Es hat nicht geregnet. Der Himmel war klar, die Nacht kühl, das Zelt neu. Trotzdem läuft morgens Wasser die Innenseite hinunter, der Fußteil des Schlafsacks ist klamm, und der erste Gedanke lautet: Das Zelt ist undicht.

Ist es fast nie. Was hier passiert, ist keine Undichtigkeit, sondern eine Zustandsänderung — dieselbe, die eine Bierflasche im Sommer beschlagen lässt. Und sie folgt Regeln, die sich ausrechnen lassen.

Was Kondensation eigentlich ist

Luft kann Wasser nur als unsichtbaren Dampf enthalten, und zwar begrenzt. Die Grenze heißt Sättigungsdampfdruck und hängt fast ausschließlich von der Temperatur ab. Wird Luft abgekühlt, sinkt diese Grenze — irgendwann passt nicht mehr alles hinein, und der Überschuss fällt als flüssiges Wasser aus.

Die Temperatur, bei der das passiert, ist der Taupunkt. Er ist keine Eigenschaft des Zelts, sondern der Luft darin.

LufttemperaturSättigungsdampfdruckWassergehalt bei 100 % Feuchte
+20 °C23,33 hPa17,24 g/m³
+15 °C17,02 hPa12,8 g/m³
+10 °C12,26 hPa9,38 g/m³
+5 °C8,72 hPa6,79 g/m³
0 °C6,11 hPa4,85 g/m³
−5 °C4,02 hPa *3,25 g/m³
−10 °C2,6 hPa *2,14 g/m³

* Unter dem Gefrierpunkt über Eis gerechnet — dort schlägt sich Feuchtigkeit als Reif nieder, nicht als Tau.

Diese Tabelle ist die halbe Antwort auf alles. Zwischen 20 °C und 0 °C verliert Luft rund drei Viertel ihrer Aufnahmefähigkeit. Genau deshalb ist Kondens im Sommer selten und im Herbst der Normalfall: Nicht die Menge des abgegebenen Wassers ändert sich, sondern der Platz dafür.

Die Werte stammen nicht von uns. Sie folgen der Magnus-Gleichung in der Parametrisierung, die die Weltorganisation für Meteorologie in ihrer Richtlinie für meteorologische Messungen angibt — WMO-No. 8, Kapitel 4, Anhang 4.B. Über Wasser gilt sie von −45 °C bis +60 °C, über Eis von −65 °C bis 0 °C.

Warum die Zeltwand kälter ist als die Luft

Jetzt kommt der Teil, der den Satz „es hat doch gar nicht geregnet“ erklärt.

Eine dünne Zeltbahn strahlt Wärme ab wie jeder Körper. Bei bedecktem Himmel strahlen die Wolken zurück, und die Bilanz bleibt ungefähr ausgeglichen. Bei klarem Himmel strahlt die Bahn gegen den kalten Weltraum ab und bekommt fast nichts zurück. Sie wird dabei kälter als die Luft um sie herum.

Wie viel Wasser ein Schläfer abgibt

Die zweite Hälfte der Rechnung ist die Quelle. Ein Mensch gibt über Atmung und Haut ständig Wasser ab, auch im Schlaf. Der Schimmelleitfaden des Umweltbundesamts nennt in Tabelle 6 für einen Menschen bei leichter Aktivität und 20 °C Raumtemperatur 30 bis 40 Gramm pro Stunde (Quelle dort: Fraunhofer-Institut für Bauphysik, Holzkirchen).

Der Rechner arbeitet mit 40 g/h, also dem oberen Rand — und das aus einem physikalischen Grund, der im Zelt gerade umgekehrt wirkt als in der Wohnung: Im Schlaf sinkt zwar die Aktivität, die Atmung gibt in kalter Luft aber mehr Wasser ab. Eingeatmete Luft bei 0 °C enthält kaum Feuchtigkeit; ausgeatmete Luft verlässt den Körper nahezu gesättigt bei Körpertemperatur. Die Differenz trägt der Schläfer aus.

Die Größenordnung einer Nacht
Eine Person, 8 Stunden
320 g Rund ein Drittel Liter — mehr als eine Tasse.
Zwei Personen, 8 Stunden
640 g Ein guter halber Liter Wasser, der irgendwohin muss.
Nasse Kleidung im Innenraum
+ 40 g/h Planungsannahme: Eine durchnässte Jacke trocknet über Nacht und gibt genau das Wasser an die Zeltluft ab.
Kochen im Innenraum
+ 150 g/h Nur als Rechengröße. Wegen Kohlenmonoxid lebensgefährlich und keine Empfehlung.

Fundstelle: Ausgangswert: UBA-Schimmelleitfaden 2024, Tabelle 6 (Quelle dort: Fraunhofer IBP). Die Zuschläge sind Planungsannahmen dieser Redaktion.

Ab welcher Wandtemperatur es passiert

Beides zusammen ergibt die eigentliche Frage: Wie kalt darf die Zeltwand werden, bevor an ihr Wasser ausfällt? Die Antwort ist der Taupunkt der Innenluft.

Lufttemperatur60 % Feuchte70 % Feuchte80 % Feuchte90 % Feuchte
+15 °C+7,2 °C+9,5 °C+11,5 °C+13,3 °C
+10 °C+2,5 °C+4,7 °C+6,6 °C+8,4 °C
+5 °C−2,2 °C−0,1 °C+1,8 °C+3,4 °C
0 °C−6,9 °C−4,9 °C−3,1 °C−1,5 °C

Ein Beispiel aus der Tabelle: Bei 10 °C Luft und 80 Prozent relativer Feuchte liegt der Taupunkt bei rund +6,6 °C. Jede Fläche, die kälter ist als dieser Wert, beschlägt. In einer klaren Nacht ist die Zeltbahn genau das.

