Bis 2018 stand auf Isomatten eine Zahl, die jeder Hersteller nach eigenem Verfahren ermittelt hatte. Ein „R 4“ der einen Marke und ein „R 4“ der anderen hatten nicht zwingend etwas miteinander zu tun. Seither gibt es ein einheitliches Prüfverfahren — und damit zum ersten Mal die Möglichkeit, Matten wirklich zu vergleichen.
Das Verfahren heißt ASTM F3340, aktuell in der Fassung von 2022, und es ist in einem Punkt bemerkenswert ehrlich: Es sagt gleich im ersten Abschnitt, wo seine eigenen Grenzen liegen.
Was gemessen wird
Der Name der Norm beschreibt das Verfahren vollständig: „Standard Test Method for Thermal Resistance of Camping Mattresses Using a Guarded Hot Plate Apparatus“ — Wärmedurchlasswiderstand von Campingmatratzen, gemessen mit einer abgeschirmten Heizplatte.
Der Aufbau nach Abschnitt 4.1: Die Matte wird zwischen eine obere, beheizte Platte und eine untere, gekühlte Platte gelegt und mit einer konstanten Kraft zusammengedrückt. Beide Platten werden auf festen Temperaturen gehalten, die Umgebungsluft auf dem Mittelwert der beiden. Gemessen wird der Wärmestrom durch die Matte im stationären Zustand. Der Wärmedurchlasswiderstand ergibt sich dann aus Temperaturdifferenz geteilt durch Wärmestrom.
Die konkreten Plattentemperaturen stehen im kostenpflichtigen Verfahrensteil. Hersteller und Fachpublikationen nennen übereinstimmend rund 35 °C für die Heizplatte, die den Körper nachbildet, und rund 5 °C für die Kühlplatte, die den Boden nachbildet. Wir führen das als Herstellerangabe, nicht als aus dem Normtext geprüft.
- Anzahl Proben
- 3 identische Exemplare Abschnitt 9.1. Jede Abweichung muss im Prüfbericht stehen.
- Messstellen
- 0,25 L · 0,5 L · 0,75 L Abschnitt 9.4.1: drei Stellen über die Länge der Matte, nicht nur die Mitte.
- Fülldruck
- 3,7 kPa Abschnitt 9.3.1: 0,2 kPa über dem Standard-Fülldruck. Mit Pumpe, nicht mit dem Mund — wegen Feuchtigkeit und Ölen.
- Konditionierung
- 6 h bzw. 2 h Abschnitt 9.3.2: mindestens 6 Stunden bei aufblasbaren, mindestens 2 Stunden bei nicht aufblasbaren Matten.
- Oberfläche der Messplatte
- Emissionsgrad ≥ 0,9 Abschnitt 7.2.1 — ausdrücklich, um den Emissionsgrad menschlicher Haut nachzubilden.
- Kalibrierung
- jährlich, −3 % bis +1 % Abschnitt 8.1, gegen NIST-Referenzmaterialien.
Fundstelle: ASTM F3340-22, Abschnitte 7 bis 9. Ausgewertet aus der frei zugänglichen Normvorschau.
Die Einheit, die kaum jemand kennt
Hier wird es interessant. Die Norm definiert zwei Größen:
- RSI-Wert (Abschnitt 3.2.10): der Wärmedurchlasswiderstand in SI-Einheiten, also in K·m²/W.
- R-Wert (Abschnitt 3.2.9): derselbe Widerstand in angloamerikanischen Einheiten, °F·ft²·h/Btu.
Und Abschnitt 1.4 legt fest: Maßgeblich sind die SI-Einheiten. Der R-Wert ist laut der Erläuterung in Abschnitt 3.2.9.1 ausdrücklich nur eine Darstellungsform des umgerechneten Endergebnisses — er darf in keiner Zwischenrechnung verwendet werden.
Genau diese Umrechnung braucht man an einer wichtigen Stelle: Die Prüfunterlage, auf der Schlafsäcke nach ISO 23537-1 gemessen werden, wird in der Fachliteratur mit RSI 0,85 m²K/W angegeben — das sind etwa R 4,8. Was daraus folgt, steht in Komfort, Limit, Extrem.
Der Satz, den die Norm selbst über ihre Grenzen schreibt
Abschnitt 1.1 endet mit einer Einschränkung, die man in keiner Produktwerbung findet. Der gemessene Wert sei eine wiederholbare Vergleichsmessung — er werde aber nicht immer mit der tatsächlichen Isolationsleistung übereinstimmen, weil in der Praxis zusätzliche Wärmeverluste auftreten können. Die Norm nennt vier davon ausdrücklich:
- Wärmeverlust über die Kanten. Im Labor wird das durch einen beheizten Schutzring unterdrückt. Auf der Wiese gibt es keinen Schutzring.
- Wärmeverlust über nicht abgedeckte Flächen. Wer breiter ist als seine Matte, liegt mit Schulter oder Hüfte daneben — auf dem Boden.
- Änderungen der Kompression. Im Labor drückt eine konstante Kraft. Im Schlaf wechselt der Druck mit jeder Bewegung.
- Haltungswechsel im Schlaf. Seiten-, Rücken- und Bauchlage belasten die Matte völlig unterschiedlich.
Der Fallstrick, der beim Kauf tatsächlich zählt
Abschnitt 9.2 unterscheidet zwei Probenarten, und der Unterschied ist eine Verbraucherschutzregel:
- Full-Size-Proben sind Matten in der Größe und Form, wie der Kunde sie bekommt. Nur mit ihnen dürfen Aussagen gemacht werden, die sich auf dieses Prüfverfahren berufen.
