Die unangenehmste Tour, die man in Deutschland gehen kann, findet nicht bei minus fünfzehn Grad statt. Sie findet bei plus zwei Grad statt, mit Regen, der gelegentlich in Schnee übergeht, auf einem Weg, der halb Matsch und halb Eis ist. Wer beides erlebt hat, weiß das. Wer sich für den Winter ausrüstet, plant trotzdem für minus fünfzehn.
Dieser Artikel erklärt, warum das Nässeband der schwierigere Fall ist — und warum es dafür, anders als für Wind, keine amtliche Zahl gibt.
Wie häufig nasskaltes Wetter tatsächlich ist
Häufig genug, um der Normalfall zu sein. Die folgende Auswertung zählt für neun DWD-Stationen alle Wintertage, an denen zwei Dinge zusammenkamen: ein Tagesmittel zwischen −1 und +5 °C und mindestens ein Millimeter Niederschlag.
| Station | Höhe | Tage mit −1 bis +5 °C | davon mit ≥ 1 mm Niederschlag | Anteil am Band |
|---|---|---|---|---|
| Kahler Asten | 839 m | 44,7 % | 26,6 % | 60 % |
| Oberstdorf | 806 m | 45,7 % | 24,9 % | 54 % |
| Wasserkuppe | 920 m | 41,4 % | 22,6 % | 55 % |
| Brocken | 1.135 m | 30,5 % | 20,3 % | 67 % |
| München-Stadt | 515 m | 47,2 % | 19,6 % | 42 % |
| Dresden-Klotzsche | 227 m | 49,4 % | 17,6 % | 36 % |
| Köln-Bonn | 92 m | 46,6 % | 17,0 % | 36 % |
| Hamburg-Fuhlsbüttel | 11 m | 49,0 % | 16,7 % | 34 % |
| Fichtelberg | 1.213 m | 28,5 % | 11,8 % | 41 % |
Alle Angaben als Anteil an allen Wintertagen der Referenzperiode 1991 bis 2020 (Dezember bis Februar). Am Kahlen Asten ist mehr als jeder vierte Wintertag ein nasskalter Tag; selbst auf dem Brocken ist es jeder fünfte. Die letzte Spalte zeigt, dass im Nässeband auch tatsächlich der Niederschlag sitzt: Rund die Hälfte bis zwei Drittel der Tage in diesem Temperaturbereich sind nass.
Warum Nässe stärker wirkt als ein paar Grad weniger
Weil Verdunstung Energie kostet, und zwar viel. Wasser, das an der Kleidungsoberfläche oder auf der Haut verdunstet, entzieht dem Körper Wärme, ohne dass die Lufttemperatur sich ändert. Dazu kommt der zweite Effekt: Wasser in einer Isolationsschicht verdrängt die ruhende Luft, aus der die Isolation besteht.
Wie groß der Effekt ist, hat eine Messung an einer Wärmepuppe gezeigt. Henriksson und Kollegen haben 2012 fünf Zustände nebeneinander gestellt — trockene Unterwäsche, trockene Unterwäsche mit Dampfsperre, nasse Unterwäsche, nasse Unterwäsche mit Dampfsperre und gar keine Unterwäsche — jeweils mit einer, zwei und sieben Wolldecken darüber, bei −15 °C und bei +10 °C.
- Nasse Kleidung ablegen ODER Dampfsperre einsetzen
- 19 bis 42 % weniger Gesamtwärmeverlust unabhängig von Isolationsdicke und Umgebungstemperatur
- Vergleichsgröße
- derselbe Effekt wie eine Verdopplung der Decken von einer auf zwei Decken bzw. von zwei auf sieben
- Größter absoluter Nutzen
- in der Kälte, bei wenig Isolation genau die Lage, in der man draußen unterwegs ist
Fundstelle: Henriksson, O. u. a., Prehospital and Disaster Medicine 27(1), 2012, S. 53–58, DOI 10.1017/S1049023X12000210
Der Vergleich in der zweiten Zeile ist der interessante. Trockene Kleidung anzuziehen bringt in dieser Messung so viel wie eine zweite Decke. Wer nass ist und eine weitere Schicht überzieht, tut also formal das Richtige — bekommt aber nur die Hälfte des möglichen Effekts, weil er die Ursache stehen lässt.
Warum keine Norm das abbildet
Weil sie es ausdrücklich nicht will. ISO 11079:2007 ist die Norm für die Bewertung von Kältebelastung, und in Abschnitt 1 steht der entscheidende Satz: Die Methoden gelten nicht für die spezifischen Wirkungen bestimmter meteorologischer Erscheinungen — Niederschlag wird namentlich genannt.
ISO 9920:2007, die Norm für die Isolationswerte von Kleidung, geht denselben Weg. Ihre Werte sind für Bezugsbedingungen definiert: statischer Körper, Windstille unter 0,2 Metern je Sekunde. Für Bewegung und Wind müssen sie korrigiert werden, und die Norm sagt dazu in einer Anmerkung, was jeder vermutet: typischerweise nach unten. Die Einleitung stellt außerdem klar, dass die Norm Eigenschaften wie Pufferwirkung und Wasseraufnahme nicht behandelt.
