln-Bonn | 92 m | 2,8 % | 46,6 % | 10 % | 13 km/h | −8 °C |
Die letzte Spalte ist der Punkt. Oberstdorf und der Brocken liegen im Winter temperaturmäßig gar nicht so weit auseinander — beim Wind trennt sie ein Faktor acht. Dieselbe Lufttemperatur bedeutet an beiden Orten etwas völlig anderes. Wie die Formel dahinter funktioniert und was sie ausdrücklich nicht sagt, steht in Windchill: was die gefühlte Temperatur sagt; den Rechenweg zum Nachvollziehen gibt es im Kältebelastungs-Rechner.
Weil er in den Höhenlagen, aus denen die meisten Touren starten, fast nie richtig kalt wird. An der Station Köln-Bonn liegt das Tagesmittel an 38,9 Prozent aller Wintertage über +5 °C und nur an 2,8 Prozent unter −5 °C; eine Schneedecke von 20 Zentimetern gab es dort zwischen 1991 und 2020 im Jahresmittel an null Tagen.
Auch in den Mittelgebirgen bleibt der häufigste Fall das Tagesmittel zwischen −1 und +5 °C: 44,7 Prozent am Kahlen Asten, 41,4 Prozent auf der Wasserkuppe, 45,7 Prozent in Oberstdorf. Genau in diesem Band liegt auch der Niederschlag, und genau dort wird es unangenehm — nicht wegen der Kälte, sondern wegen der Verdunstung. Warum das der schwierigere Fall ist, steht in Null bis fünf Grad.
Unterkühlung ist keine Frage des Empfindens, sondern eine Definition: ein Abfall der Körperkerntemperatur unter 35 °C. Das ist der Stand der Leitlinien des European Resuscitation Council von 2025, und sie sind auf dieser Seite die einzige Quelle für alles Medizinische. Ohne Thermometer wird die Schwere nach dem Revidierten Schweizer System eingestuft — allein am Bewusstseinszustand.
Erfrierungen sind das andere Ende: eine örtliche Schädigung, die dort beginnt, wo Haut ungeschützt im Wind liegt. Beide Themen behandeln Unterkühlung erkennen und Erfrierungen — beschreibend, mit Fundstelle je Aussage und ohne Behandlungsanleitung.
Es gibt dafür eine Norm, und sie sagt etwas Unerwartetes. ISO 11079:2007 definiert die Größe IREQ, die erforderliche Kleidungsisolation, und sie führt sie in zwei Stufen: eine Mindestisolation, unterhalb derer der Körper fortschreitend auskühlt, und eine neutrale, oberhalb derer es zu warm wird. Zwischen beiden liegt eine Spanne, die die Norm ausdrücklich als Regelbereich bezeichnet.
Der zweite unerwartete Satz steht im Vorgängerdokument: Zu viel Isolation erhöht das Risiko von Überhitzung, starkem Schwitzen, Feuchteaufnahme in der Kleidung — und damit von fortschreitender Unterkühlung. Die Norm warnt also vor zu warmer Kleidung, nicht nur vor zu kalter. Was daraus folgt, steht in Wärmehaushalt und in Wann du keine Winterausrüstung brauchst.
Ausrüstung fällt im Winter in einer bestimmten Reihenfolge aus, und der erste Ausfall ist selten die Jacke. Die Gaskartusche verliert Druck, bevor irgendjemand friert; ein Trinkschlauch friert am Mundstück zu, nicht in der Blase; ein Hohlfaserfilter kann beim Durchfrieren im Inneren reißen, ohne dass man ihm etwas ansieht. Die Reihenfolge und der jeweilige physikalische Grund stehen in Was in der Kälte zuerst versagt.
Dazu kommt eine Rechnung, die viele überrascht: Wasser aus Schnee kostet rund doppelt so viel Brennstoff wie Wasser aus dem Bach. Warum, steht in Schnee schmelzen.
