Der Weg in den Laden beginnt fast immer mit derselben Vorstellung: klare Luft, Neuschnee, minus fünfzehn Grad. Es ist ein schönes Bild, es steht in jedem Katalog, und für die überwiegende Mehrheit der Touren, die von diesem Bild ausgehend ausgerüstet werden, ist es falsch.
Dieser Artikel rechnet nach, wie oft in Deutschland tatsächlich Bedingungen herrschen, für die man eigene Winterausrüstung braucht — und benennt die vier Fälle, in denen die Antwort trotzdem Ja lautet.
Wie selten es wirklich richtig kalt wird
An zwei bis neun von neunzig Wintertagen, je nach Höhenlage. Die folgende Auswertung zählt für neun DWD-Stationen die Wintertage mit einem Tagesmittel unter −10 °C und rechnet den Anteil auf einen Neunzigtage-Winter um.
| Station | Höhe | Tagesmittel unter −10 °C | umgerechnet auf 90 Wintertage | Tage mit ≥ 20 cm Schnee je Jahr | höchste gemessene Schneehöhe |
|---|---|---|---|---|---|
| Köln-Bonn | 92 m | 0,3 % | 0 Tage | 0,0 | 24 cm |
| Hamburg-Fuhlsbüttel | 11 m | 0,5 % | 0 Tage | 0,7 | 31 cm |
| München-Stadt | 515 m | 0,8 % | 1 Tage | 1,1 | 38 cm |
| Dresden-Klotzsche | 227 m | 2,0 % | 2 Tage | 1,5 | 40 cm |
| Kahler Asten | 839 m | 2,8 % | 3 Tage | 52,4 | 116 cm |
| Wasserkuppe | 920 m | 3,1 % | 3 Tage | 39,3 | 110 cm |
| Brocken | 1.135 m | 5,8 % | 5 Tage | 124,2 | 230 cm |
| Oberstdorf | 806 m | 6,6 % | 6 Tage | 51,7 | 150 cm |
| Fichtelberg | 1.213 m | 8,4 % | 8 Tage | 124,7 | 225 cm |
Die Zeile Köln-Bonn ist die aussagekräftigste: 0,3 Prozent der Wintertage unter −10 °C, im Jahresmittel null Tage mit einer Schneedecke von 20 Zentimetern, höchste je in der Periode gemessene Schneehöhe 24 Zentimeter. Wer dort wohnt und für minus zwanzig Grad kauft, kauft für eine Bedingung, die in dreißig Jahren nicht eingetreten ist.
Selbst auf dem Fichtelberg auf 1 213 Metern liegt das Tagesmittel nur an 8,4 Prozent der Wintertage unter −10 °C. Die anderen 91,6 Prozent sind Bedingungen, für die eine gute Herbstausrüstung reicht — vorausgesetzt, sie ist winddicht und sie ist trocken.
Warum zu viel Isolation ein eigenes Risiko ist
Weil die Norm selbst davor warnt. Der Vorgängertext zur heutigen ISO 11079 hält in seinem Abschnitt zur praktischen Bewertung drei mögliche Lagen fest, wenn man vorhandene mit erforderlicher Isolation vergleicht. Die dritte lautet sinngemäß: Die gewählte Kleidung isoliert mehr als nötig — zu viel Isolation kann das Risiko von Überhitzung, starkem Schwitzen und Feuchteaufnahme in der Kleidung erhöhen und damit ein nachgelagertes Risiko fortschreitender Unterkühlung.
Das ist bemerkenswert, weil eine Sicherheitsnorm hier nicht vor zu wenig Schutz warnt, sondern vor zu viel. Der Mechanismus ist derselbe wie in Null bis fünf Grad: Wer schwitzt, macht seine Isolation nass, und nasse Isolation kostet nach der Messung von Henriksson und Kollegen 19 bis 42 Prozent mehr Wärmeverlust.
- IREQmin (minimal required clothing insulation)
- m² · K · W⁻¹ die Mindestisolation, mit der das Wärmegleichgewicht noch gehalten wird — allerdings auf abgesenktem Niveau der mittleren Körpertemperatur. Darunter kühlt der Körper fortschreitend aus.
- IREQneutral (neutral required clothing insulation)
- m² · K · W⁻¹ die Isolation, die thermische Neutralität herstellt: Wärmegleichgewicht bei normaler mittlerer Körpertemperatur, also ohne nennenswerte Auskühlung.
Fundstelle: ISO/TR 11079:1993, Abschnitt 5.4.2; Formelzeichen unverändert in ISO 11079:2007, Abschnitt 3.2
Zwischen beiden liegt eine Spanne, die die Norm als Regelbereich bezeichnet — der Bereich, in dem jeder selbst entscheidet. Wer sich am oberen Ende einrichtet und dann bergauf geht, verlässt ihn nach oben. Mehr dazu in Wärmehaushalt.
Die vier Anschaffungen, die sich meistens nicht lohnen
Ein zweiter, wärmerer Schlafsack. Weil sich Komforttemperaturen nicht addieren, R-Werte aber schon. Zwei Isomatten übereinander erhöhen den R-Wert rechnerisch als Summe — das steht so in Zwei Matten kombinieren und ist fast immer die günstigere Lösung. Was ein bestehendes Schlafsystem trägt, sagt der Schlafsystem-Rechner.
