Eine Erfrierung ist die einzige Kälteschädigung mit einer belastbaren Zeitangabe. Für Unterkühlung gibt es keine Uhr — sie hängt an Nässe, Wind, Erschöpfung und Isolation. Für das Gefrieren unbedeckter Haut gibt es eine amtliche Tabelle, und diese Tabelle ist der Kern dieses Artikels.
Was in der Tabelle steht
Vier Stufen mit Zeitangabe und zwei ohne. Die Stufeneinteilung stammt von Environment and Climate Change Canada und bezieht sich auf den Windchill-Wert — also die gefühlte Temperatur nach der Formel von 2001, nicht auf die Lufttemperatur.
| Gefühlte Temperatur | Stufe | Unbedeckte Haut gefriert in | Was die Tabelle dazu sagt |
|---|---|---|---|
| 0 °C bis −9 °C | Geringes Risiko | keine Zeitangabe | Leichte Zunahme des Unbehagens. |
| −10 °C bis −27 °C | Mäßiges Risiko | keine Zeitangabe | Unbehagen; Risiko von Unterkühlung und Erfrierung, wenn man ohne ausreichenden Schutz lange draußen bleibt. |
| −28 °C bis −39 °C | Hohes Risiko | 10 bis 30 Minuten | Unbedeckte Haut kann in 10 bis 30 Minuten gefrieren. Hohes Risiko für Frostbeulen oder Erfrierungen — Gesicht und Gliedmaßen auf Taubheit oder Weißfärbung prüfen. |
| −40 °C bis −47 °C | Sehr hohes Risiko | 5 bis 10 Minuten | Unbedeckte Haut kann in 5 bis 10 Minuten gefrieren. Sehr hohes Erfrierungsrisiko; sehr hohes Unterkühlungsrisiko bei langem Aufenthalt ohne Schutz. |
| −48 °C bis −54 °C | Schweres Risiko | 2 bis 5 Minuten | Unbedeckte Haut kann in 2 bis 5 Minuten gefrieren. Gesicht und Gliedmaßen häufig auf Taubheit oder Weißfärbung prüfen. |
| −55 °C und kälter | Extremes Risiko | unter 2 Minuten | Unbedeckte Haut kann in weniger als zwei Minuten gefrieren. Die Bedingungen draußen sind gefährlich. |
Zur Tabelle gehört eine Fußnote, die sie selbst mitliefert und die man nicht weglassen darf: Bei anhaltendem Wind über 50 km/h kann eine Erfrierung schneller eintreten als angegeben.
Die eigenen Werte lassen sich im Kältebelastungs-Rechner einsetzen; dort wird die zutreffende Zeile markiert. Wie die gefühlte Temperatur zustande kommt, steht in Windchill.
Woher die Grenze bei −28 Grad kommt
Aus einer Hauttemperatur. Osczevski und Bluestein legen ihren Windchill-Tabellen eine kritische Hauttemperatur von −4,8 °C zugrunde, bei der sie nach Danielsson (1996) ein Erfrierungsrisiko von fünf Prozent ansetzen. Im Beharrungszustand — also nachdem die Haut ausgekühlt ist — wird diese Hauttemperatur bei einer äquivalenten Windchill-Temperatur von −27 °C erreicht.
Deshalb beginnt die erste Zeitangabe in der kanadischen Tabelle bei −28 °C und nicht bei einer runden Zahl. Die Grenze ist gerechnet, nicht gesetzt.
- Kritische Hauttemperatur
- −4,8 °C Bei dieser Hauttemperatur setzen die Autoren ein Erfrierungsrisiko von fünf Prozent an (nach Danielsson 1996).
- Zugehöriger Windchill
- −27 °C Im Beharrungszustand erreicht die Wange bei diesem Wert die kritische Hauttemperatur.
- Zeit bis zum Beharrungszustand
- bis zu 20 Minuten Der Windchill beschreibt die Lage, NACHDEM die Haut ausgekühlt ist — nicht die ersten Minuten draußen.
Fundstelle: Osczevski, R. und Bluestein, M., Bulletin of the American Meteorological Society 86(10), 2005, S. 1455
Wann diese Werte in Deutschland überhaupt erreicht werden
Selten, aber nicht nie — und deutlich häufiger, als die Lufttemperatur vermuten lässt. Die folgende Rechnung zeigt, welche Kombinationen aus Lufttemperatur und Wind die Schwelle von −28 °C reißen.
| Lufttemperatur | Wind | gefühlt | Zeitangabe der Tabelle? |
|---|---|---|---|
| −10 °C | 40 km/h | −21 °C | nein |
| −10 °C | 60 km/h | −23 °C | nein |
| −10 °C | 80 km/h | −24 °C | nein |
| −15 °C | 20 km/h | −24 °C | nein |
| −15 °C | 40 km/h | −27 °C | nein |
| −15 °C | 60 km/h | −30 °C | ja |
| −20 °C | 10 km/h | −27 °C | nein |
| −20 °C | 20 km/h | −30 °C | ja |
| −20 °C | 40 km/h | −34 °C | ja |
| −25 °C | 5 km/h | −30 °C | ja |
| −25 °C | 10 km/h | −33 °C | ja |
| −25 °C | 20 km/h | −37 °C | ja |
Bei −10 °C Lufttemperatur braucht es dafür Sturm. Bei −20 °C reichen 20 km/h. Auf dem Brocken, wo der Wind im Winter im Mittel bei 48,6 km/h liegt, ist das keine theoretische Kombination — die Klimazahlen dazu stehen in Ab wann es Winter ist.