Zwischen dem nördlichsten und dem südlichsten Punkt Deutschlands liegen am kürzesten Tag 77 Minuten Unterschied — und gegenüber dem Juni fehlen überall acht bis zehn Stunden Licht.
| Ort | 21. Dezember | 21. Juni | Unterschied |
|---|---|---|---|
| List auf Sylt | 7 h 10 min | 17 h 23 min | 10,2 h |
| Hamburg | 7 h 27 min | 17 h 04 min | 9,6 h |
| Kahler Asten | 7 h 53 min | 16 h 35 min | 8,7 h |
| Fichtelberg | 8 h 00 min | 16 h 27 min | 8,4 h |
| Oberstdorf | 8 h 27 min | 15 h 57 min | 7,5 h |
Das ist die Größe, die eine Wintertour am häufigsten kippen lässt — nicht die Kälte. Was das für Umkehrzeit und Etappenlänge bedeutet, steht in Kurze Tage und in der allgemeinen Tourenplanung.
Über den Kopf gingen 40 bis 45 Prozent der Körperwärme verloren. Alkohol wärme. Baumwolle töte. Schnee isoliere. Alle vier Sätze stehen in unzähligen Ratgebern; keiner davon hält einer Prüfung an der Primärliteratur so stand, wie er dort steht — und der erste stammt nachweislich aus einem Handbuch, das an anderer Stelle eine andere Zahl nennt.
Weil bei Mythen die Richtigstellung der eigentliche Inhalt ist, hat das einen eigenen Artikel: Vier Wintermythen, nachgerechnet.
Skitouren und Lawinenkunde. Beides gehört in die Hände von Menschen mit entsprechender Ausbildung, und beides ist ein Sicherheitsthema, bei dem eine halbe Antwort schlechter ist als keine. Diese Seite lässt es deshalb vollständig aus — auch am Rand.
Ebenfalls nicht hier: der systematische Aufbau eines Lagensystems. Der Themenbereich Bekleidung ist eigenständig geplant; was der Winter an dem ändert, was du schon hast, steht dagegen sehr wohl hier.
Wind, Nässe, Schneedecke und Tageslicht entscheiden, ob eine Tour eine Wintertour ist — nicht das Thermometer. Alle vier mit DWD-Zahlen von 1991 bis 2020.
Woher die Zeitangaben der amtlichen Tabelle kommen, welche Hauttemperatur dahintersteckt und warum die Grade erst nach dem Auftauen bestimmbar sind.
Was der Kältebelastungs-Rechner tut: die Windchill-Formel im Detail, die übernommene Erfrierungstabelle und der einzige Wert, den diese Seite selbst setzt.
Der kürzeste Tag dauert in Deutschland 7 bis 8,5 Stunden. Was das für Umkehrzeit, Etappenlänge und Pausen bedeutet — mit gerechneten Tageslängen.
Zehn Zentimeter unberührter Schnee isolieren besser als jede Isomatte — bis du dich darauflegst. Die Rechnung dazu und was am Zelt anders wird.
Das häufigste deutsche Winterwetter liegt knapp über null und ist nass. Was das physikalisch bedeutet, warum keine Norm es abbildet und was daraus folgt.
Rund die doppelte Menge — und deutlich weniger Schnee als gedacht. Die Rechnung mit der Schmelzenthalpie und gemessenen deutschen Schneedichten.
Die Stadien nach den ERC-Leitlinien 2025, was das Revidierte Schweizer System ohne Thermometer leistet und welche Zeichen vorher kommen.
40 Prozent über den Kopf, Alkohol wärmt, Baumwolle tötet, Schnee isoliert: was an den vier Sätzen dran ist — mit der Primärliteratur dahinter.
Die meisten deutschen Wintertouren finden bei null bis fünf Grad und Nässe statt. Wer für minus 20 Grad kauft, kauft an der eigenen Realität vorbei.
ISO 11079 rechnet die erforderliche Kleidungsisolation aus Aktivität und Wetter — in zwei Stufen, mit einer Warnung vor zu viel Isolation.
Ausrüstung fällt im Winter in einer Reihenfolge aus, und die Jacke steht nicht am Anfang. Sieben Teile, ihr physikalischer Grund und was jeweils hilft.
Die Formel von 2001 beschreibt eine unbedeckte Wange bei klarem Nachthimmel. Woher jede Annahme stammt, wo der Index gilt und was er nicht bedeutet.