Die Frage „ist das schon Winter?“ hat im Gespräch immer dieselbe Form: Jemand nennt eine Temperatur. Minus fünf. Minus zehn. Und der andere nickt oder schüttelt den Kopf. Das ist der falsche Maßstab, und man merkt es spätestens dann, wenn eine Tour bei plus zwei Grad übel ausgeht und eine bei minus zwölf Grad völlig unspektakulär verläuft.

Dieser Artikel ersetzt die eine Zahl durch vier — und alle vier lassen sich vor der Tour in einer Vorhersage nachlesen.

Warum die Temperatur allein nichts sagt

Weil sie nur eine von vier Größen ist, die zusammen bestimmen, wie schnell dein Körper Wärme verliert. Die anderen drei sind der Wind, der die Grenzschicht ruhender Luft an der Haut wegreißt, die Nässe, die Verdunstung und damit einen zusätzlichen Wärmestrom erzeugt, und der Untergrund, der darüber entscheidet, ob du beim Gehen doppelt so viel Energie brauchst.

Dazu kommt eine vierte Größe, die mit Wärme nichts zu tun hat und trotzdem die häufigste Ursache für Ärger ist: das Tageslicht. Eine Tour, die im Juni bequem passt, ist im Dezember zwei Stunden zu lang.

Die vier Größen einer Wintertour
Wind
Windchill-Index 2001 Verschiebt die gefühlte Temperatur um mehr als 10 K. Beschreibt unbedeckte Haut, nicht den bekleideten Körper.
Nässe
ohne amtliche Zahl ISO 11079:2007 nimmt Niederschlag in Abschnitt 1 aus ihrem Anwendungsbereich aus. Es gibt dafür keinen Index.
Untergrund
Schneehöhe und Schneedichte Entscheidet über Trittsicherheit, Gehtempo und die Frage, ob eine Isomatte noch reicht.
Tageslicht
7 bis 8,5 Stunden Astronomische Tageslänge am 21. Dezember, je nach Breitengrad in Deutschland.

Fundstelle: Fundstellen in den jeweiligen Abschnitten dieses Artikels

Wie kalt der deutsche Winter tatsächlich ist

Deutlich weniger kalt, als das Wort nahelegt — und das ist keine Meinung, sondern eine Auszählung. Die folgende Tabelle verteilt alle 2 708 Wintertage der Referenzperiode 1991 bis 2020 (Dezember, Januar, Februar) an neun DWD-Stationen auf fünf Temperaturklassen. Maßgeblich ist jeweils das Tagesmittel.

StationHöheunter −10 °C−10 bis −5 °C−5 bis −1 °C−1 bis +5 °Cüber +5 °C
Brocken
Harz
1.135 m5,8 %22,1 %38,7 %30,5 %2,9 %
Fichtelberg
Erzgebirge
1.213 m8,4 %25,4 %35,9 %28,5 %1,8 %
Kahler Asten
Rothaargebirge
839 m2,8 %15,3 %32,2 %44,7 %4,9 %
Wasserkuppe
Rhön
920 m3,1 %17,3 %33,6 %41,4 %4,6 %
Oberstdorf
Allgäuer Alpen
806 m6,6 %15,4 %27,7 %45,7 %4,5 %
München-Stadt
Alpenvorland
515 m0,8 %6,9 %21,4 %47,2 %23,7 %
Dresden-Klotzsche
Sächsisches Hügelland
227 m2,0 %8,1 %18,6 %49,4 %21,9 %
Hamburg-Fuhlsbüttel
Norddeutsches Tiefland
11 m0,5 %4,3 %14,7 %49,0 %31,5 %
Köln-Bonn
Niederrheinische Bucht
92 m0,3 %2,5 %11,7 %46,6 %38,9 %

Zwei Zahlen springen heraus. Erstens: Selbst auf dem Fichtelberg auf 1 213 Metern liegt das Tagesmittel nur an 8,4 Prozent der Wintertage unter −10 °C. Zweitens: In den Lagen, aus denen die meisten Touren starten, ist die häufigste Klasse mit Abstand die zwischen −1 und +5 °C — 49,4 Prozent in Dresden-Klotzsche, 49,0 Prozent in Hamburg, 47,2 Prozent in München.

Warum Wind die Größe ist, die den Unterschied macht

Weil er zwischen zwei gleich hohen Bergen einen Faktor acht ausmacht. Der Brocken liegt auf 1 135 Metern, Oberstdorf auf 806 — beim mittleren Wind im Winter trennen sie 13,5 gegen 1,6 Meter je Sekunde. Was das für dieselbe Lufttemperatur bedeutet, steht in der letzten Spalte der nächsten Tabelle.

StationTage mit ≥ 1 cm SchneeTage mit ≥ 20 cmFrosttageEistagemittlerer Wind−3 °C fühlen sich an wie
Brocken156,6124,2157,081,449 km/h−12 °C
Fichtelberg158,9124,7158,484,640 km/h−11 °C
Kahler Asten104,752,4123,152,526 km/h−10 °C
Wasserkuppe98,739,3125,853,127 km/h−10 °C
Oberstdorf106,751,7144,424,46 km/h−5 °C
München-Stadt39,01,173,419,510 km/h−7 °C
Dresden-Klotzsche35,71,576,021,718 km/h−9 °C
Hamburg-Fuhlsbüttel18,50,764,913,316 km/h−8 °C
Köln-Bonn10,50,060,86,213 km/h−8 °C

Alle Angaben sind Tage je Jahr im Mittel 1991 bis 2020. Die letzte Spalte ist gerechnet: dieselbe Lufttemperatur von −3 °C, eingesetzt in die Windchill-Formel von 2001 mit dem jeweiligen mittleren Wind der Station. Auf dem Brocken kommt −12 °C heraus, in Oberstdorf −5 °C. Neun Kelvin Unterschied, allein durch den Wind. Wie die Formel das macht und wo ihre Grenzen liegen, steht in Windchill: was die gefühlte Temperatur sagt; eigene Werte lassen sich im Kältebelastungs-Rechner einsetzen.

