Die meisten Texte über Unterkühlung beginnen mit einer Liste von Symptomen und enden mit dem Rat, es nicht so weit kommen zu lassen. Beides hilft unterwegs wenig. Was hilft, ist zu wissen, woran die Fachwelt selbst die Schwere festmacht — denn diese Einteilung ist erstaunlich einfach und braucht kein Thermometer.
Dieser Artikel ist der medizinnahe Teil des Themenbereichs Winter draußen. Er beschreibt den Zustand, in den die vier Größen münden können, die dort behandelt werden — Wind, Nässe, Untergrund und die Zeit, die eine Tour im Dunkeln länger dauert.
Was Unterkühlung genau ist
Ein Abfall der Körperkerntemperatur unter 35 °C. Das ist die Definition in den ERC-Leitlinien 2025, und sie ist bewusst eng: Es geht um die Temperatur im Körperkern, nicht um Frieren, nicht um kalte Hände und nicht um ein Gefühl.
Die Leitlinien unterscheiden außerdem zwei Entstehungswege. Primäre akzidentelle Unterkühlung entsteht durch Kälteexposition — sie ist der Fall bei Aktivitäten im Freien. Sekundäre Unterkühlung wird durch Krankheit oder andere äußere Ursachen ausgelöst und betrifft vor allem ältere und vorerkrankte Menschen in Innenräumen.
- Hypothermie I (leicht)
- wach Kerntemperatur, falls messbar: 35 bis 32 °C. entspricht im Revidierten Schweizer System „alert“, GCS 15
- Hypothermie II (mäßig)
- Bewusstsein beeinträchtigt Kerntemperatur, falls messbar: unter 32 bis 28 °C. entspricht „verbal“, GCS 9 bis 14, einschließlich verwirrter Patienten
- Hypothermie III (schwer)
- bewusstlos, Lebenszeichen vorhanden Kerntemperatur, falls messbar: unter 28 °C. entspricht „painful“ oder „unconscious“, GCS unter 9
- Hypothermie IV (schwer)
- Anschein des Todes, keine Lebenszeichen Kerntemperatur, falls messbar: variabel. —
Fundstelle: ERC-Leitlinien 2025, Special Circumstances in Resuscitation, Tabelle 5 („Swiss staging of accidental hypothermia“)
Warum die Einteilung ohne Thermometer funktioniert
Weil sie sich am Bewusstsein orientiert und nicht an einer Zahl — die Kurzfassung der vier Unterkühlungsstadien steht im Glossar. Ein Kerntemperatur-Thermometer gehört auf keine Tour und ist auch im Rettungsdienst nicht überall verfügbar; die Leitlinien nennen als Goldstandard die Messung im Ohr bei spontan atmenden Patienten oder in der Speiseröhre bei gesichertem Atemweg. Wo das nicht geht, wird nach dem Revidierten Schweizer System eingestuft.
Die Zuordnung ist dabei so grob wie belastbar: „wach“ entspricht der vollen Punktzahl auf der Glasgow-Koma-Skala, „ansprechbar“ dem Bereich 9 bis 14 — einschließlich verwirrter Patienten —, und alles darunter zählt als bewusstlos.
Welche Zeichen vor der Bewusstseinstrübung kommen
Hier ist Vorsicht geboten, und diese Seite bleibt bei dem, was die Leitlinien tatsächlich hergeben. Sie nennen für die präklinische Lage vier Zeichen einer Kreislaufinstabilität bei unterkühlten Patienten: Herzfrequenz unter 45 pro Minute, systolischer Blutdruck unter 90 mmHg, eine ventrikuläre Rhythmusstörung und eine Kerntemperatur unter 30 °C. Die Herzfrequenz unter 45 ist 2025 neu als Hochrisikokriterium aufgenommen worden.
Drei dieser vier Zeichen setzen Messgeräte voraus. Was ohne Gerät bleibt, ist die Beobachtung der Bewusstseinslage — und dazu enthalten die Leitlinien einen Warnhinweis, der für eine Tourengruppe direkt anwendbar ist: Vorsicht ist geboten, wenn jemand zwar noch wach oder ansprechbar ist, aber Zeichen kreislauf- oder atembezogener Instabilität zeigt, etwa einen auffällig langsamen Puls, eine auffällig langsame Atmung oder niedrigen Blutdruck. Das kann den Übergang in ein Stadium mit höherem Risiko anzeigen.
Damit ist das, was unterwegs beobachtbar bleibt, im Kern eine Frage: Ist die Person noch die, die sie vor einer Stunde war? Antwortverhalten, Orientierung, Verwirrtheit — genau diese Ebene bildet das Revidierte Schweizer System ab, und zwar bewusst, weil sie ohne Ausrüstung zugänglich ist.
Warum die Zahlen so schwer zu deuten sind
Weil die Einstufung eine Voraussetzung hat, die sie selbst nennt: Sie gilt unter der Annahme, dass die Unterkühlung die einzige Ursache der Befunde ist. Sind zusätzlich Sauerstoffmangel, eine Vergiftung, ein Höhenhirnödem oder eine Verletzung im Spiel, kann das System ein höheres kältebedingtes Risiko vortäuschen, als tatsächlich besteht.
Das ist keine Randnotiz, sondern der Grund, warum diese Seite hier keine Handlungsanweisung gibt. Die Unterscheidung zwischen „unterkühlt“ und „unterkühlt und außerdem etwas anderes“ ist eine ärztliche Aufgabe.