Der Rechenweg des Kondens-Rechners

Der Kondens-Rechner macht daraus eine Bilanz mit zwei Seiten. Auf der einen Seite steht, wie viel Wasserdampf entsteht. Auf der anderen, wie viel die Lüftung wegtragen kann.

Produktion = Personen × 40 g/h + gewählte Zusatzquellen

Abtransport = Luftwechsel × Zeltvolumen × (Sättigungsgehalt an der Wand − Gehalt der Außenluft)

Solange der Abtransport größer ist, bleibt es trocken. Ist die Produktion größer, kondensiert die Differenz — die Zeltluft steht dann an der Wand auf Sättigung, mehr passt physikalisch nicht hinein.

Die Planungsannahmen im Einzelnen

Für Kondens im Zelt gibt es keine Norm. ISO 5912:2020 regelt Wassersäule, Reißfestigkeit und Schlafkapazität von Campingzelten, aber keine Feuchtebilanz — sie schreibt in Abschnitt 6.1.4 lediglich Anforderungen an die Belüftung vor. Alles, was der Rechner über Volumen, Luftwechsel und Wandtemperatur annimmt, ist deshalb eine Rechengröße dieser Redaktion, abgeleitet aus der Bauform.

BauartVolumen für 2 PersonenWand gegenüber AußenluftLuftwechsel geschlossen … offen
Doppelwandzelt
Kondensat an der Innenseite des Außenzelts
2,1 m³±0 K2 … 25 /h
Einwandzelt
Kondensat an der einzigen Zeltwand, direkt über dir
1,8 m³+0,5 K1,5 … 22 /h
Tarp
Kondensat an der Unterseite des Tarps
4 m³±0 K15 … 80 /h
Biwaksack
Kondensat an der Innenseite des Biwaksacks, also unmittelbar auf dem Schlafsack
0,35 m³+2 K1 … 8 /h

Diese Tabelle wird beim Bau der Seite aus derselben Datei erzeugt wie der Rechner — Artikel und Werkzeug können deshalb nicht auseinanderlaufen. Wer eine Zahl ändern will, ändert sie dort.

Die fünf Gegenmittel, nach Wirksamkeit sortiert

1. Querlüftung, nicht Lüftung. Eine einzelne offene Klappe erzeugt kaum Luftwechsel. Zwei gegenüberliegende Öffnungen erzeugen eine Strömung. Das ist der wirksamste Griff, und er kostet nichts.

2. Der Standort. Kaltluft sammelt sich in Senken, und die Luft über Wiesen und Gewässern ist feuchter als über trockenem Waldboden. Ein Platz zwanzig Höhenmeter über dem Talgrund kann die ganze Rechnung drehen. Derselbe Effekt schlägt beim Schlafsack durch — der Schlafsystem-Rechner führt „Mulde, Tal- oder Gewässernähe“ aus demselben Grund als eigenen Faktor.

3. Kein Baum darüber, aber auch nicht ganz frei. Ein Blätterdach reduziert die Abstrahlung gegen den klaren Himmel und damit die Unterkühlung der Zeltbahn. Der Preis ist Tropfwasser — abwägen.

4. Nasses draußen lassen. Jacke, Schuhe und Handtuch in die Apside statt ins Innenzelt. Das spart nach der Tabelle oben mehr Feuchtelast als eine zusätzliche Person erzeugt.

5. Die Bauart. Sie ändert nicht die Menge, sondern den Ort. Warum ein Doppelwandzelt nicht weniger Kondensat erzeugt, sondern es nur von dir fernhält, steht in Einwand oder Doppelwand.

Wenn es trotzdem passiert ist

Morgens erst abschütteln, dann abwischen, und zwar vor dem Einpacken. Ein Lappen nimmt in zwei Minuten mehr Wasser auf, als das Zelt in einer Woche Lagerung verträgt. Feucht eingepacktes Zeltgewebe ist der häufigste Grund für Hydrolyse in der Beschichtung und für Stockflecken — mehr dazu in Zelt imprägnieren, reinigen, lagern.

Wo Kondens in der Gesamtentscheidung steht, sortiert die Übersicht Zelt kaufen: die Entscheidungen der Reihe nach.

FAQ

Ist ein Zelt defekt, wenn es innen nass ist?

Meistens nicht. Kondensat sitzt als gleichmäßiger Film oder in feinen Tropfen über die ganze Innenfläche verteilt, oft am stärksten dort, wo die Bahn frei gegen den Himmel steht. Eindringwasser zeigt dagegen Spuren an Nähten, Reißverschlüssen oder Scheuerstellen und läuft von dort aus.

Warum ist mein Fußende immer feucht, der Rest nicht?

Weil der Schlafsack dort die Wand berührt. Kondensat auf der Bahn wird unmittelbar in die Isolation gesaugt. Das ist kein Kondensproblem, sondern ein Platzproblem — siehe Wie viele Personen passen wirklich rein?.

Hilft ein Handtuch oder ein Luftentfeuchter im Zelt?

Ein Handtuch nimmt Wasser auf, das sonst an der Wand landet, gibt es aber tagsüber wieder ab. Chemische Entfeuchter für Kleinräume sind für die Größenordnungen aus der Tabelle oben zu schwach: Ein halber Liter pro Nacht übersteigt ihre Kapazität deutlich.

Warum ist es im Winter im Zelt oft trockener als im Herbst?

Weil bei Frost der Wasserdampf als Reif ausfällt statt als Tropfen. Reif lässt sich morgens abschütteln und macht nichts nass, solange er nicht antaut. Deshalb fühlt sich eine klare Frostnacht im Zelt trockener an als eine milde Nebelnacht — obwohl die Physik dieselbe ist.