Ein Expeditionsdaunenparka. Er ist für Standzeiten in großer Kälte gebaut, nicht fürs Gehen. Auf einer Tour im Nässeband trägt man ihn zwei Minuten und zieht ihn dann wieder aus, weil man darin sofort schwitzt.
Eine Ausrüstung für minus 20 Grad, wenn die Realität minus 5 heißt. Siehe die Tabelle oben. Die Frage ist nicht, ob es kälter werden kann, sondern wie oft — und ob man an genau diesen Tagen tatsächlich losgeht.
Schneeschuhe für den Fall der Fälle. In den Mittelgebirgen liegt die Schneedecke an 32 bis 52 Tagen im Jahr über 20 Zentimetern, und nur ein Teil davon fällt auf Tage, an denen man Zeit hat. Wer im Jahr zwei Touren geht, für die sie nützlich wären, mietet günstiger als er kauft.
Was stattdessen wirkt — und wenig kostet
Kopf, Hals, Hände abdecken
Wind auf unbedeckter Haut — die einzige Größe, die der Windchill-Index überhaupt beschreibt.
- Setzt genau dort an, wo die Formel rechnet
- Wenig Gewicht, wenig Geld
- Wirkt sofort und ist reversibel
- Ändert nichts am Wärmehaushalt des Rumpfes
- Geht verloren, wird vergessen
Eine trockene Reserveschicht
Nasskalte Tage und die Pause, in der die Wärmeproduktion wegfällt.
- In der Wärmepuppen-Messung so wirksam wie eine zusätzliche Isolationslage
- Funktioniert auch am Lagerplatz und im Notfall
- Nur wirksam, wenn sie wirklich trocken bleibt
- Braucht Platz im Rucksack
Winddichte statt dickere Außenlage
Kammlagen und offene Hochflächen, wo der Wind den Unterschied macht.
- Der größte Teil des Windchill-Effekts entsteht schon zwischen 0 und 20 km/h
- Leichter als eine dicke Isolationsschicht
- Ohne Belüftung schnell zu warm beim Aufstieg
- Ersetzt keine Isolation bei Standzeiten
Wann du sie tatsächlich brauchst
Vier Fälle, und sie sind gut abgrenzbar.
Wenn du im Winter draußen übernachtest. Nicht die Tagestour ist der kritische Fall, sondern die Nacht: acht bis zwölf Stunden ohne Wärmeproduktion, auf einem Untergrund, der nach unten Wärme abzieht. Was das Schlafsystem dann leisten muss, steht in Komfort, Limit, Extrem und in Der R-Wert erklärt; was Schnee als Untergrund dazu beiträgt, in Lager auf Schnee.
Wenn du in exponierten Lagen unterwegs bist. Auf dem Brocken beträgt der mittlere Wind im Winter 48,6 km/h. Bei −3 °C Lufttemperatur ergibt die Windchill-Formel dort −12 °C — neun Kelvin unter dem, was in derselben Situation in Oberstdorf herauskäme.
Wenn die Tour lang genug ist, dass ein Wetterwechsel hineinfällt. Eine Zweistundenrunde übersteht man notfalls falsch angezogen. Ein Achtstundentag mit Wetterumschwung ist etwas anderes — dafür braucht es Reserve, und zwar funktionierende.
Wenn du langsam bist oder lange stehst. Fotografieren, Beobachten, Warten auf Nachzügler: Ohne Wärmeproduktion aus Bewegung gelten andere Anforderungen als beim Gehen. Genau das ist die Größe, die ISO 11079 über die Stoffwechselrate einrechnet.
Was dieser Artikel nicht sagt
Dass Kälte harmlos wäre. Unterkühlung entsteht nicht erst bei arktischen Temperaturen, sondern bei Nässe, Wind und Erschöpfung im Bereich um den Gefrierpunkt — woran man sie erkennt, steht in Unterkühlung erkennen.
Und er sagt auch nicht, dass man nichts kaufen soll. Er sagt, dass die Frage „wie kalt wird es bei dir wirklich“ vor der Frage „welches Produkt“ kommt. Die Zahlen dafür stehen in Ab wann es Winter ist, der Überblick im Pillar Winter draußen.
FAQ
Ich friere schnell — gilt die Rechnung für mich auch?
Die Klimazahlen ja, die Schlussfolgerung nur teilweise. Wie viel Isolation jemand braucht, hängt neben dem Wetter an der Stoffwechselrate, und die ist individuell. Das ist genau der Grund, warum ISO 11079 die erforderliche Isolation über die Aktivität rechnet und nicht über eine Tabelle „Temperatur → Jacke“.
Reicht meine Herbstausrüstung wirklich für den Winter?
Für den überwiegenden Teil der Tage: wahrscheinlich, wenn sie winddicht ist und du eine trockene Reserve dabeihast. Für die Nacht draußen: fast sicher nicht, weil dort die Matte entscheidet und Sommermatten deutlich zu wenig R-Wert haben.
Was ist mit Kindern und älteren Menschen?
Für beide Gruppen gilt die Klimastatistik unverändert, die Belastungsgrenze aber nicht. Diese Seite macht dazu keine Aussage, weil sie dafür keine belastbare Quelle hat — die medizinischen Leitlinien, die hier verwendet werden, behandeln Erkennung und Notfallversorgung, nicht Ausrüstungsempfehlungen für Risikogruppen.