Was Kälte mit dem Sauerstoffbedarf macht
Sie senkt ihn — und zwar um 6 bis 7 Prozent je Grad Abkühlung. Das ist der Grund, warum die Prognose bei primärer unterkühlungsbedingter Kreislaufstillstand-Situation ausgesprochen gut sein kann: Der Körper schützt die sauerstoffabhängigsten Organe, Gehirn und Herz, gegen den Schaden.
Wie weit das reicht, zeigen zwei Zahlen aus denselben Leitlinien. Die tiefste Kerntemperatur, aus der eine Wiederbelebung samt Wiedererwärmung dokumentiert gelang, liegt bei akzidenteller Unterkühlung bei 11,8 °C. Und bei einer Kerntemperatur unter 24 °C können noch minimale Lebenszeichen vorhanden sein.
Was hinter dem Wort Bergungstod steckt
Ein Kreislaufstillstand, der beim oder kurz nach dem Bergen einer stark unterkühlten Person eintritt. In der Fachliteratur heißt er rescue collapse. Die ERC-Leitlinien 2025 stützen ihre Empfehlungen zur Bergung unter anderem auf eine systematische Übersichtsarbeit genau zu diesem Phänomen — und deren Zahlen sind für die Praxis draußen aufschlussreicher als das Wort selbst.
Ausgewertet wurden 214 Fälle von beobachtetem unterkühlungsbedingtem Kreislaufstillstand. Die mittlere Körpertemperatur dieser Patienten lag bei 23,9 °C mit einer Standardabweichung von 2,7 K. Von 206 Patienten mit dokumentierter Temperatur hatten nur fünf — 2,4 Prozent — mehr als 28 °C. Die höchste Temperatur, bei der ein Patient ohne andere Risikofaktoren einen solchen Kreislaufstillstand überlebte, betrug 29,4 °C. Die Autoren schließen daraus, dass ein allein durch Unterkühlung verursachter Kreislaufstillstand oberhalb von 30 °C Körpertemperatur nicht auftrat.
Die zweite Zahl aus derselben Arbeit gehört daneben: Von 210 Patienten überlebten 153 bis zur Krankenhausentlassung — 73 Prozent —, und von 105 Überlebenden hatten 102 ein gutes neurologisches Ergebnis. Unterkühlung ist gefährlich, aber sie ist auch die Situation, in der eine Wiederbelebung nach sehr langer Zeit noch erfolgreich sein kann.
Woran du unterwegs merkst, dass Umkehren dran ist
Nicht an einer Kerntemperatur, sondern an der Kombination aus drei Dingen, die alle vor dem medizinischen Stadium I liegen: Die Wärmeproduktion lässt nach (Erschöpfung), die Isolation lässt nach (Nässe), und die Belastung steigt (Wind, Einbruch der Dunkelheit). Alle drei sind Größen, die vorher bekannt sind und sich unterwegs beobachten lassen.
Die praktische Konsequenz ist dieselbe wie bei jeder Tourenplanung: eine Umkehrzeit festlegen, bevor es losgeht, und sie nicht nachverhandeln. Wie das systematisch geht, steht in Tourenplanung: Karte, Wetter, Wasser, Umkehrzeit; warum die Umkehrzeit im Winter früher liegt, in Kurze Tage. Was die Belastung an einem konkreten Tag bedeutet, lässt sich im Kältebelastungs-Rechner nachschlagen.
Was in den Leitlinien 2025 neu ist
Vier Punkte, die die Leitlinien selbst als Änderung gegenüber 2021 ausweisen: Das Revidierte Schweizer System wird ausdrücklich als Werkzeug für den Fall benannt, dass die Kerntemperatur nicht messbar ist. Die Herzfrequenz unter 45 pro Minute kommt als neues Hochrisikokriterium für einen unterkühlungsbedingten Kreislaufstillstand hinzu. Die üblichen Ausschlusskriterien für extrakorporale Verfahren gelten für die Wiedererwärmung unterkühlter Patienten im Kreislaufstillstand nicht. Und es gibt einen neuen Algorithmus für die Lawinenrettung — der auf dieser Seite bewusst nicht ausgewertet wird.
FAQ
Ab welcher Außentemperatur droht Unterkühlung?
Die Frage hat keine Antwort, weil Unterkühlung nicht von der Außentemperatur abhängt, sondern von der Wärmebilanz über die Zeit. Nässe, Wind, Erschöpfung und Bewegungslosigkeit verschieben sie viel stärker als ein paar Grad. Genau deshalb rechnet ISO 11079 die erforderliche Isolation aus der Aktivität und nicht aus einer Temperaturschwelle — siehe Wärmehaushalt.
Ist ein Fieberthermometer als Ersatz brauchbar?
Nein. Handelsübliche Fieberthermometer messen erst ab etwa 32 bis 34 °C und sind für den Bereich, um den es hier geht, nicht ausgelegt. Die Leitlinien sprechen ausdrücklich von einem low reading thermometer.
Warum steht hier nichts über Wiedererwärmung?
Weil Wiedererwärmung eine Behandlung ist und dieser Artikel bewusst beschreibend bleibt. Was die Leitlinien dazu enthalten, richtet sich an medizinisches Personal und setzt Ausrüstung voraus, die auf keiner Tour dabei ist.