Schnee ist ein hervorragender Wärmedämmstoff. Das ist kein Ratgeberspruch, sondern der erste Satz der Einleitung einer glaziologischen Arbeit, aus der die Zahlen dieses Artikels stammen. Der Haken ist, dass genau die Eigenschaft, die Schnee zum Dämmstoff macht, unter einem liegenden Menschen verschwindet.
Dieser Artikel rechnet nach, wie gut Schnee tatsächlich isoliert, was davon übrig bleibt, wenn man sich darauflegt, und was am Zeltaufbau auf Schnee anders ist als auf Erde.
Wie gut Schnee wirklich isoliert
Das hängt an einer einzigen Größe: der Dichte. Sturm, Holmgren, König und Morris haben 1997 einen Datensatz von 488 Messungen veröffentlicht, für die Temperatur, Schneeart und Messgenauigkeit bekannt waren, und daran zwei Regressionen gefittet:
k = 0,138 − 1,01 ρ + 3,233 ρ² für Dichten von 0,156 bis 0,6 g/cm³ k = 0,023 + 0,234 ρ für Dichten unter 0,156 g/cm³
mit ρ in Gramm je Kubikzentimeter und k in Watt je Meter und Kelvin. Das Bestimmtheitsmaß der ersten Gleichung liegt bei 0,79.
Daraus lässt sich ein Wärmedurchlasswiderstand rechnen — dieselbe Größe, die bei Isomatten als RSI-Wert auf der Verpackung steht. Für eine zehn Zentimeter dicke Schicht ergibt sich:
| Dichte | Wärmeleitfähigkeit | 10 cm ergeben RSI | in R-Wert-Darstellung | im Vergleich zu ruhender Luft |
|---|---|---|---|---|
| 0,10 g/cm³ | 0,046 W/(m·K) | 2,16 m²K/W | R 12,2 | 1,9-fach |
| 0,16 g/cm³ | 0,059 W/(m·K) | 1,69 m²K/W | R 9,6 | 2,4-fach |
| 0,24 g/cm³ | 0,082 W/(m·K) | 1,22 m²K/W | R 6,9 | 3,3-fach |
| 0,31 g/cm³ | 0,136 W/(m·K) | 0,74 m²K/W | R 4,2 | 5,4-fach |
| 0,41 g/cm³ | 0,267 W/(m·K) | 0,37 m²K/W | R 2,1 | 10,7-fach |
| 0,52 g/cm³ | 0,487 W/(m·K) | 0,21 m²K/W | R 1,2 | 19,5-fach |
Der obere Teil der Tabelle ist der bemerkenswerte. Zehn Zentimeter lockerer Neuschnee bringen rechnerisch RSI 2,16 — das ist mehr, als jede handelsübliche Isomatte leistet, und ein Vielfaches dessen, was eine Sommermatte hat. Zur Einordnung: Die Prüfunterlage, auf der Schlafsäcke nach ISO 23537-1 gemessen werden, liegt bei rund RSI 0,85; die Einzelheiten stehen in Der R-Wert erklärt.
Was beim Draufliegen passiert
Die untersten Zentimeter werden zu einer dichten, harten Schicht. Wie stark der Effekt ist, zeigt der Blick auf die Tabelle: Zwischen 0,1 und 0,41 g/cm³ fällt der RSI-Wert derselben zehn Zentimeter von 2,16 auf 0,37 — auf ein Sechstel.
Dazu kommt eine zweite Eigenschaft, die Erde nicht hat: Schnee liegt bei höchstens null Grad. Ein Waldboden im Herbst hat oft fünf bis acht Grad und ist damit selbst eine Wärmequelle; Schnee kann das nie sein.
Dieselbe Rechnung erklärt nebenbei etwas Widersinniges: Alter, verdichteter Schnee — Firn — trägt zwar besser, isoliert aber deutlich schlechter als frischer. Wer den festen Untergrund sucht, sucht damit gleichzeitig den schlechteren Dämmstoff.
Beide Punkte zusammen ergeben die praktische Regel für das Winterlager: Was zwischen Körper und Untergrund liegt, muss die Arbeit alleine machen. R-Werte addieren sich nach ASTM F3340, und zwei Matten übereinander sind die belegbare Lösung — nachzulesen in Zwei Matten kombinieren und rechenbar im Schlafsystem-Rechner, der den Untergrund als Eingabe führt.
- ruhende Luft
- 0,025 W/(m·K) Größenordnung, in jedem Physiklehrbuch; hier nur als Maßstab
- Eis Ih bei 0 °C
- 2,200 W/(m·K) Größenordnung; hier nur als Maßstab
- Schnee bei 0,31 g/cm³ (Median deutscher Schneedecken)
- 0,136 W/(m·K) gerechnet nach Sturm u. a. 1997 aus der selbst ausgewerteten DWD-Schneedichte
Fundstelle: Sturm, M., Holmgren, J., König, M. und Morris, K., Journal of Glaciology 43(143), 1997, S. 26–41
Warum die Fläche gestampft gehört
Weil ein ungleichmäßig verdichteter Untergrund über Nacht ungleichmäßig nachgibt. Wer die Zeltfläche vor dem Aufbau flächig verdichtet und dann zwanzig Minuten stehen lässt, bekommt eine Fläche, die sich verfestigt hat und danach kaum noch absackt. Wer direkt aufbaut, findet morgens eine Kuhle unter jeder Auflagefläche.