Für die Praxis bedeutet das: Es gibt keinen Index, keinen Grenzwert und keine Tabelle, die aus „zwei Grad und Regen“ eine Vergleichszahl macht. Wer eine ausgibt, hat sie gesetzt. Der Kältebelastungs-Rechner tut das ebenfalls — er weist den Abzug aber als Annahme aus und lässt ihn nicht in die Erfrierungsstufe eingehen. Warum die Zahl so gewählt ist, steht in Kältebelastung berechnen.
Was die drei Kilogramm Wasser bedeuten
Nasse Kleidung wiegt. Das ist keine Nebensächlichkeit, wenn man den Effekt auf das Gesamtsystem betrachtet: Eine durchnässte Hardshell, eine feuchte Fleecejacke und nasse Hose bringen zusammen leicht ein bis zwei Kilogramm zusätzlich auf die Waage — Gewicht, das in keiner Packliste steht und das den ganzen Tag mitgetragen wird.
Wichtiger als das Gewicht ist aber, was mit der Nässe passiert, sobald du stehen bleibst. Solange du gehst, produziert dein Körper genug Wärme, um die Verdunstung auszugleichen. In der Pause fällt die Wärmeproduktion weg, die Verdunstung nicht. Das ist der Grund, warum die Pause auf einer nasskalten Tour kälter ist als das Gehen — und warum sie kurz sein sollte oder mit einer trockenen Schicht beginnen.
Was daraus praktisch folgt
Erstens: Die trockene Reserve ist kein Luxus. Ein trockenes Oberteil, das den ganzen Tag im Rucksack bleibt und erst am Lagerplatz herauskommt, bringt nach der Messung von Henriksson mehr als eine zusätzliche Isolationsschicht über nasser Kleidung.
Zweitens: Winddichtigkeit schlägt Dicke. Weil der Wärmeverlust im Nässeband über Verdunstung läuft und Verdunstung von der Luftbewegung an der Oberfläche abhängt, bringt eine dünne winddichte Lage mehr als eine dicke, luftdurchlässige. Wie stark der Wind selbst wirkt, steht in Windchill.
Drittens: Die Zahl auf dem Schlafsack gilt auch hier nicht. Die Komforttemperatur nach ISO 23537-1 wird an einer Prüfpuppe in trockener Standardkleidung ermittelt — Details in Komfort, Limit, Extrem. Wer feucht in den Schlafsack steigt, unterschreitet die Prüfbedingung, und zwar deutlich.
Viertens: Daune und Kunstfaser stehen hier verschieden da. Der Unterschied im Feuchteverhalten ist genau der Punkt, an dem eine nasskalte Tour eine Materialentscheidung erzwingt — nachzulesen in Daune oder Kunstfaser.
Was sich nicht belegen ließ
Wie viel Isolation eine bestimmte Faser im nassen Zustand verliert. Die Behauptung, nasse Baumwolle isoliere „gar nicht mehr“, kursiert in jedem Ratgeber; eine Messung, die Fasern in vergleichbarem Aufbau gegeneinanderstellt und frei zugänglich ist, war nicht auffindbar. Belegt ist nur der Effekt auf den Gesamtwärmeverlust — und der unterscheidet nicht nach Material.
Deshalb steht diese Zahl hier nicht, auch nicht als vorsichtige Schätzung. Wie die verwandte Faustregel „Baumwolle tötet“ einzuordnen ist, steht in Vier Wintermythen, nachgerechnet. Der Überblick über alle vier Größen einer Wintertour steht im Pillar Winter draußen.
FAQ
Ist ein Vapour Barrier Liner für normale Touren sinnvoll?
In der Messung von Henriksson ging es um die präklinische Versorgung einer unterkühlten Person, nicht um eine Tagestour. Der gemessene Effekt gilt für diesen Fall — eine Person, die stillliegt und nicht schwitzt. Wer sich bewegt, sammelt hinter einer Dampfsperre die eigene Feuchtigkeit, und das ist die Gegenrichtung. Übertragbar ist der Befund auf die Nacht und auf den Notfall, nicht auf den Aufstieg.
Warum steht in der Vorhersage keine Nässe-Kennzahl?
Weil es keine gibt, auf die sich die Wetterdienste geeinigt hätten. Windchill ist amtlich eingeführt, Hitzeindizes sind es auch — für die Kombination aus Kälte und Nässe existiert kein entsprechender Index.
Bei welcher Temperatur ist nasskalt am unangenehmsten?
Eine belastbare Antwort darauf gibt es nicht, und diese Seite behauptet keine. Was sich sagen lässt: Das Band zwischen −1 und +5 °C ist dasjenige, in dem Niederschlag als Flüssigkeit auf die Kleidung trifft und in dem gleichzeitig noch Frost möglich ist. Beides zusammen gibt es weder darüber noch darunter.