- Made-to-Fit-Proben sind Zuschnitte, die auf die Prüfplatte passen. Ihre Ergebnisse sind vergleichbar, aber nicht identisch — und die Norm sagt ausdrücklich: Sie dürfen nicht für verbraucherbezogene Aussagen unter Berufung auf diese Norm verwendet werden.
Wer also eine R-Wert-Angabe sieht, die sich auf ASTM F3340 beruft, kann davon ausgehen, dass an einer vollständigen Matte gemessen wurde. Wer eine Angabe ohne Nennung des Verfahrens sieht, weiß nichts.
Zweiter Punkt aus Abschnitt 1.2: Zusatzisolierung wird ausdrücklich ausgeschlossen — Schlafsäcke, Auflagen, Bezüge. Der R-Wert beschreibt die Matte allein. Das ist der formale Beleg dafür, dass Matte und Schlafsack zwei getrennte Kennwerte brauchen und man den einen nicht in den anderen hineinrechnen kann.
Wie viel R-Wert braucht man?
Diese Frage beantwortet die Norm nicht — sie misst nur. Die Zuordnung von Temperatur zu R-Wert ist immer eine redaktionelle oder herstellerseitige Einschätzung. Unsere sieht so aus:
| Nachttemperatur | Grundbedarf | Typische Einordnung |
|---|---|---|
| +15 °C | R 1 | Sommer, jede Matte reicht |
| +10 °C | R 1 | Sommer, jede Matte reicht |
| +5 °C | R 2 | warme Sommernächte |
| 0 °C | R 3 | drei Jahreszeiten, der häufigste Fall |
| −5 °C | R 4 | Spätherbst und Frost |
| −10 °C | R 5 | Spätherbst und Frost |
| −15 °C | R 6 | Winter, Schnee |
| −20 °C | R 7 | Winter, Schnee |
Diese Tabelle wird beim Bau der Seite aus derselben Datei erzeugt wie der Schlafsystem-Rechner — Artikel und Werkzeug können deshalb nicht auseinanderlaufen. Auf den Grundbedarf kommen noch Zuschläge für Untergrund, Unterkunft und Schlaftyp; die stehen offen im Rechenweg und sind ausdrücklich keine Normwerte.
Warum der Etikettwert im Feld nicht ankommt
Vier Gründe, alle aus den Grenzen des Verfahrens ableitbar:
Zu wenig Druck in der Matte. Geprüft wird bei 3,7 kPa. Eine halb aufgeblasene Luftmatte hat weniger Luft und mehr Konvektion im Inneren — der reale Widerstand sinkt. Wer es weich mag, bezahlt das mit Wärme.
Punktuelle Kompression. Auf Kies, Wurzeln oder Steinen wird die Matte örtlich zusammengedrückt. Dort ist der Widerstand lokal niedriger, und Wärme sucht sich immer den einfachsten Weg.
Zu schmal. Der R-Wert sagt nichts über die Breite. Wer mit der Schulter neben der Matte liegt, liegt dort auf dem Boden — genau der „uncovered surface heat loss“, den die Norm in Abschnitt 1.1 nennt.
Kälte von der Seite. Bei einer Matte, die deutlich schmaler ist als der Schlafsack, kühlt der überhängende Teil des Schlafsacks am Boden aus.
Wo dieser Wert in der Kaufentscheidung steht, sortiert die Übersicht Isomatte kaufen.
FAQ
Ist ein höherer R-Wert immer besser?
Nein — er kostet Gewicht, Packmaß und Geld, und über dem Bedarf bringt er nichts zurück. Eine Wintermatte im Sommer ist kein Vorteil, sondern totes Gewicht. Und sie macht die Nacht nicht wärmer, weil die Wärmeabgabe nach unten dann ohnehin nicht mehr der begrenzende Faktor ist.
Wie kann eine drei Zentimeter dünne Matte R 5 haben?
Durch Aufbau, nicht durch Dicke. Kammerstrukturen unterbinden die Luftzirkulation im Inneren, reflektierende Folien reduzieren den Strahlungsanteil, und Vliesfüllungen halten die Luft fest. Dicke allein isoliert wenig — bewegte Luft in einer großen Kammer transportiert Wärme sehr effektiv nach unten.
Meine Matte von 2015 hat keine R-Wert-Angabe. Was tun?
Das ist normal, das einheitliche Verfahren gibt es erst seit 2018. Orientiere dich an der Bauart, siehe Schaum, selbstaufblasend, Luft, und setze im Zweifel den unteren Rand der jeweiligen Spanne an. Eine Schaummatte unterlegen ist billiger, als sich zu verschätzen.
Addieren sich R-Werte wirklich?
Ja, unter einer Bedingung: kein Luftspalt zwischen den Matten. Die Begründung und die Grenzen stehen in Zwei Matten kombinieren.
Warum steht auf manchen Matten „R-Wert nach ASTM“ und auf anderen nur eine Zahl?
Weil die Prüfung freiwillig ist. Eine Angabe ohne Nennung des Verfahrens kann korrekt sein, ist aber nicht überprüfbar und mit anderen Angaben nicht vergleichbar. Bei einer Kaufentscheidung, die von der Wärme abhängt, ist das ein belastbares Ausschlusskriterium.