Was man selbst sehen kann
Zwei Dinge, und beide nennt die kanadische Tabelle selbst: Taubheit und Weißfärbung an Gesicht und Gliedmaßen. Ab der Stufe „hohes Risiko“ empfiehlt sie, beides zu prüfen; ab „schweres Risiko“ häufig zu prüfen.
Das ist bewusst wenig, und die Kürze hat einen Grund. Was man an einer frisch erfrorenen Stelle sieht, sagt kaum etwas über ihre Schwere aus — die Erfrierungsgrade sind eine Beurteilung, die im Wesentlichen erst nach dem Auftauen möglich ist. Draußen, im gefrorenen Zustand, sehen leichte und schwere Erfrierungen einander sehr ähnlich.
Warum es keine Minutenformel gibt
Weil eine solche Formel eine Genauigkeit vortäuschen würde, die in der Quelle nicht existiert. Die kanadische Tabelle arbeitet mit Spannen — „10 bis 30 Minuten“ ist ein Faktor drei — und sie tut das nicht aus Bequemlichkeit, sondern weil die zugrunde liegende Streuung real ist.
Osczevski und Bluestein nennen den Grund selbst: Sie haben ihre Tabelle für das 95. Perzentil des Gewebewiderstands gerechnet, also für die Menschen mit der kältesten Gesichtshaut. Die Spannweite der gemessenen Wangenwiderstände ist groß — und damit auch die Spannweite der Zeiten, nach denen bei gleicher Belastung etwas passiert.
Deshalb gibt der Kältebelastungs-Rechner die Stufe der Tabelle aus und keine eigene Minutenzahl. Der Rechenweg dahinter steht in Kältebelastung berechnen.
Was praktisch daraus folgt
Die Fläche entscheidet, nicht die Zahl. Die Tabelle gilt für unbedeckte Haut. Wange, Nasenspitze, Ohrläppchen und die Finger, die man kurz aus dem Handschuh nimmt, sind die Stellen, an denen sie zutrifft — und genau dort setzt auch die einzige wirksame Gegenmaßnahme an: sie zu bedecken.
Der Wind ist die Stellschraube, nicht die Temperatur. Der Sprung von windstill auf 20 km/h kostet bei Frost mehr als weitere fünf Grad Lufttemperatur. Wer aus dem Wind geht — hinter eine Geländekante, in den Wald, hinter einen Felsen — verschiebt die Stufe sofort.
Nasse Haut ist ein eigener Fall. Die Windchill-Rechnung gilt für trockene Haut. Feuchtigkeit auf der Haut verdunstet und entzieht zusätzlich Wärme; Environment and Climate Change Canada weist ausdrücklich darauf hin, dass nasse Haut schneller auskühlt. Warum das in Deutschland der häufigere Fall ist, steht in Null bis fünf Grad.
Erfrierung und Unterkühlung sind verschiedene Probleme. Die eine ist örtlich und hat eine Uhr, die andere betrifft den ganzen Körper und hat keine. Die Stadien und die erkennbaren Zeichen der zweiten stehen in Unterkühlung erkennen; der Überblick über den Themenbereich im Pillar Winter draußen.
FAQ
Gilt die Tabelle auch für Finger und Zehen?
Die zugrunde liegende Modellrechnung beschreibt eine Wange. Die kanadische Tabelle nennt in ihren Hinweistexten Gesicht und Gliedmaßen, macht aber keine eigene Zeitangabe für Finger oder Zehen. Ein eigenes Bewertungsverfahren für örtliche Auskühlung an Extremitäten existiert nicht — ISO 11079 hält in ihrem Vorgängertext sogar ausdrücklich fest, dass das Wissen dafür nicht ausreicht.
Warum steht in manchen Tabellen 30 Minuten und in anderen 10?
Weil unterschiedliche Wetterdienste unterschiedlich stark zusammenfassen. Die Vereinigten Staaten arbeiten mit drei Zonen (30, 10 und 5 Minuten) in Fahrenheit, Kanada mit sechs Stufen in Celsius. Beide gehen auf dasselbe Modell von 2001 zurück; diese Seite verwendet die kanadische Fassung, weil sie metrisch und feiner gestuft ist.
Hilft Eincremen gegen Erfrierungen?
Dazu macht diese Seite keine Aussage, weil sie dafür keine belastbare Primärquelle hat. Belegt ist nur, worauf die Zeitangaben beruhen: unbedeckte, trockene Haut in Wind.