Was Frosttag und Eistag genau bedeuten

Ein Frosttag ist beim DWD ein Tag, an dem das Tagesminimum der Lufttemperatur unter 0 °C liegt. Ein Eistag ist ein Tag, an dem sogar das Tagesmaximum unter 0 °C bleibt. Der Unterschied ist der zwischen Nachtfrost und Dauerfrost — und praktisch der zwischen „morgens gefroren, mittags matschig“ und „bleibt den ganzen Tag hart“.

Für die Tourenplanung ist das die entscheidendere Unterscheidung als die absolute Temperatur. An einem Frosttag ohne Eistag taut die Schneedecke im Tagesverlauf an, wird schwer, klebt unter den Schuhen und gefriert am Abend wieder — mit allem, was dann darin steckt. An einem Eistag bleibt sie, wie sie ist.

Wie viel Schnee wirklich liegt

Deutlich weniger, als das Bild vom Winter vermuten lässt — außer in den Hochlagen. Auf dem Fichtelberg liegt an 158,9 Tagen im Jahr mindestens ein Zentimeter Schnee und an 124,7 Tagen mindestens zwanzig. In Köln-Bonn sind es 10,5 beziehungsweise null Tage: In dreißig Jahren kam dort im Jahresmittel keine Schneedecke von zwanzig Zentimetern zustande.

Dazwischen liegt der eigentlich interessante Bereich, weil dort gewandert wird. Kahler Asten, Wasserkuppe und Oberstdorf kommen alle drei auf rund 100 Tage mit einer dünnen Schneedecke, aber nur auf 32 bis 52 Tage mit zwanzig Zentimetern. Das heißt: Der häufigste Winterzustand im deutschen Mittelgebirge ist eine dünne, oft angetaute Auflage — nicht der geschlossene Tiefschnee. Was das für das Lager bedeutet, steht in Lager auf Schnee.

Was die Zahlen nicht können

Sie sind Mittelwerte einer abgeschlossenen Dreißigjahresperiode an neun Messpunkten — keine Prognose und keine Aussage über den nächsten Winter. Wie weit einzelne Jahre abweichen, zeigt die maximale gemessene Schneehöhe: 230 Zentimeter auf dem Brocken, 150 in Oberstdorf, 24 in Köln-Bonn. Das sind Einzelereignisse innerhalb derselben Periode, aus der die Mittelwerte stammen.

Zweite Einschränkung: Eine Bergstation misst auf dem Gipfel. Die Bedingungen im Tal drei Kilometer weiter sind andere, und zwar oft um mehrere Klassen. Die Tabellen taugen zur Einordnung einer Region, nicht zur Vorhersage eines Weges.

Was daraus für die Planung folgt

Vier Fragen statt einer, und alle vier stehen in jeder brauchbaren Vorhersage: Wie viel Wind ist auf dem Kamm angesagt? Liegt das Tagesmittel im Nässeband zwischen null und fünf Grad? Ist mit Schnee auf dem Weg zu rechnen — und wenn ja, mit welcher Auflage? Und wann wird es dunkel?

Erst danach kommt die Frage nach der Ausrüstung. Der Überblick über den Themenbereich steht im Pillar Winter draußen, und wer prüfen will, ob er für seine tatsächlichen Bedingungen überhaupt etwas Neues braucht, findet die Gegenrechnung in Wann du keine Winterausrüstung brauchst. Für die Zeitplanung selbst bleibt der Tourenzeit-Rechner zuständig — mit der Einschränkung, dass er kein Winterprofil kennt.

FAQ

Ab welcher Temperatur spricht der DWD von Winter?

Von gar keiner. Der DWD arbeitet mit dem meteorologischen Winter als Zeitabschnitt (1. Dezember bis 28./29. Februar) und mit Kenntagen wie Frost- und Eistag, die über Temperaturschwellen definiert sind. Eine Temperaturgrenze, ab der eine Tour „Winter“ ist, gibt es nicht und kann es auch nicht geben — dafür hängt zu viel am Wind und an der Nässe.

Warum stehen hier neun Stationen und nicht ganz Deutschland?

Weil neun Stationen die Spannweite abbilden, ohne dass die Tabelle unlesbar wird: zwei Hochlagen über 1 100 Metern, drei typische Wanderberge zwischen 800 und 950 Metern und vier Stationen in Höhenlagen, aus denen viele Touren starten. Wer die Zahlen für die eigene Region will, findet dieselben Rohdaten frei im Climate Data Center des DWD.

Gilt die Auswertung noch, wenn es wärmer wird?

Für den Bezugszeitraum 1991 bis 2020 ja — das ist eine abgeschlossene Messung. Als Erwartung für kommende Winter ist sie eine Orientierung mit Verfallsdatum. Die nächste Referenzperiode der Weltorganisation für Meteorologie beginnt 2021; sobald sie vollständig ist, gehören die Zahlen hier neu gerechnet.