Das ist Sinterung: Schneekristalle verbinden sich unter Druck und über Zeit neu. Die Wartezeit von etwa zwanzig Minuten ist eine gängige Praxisangabe und keine gemessene Größe — sie steht hier als solche gekennzeichnet und nicht als Zahl mit Fundstelle.
Der Preis der Verdichtung ist die Isolation: Ein gestampfter Untergrund liegt in der Tabelle oben weit rechts. Beides zugleich geht nicht — man verdichtet für die Stabilität und ersetzt die verlorene Isolation über die Matten.
Wie ein Zelt auf Schnee hält
Über Fläche, nicht über Spitze. Ein normaler Hering braucht Reibung im Erdreich; in Schnee zieht er sich unter Zug einfach heraus. Die Techniken, die funktionieren, arbeiten deshalb alle mit einer waagerecht vergrabenen Fläche — ein quer eingegrabener Gegenstand, an dem die Abspannschnur mittig befestigt ist, wird zum sogenannten Totmann.
Alles Weitere zur Aufbaurichtung, zur Reihenfolge und zum Verhalten bei Wind gilt auf Schnee unverändert und steht in Sturmfest aufbauen.
Was Spindrift ist und warum er ein Problem ist
Spindrift ist vom Wind getriebener, sehr feiner Schnee, der sich wie eine Flüssigkeit verhält und in jede Öffnung dringt. Er fällt nicht von oben, sondern wird von der Oberfläche aufgenommen und waagerecht transportiert — bei Wind kann es also schneien, ohne dass eine Wolke am Himmel steht.
Das Problem ist nicht der Schnee draußen, sondern der Schnee innen. Spindrift sammelt sich in der Apside, unter dem Überzelt, in offenen Lüftern und in jeder Tasche, die nach oben offen ist. Über Nacht wird daraus eine dünne Schicht, die mit dem Zelt zusammen aufgeht und beim Einpacken mitgenommen wird — Gewicht, das nirgends geplant ist.
Die Gegenmaßnahmen sind Bauartfragen: geschlossene Apsiden, tief liegende Lüfter, Schneelappen am Überzeltrand. Wer sein vorhandenes Zelt mitnimmt, kann den Effekt vor allem über die Aufstellrichtung und über eine Windschutzmauer aus Schnee begrenzen.
Warum Lüften auf Schnee besonders wichtig ist
Weil die Zeltwand kälter ist als sonst und weil Frost anders ausfällt als Tau. Unterhalb von null Grad kondensiert die Feuchtigkeit nicht als Wasser, sondern schlägt sich als Reif nieder — und der bleibt an der Wand, bis er beim ersten Sonnenstrahl oder beim ersten Anstoßen als Schneefall im Zelt herunterkommt.
Der Rechenweg dahinter, einschließlich der Eis-Variante der Magnus-Gleichung, steht in Kondenswasser im Zelt, und die eigenen Werte lassen sich im Kondens-Rechner einsetzen. Die winterspezifische Ergänzung ist einfach: Eine zugeschneite Lüftungsöffnung ist keine Lüftungsöffnung mehr. Wer abends baut und nachts Schneefall bekommt, hat morgens möglicherweise ein dicht verschlossenes Zelt.
Was auf Schnee rechtlich anders ist
Nichts an den Vorschriften selbst — aber die Wirkung ändert sich. Wer im Winter in einem Schutzgebiet unterwegs ist, bewegt sich in einer Zeit, in der Wildtiere mit knappen Energiereserven auskommen müssen; Störungen kosten sie Fluchtenergie, die sie nicht ersetzen können. Welche Regeln in Nationalparks und Naturschutzgebieten gelten und wo sie herkommen, steht in Nationalparks und Naturschutzgebiete; der Grundsatz zum Übernachten in Wildcampen in Deutschland.
Der Überblick über den ganzen Themenbereich steht im Pillar Winter draußen, die Bedingungen, unter denen sich die Frage überhaupt stellt, in Ab wann es Winter ist. Und weil Wasser am Lagerplatz im Winter fast immer aus Schnee kommt, gehört Schnee schmelzen zur selben Planung: Der Untergrund ist dann nicht nur Isolationsfrage, sondern auch Wasservorrat.
FAQ
Ist eine Schneehöhle wärmer als ein Zelt?
Physikalisch spricht die Tabelle oben dafür: Eine Schneedecke von mehreren Dezimetern über einem Hohlraum dämmt erheblich, und der Innenraum bleibt nahe null Grad, während es draußen deutlich kälter sein kann. Der Bau einer Schneehöhle ist allerdings eine Technik mit eigenen Risiken, die diese Seite nicht anleitet.
Warum wird Schnee unter dem Zelt hart wie Beton?
Weil Druck und Zeit die Kristalle neu verbinden — Sintern. Das ist derselbe Vorgang, der eine gestampfte Fläche tragfähig macht. Für die Isolation ist er schlecht, für die Stabilität gut.
Kann ich meine Isomatte auf Schnee einfach doppelt nehmen?
Ja, und das ist die belegbare Antwort auf die höhere Anforderung. Die R-Werte addieren sich nach ASTM F3340; die Bedingung und die Grenzen dieser Addition stehen in Zwei Matten kombinieren.