Auf einer Flasche Brennspiritus steht eine Zahl. Auf dem Sicherheitsdatenblatt desselben Produkts steht manchmal eine andere. Beide sind richtig, und der Unterschied zwischen ihnen ist genau der Anteil, den ein Campingkocher nie zu sehen bekommt.

Der Grund ist Wasser. Jeder Brennstoff, der Wasserstoff enthält — und das sind alle hier besprochenen —, erzeugt beim Verbrennen Wasserdampf. Ob man die Wärme mitzählt, die frei würde, wenn dieser Dampf wieder kondensiert, entscheidet über die Zahl.

Was Brennwert und Heizwert unterscheidet

Der Brennwert zählt die Kondensationswärme des Wasserdampfs mit, der Heizwert nicht. Sonst sind beide dasselbe: die Energie, die bei der vollständigen Verbrennung eines Kilogramms frei wird.

Im Heizungskeller ist die Unterscheidung Geld wert — ein Brennwertgerät heißt so, weil es genau diese Wärme zurückholt, indem es das Abgas so weit abkühlt, dass der Dampf kondensiert. Über einem Topf auf einem Sturmkocher passiert das nicht. Der Dampf steigt auf und nimmt seine Wärme mit.

Wie sich beide Werte aus einer gemessenen Größe herleiten

Aus der Standard-Verbrennungsenthalpie, geteilt durch die Molmasse — und für den Heizwert zusätzlich abzüglich der Verdampfungswärme des entstandenen Wassers.

Die Verbrennungsenthalpie ist eine gemessene Größe, keine Schätzung. Das NIST Chemistry WebBook führt sie für jeden dieser Stoffe mit der Studie, aus der sie stammt. Für Propan zum Beispiel 2.219,2 Kilojoule je Mol, gemessen von Pittam und Pilcher, 1972. Daraus wird:

Der Rechenweg am Beispiel Propan

Verbrennungsenthalpie
2.219,2 kJ/mol gemessen, Pittam und Pilcher, 1972
Molmasse
44,096 g/mol C₃H₈
Brennwert
50,33 MJ/kg Enthalpie geteilt durch Molmasse
Wasser je Molekül
4 mol × 44,0 kJ/mol Verdampfungswärme
Heizwert
46,34 MJ/kg Brennwert abzüglich der Verdampfungswärme

Fundstelle: NIST Chemistry WebBook, Standard Reference Database 69

Der abgezogene Betrag ist nicht klein: Vier Mol Wasser je Mol Propan mal 44 Kilojoule sind 176 Kilojoule von ursprünglich rund 2 219 — knapp acht Prozent.

Die Zahlen für alle Campingbrennstoffe

Brennwert, Heizwert und ihr Abstand, gerechnet aus den Verbrennungsenthalpien des NIST Chemistry WebBook
BrennstoffSummenformelBrennwertHeizwertAbstandMessung
PropanC₃H₈50,33 MJ/kg46,34 MJ/kg7,9 %Pittam und Pilcher, 1972
IsobutanC₄H₁₀49,36 MJ/kg45,58 MJ/kg7,7 %Pittam und Pilcher, 1972
n-ButanC₄H₁₀49,51 MJ/kg45,72 MJ/kg7,6 %Pittam und Pilcher, 1972
ReinbenzinGemisch43,00 MJ/kgAnhang III RL (EU) 2018/2001
Ethanol (Brennspiritus)C₂H₆O29,69 MJ/kg26,82 MJ/kg9,7 %Chao und Rossini, 1965
Hexamin (Trockenbrennstoff)C₆H₁₂N₄29,96 MJ/kg28,08 MJ/kg6,3 %Månsson, Rapport und Sunner, 1970

Zwei Dinge fallen an dieser Tabelle auf.

Der Abstand wächst mit dem Wasserstoffanteil. Brennspiritus liegt mit 9,7 Prozent am höchsten, Trockenbrennstoff mit 6,3 Prozent am niedrigsten. Hexamethylentetramin enthält vier Stickstoffatome je Molekül, die beim Verbrennen kein Wasser bilden — deshalb fällt bei ihm weniger Kondensationswärme an, die man weglassen könnte.

Die drei Gase liegen praktisch gleichauf. Zwischen Propan, Isobutan und n-Butan liegt beim Heizwert weniger als ein Megajoule je Kilogramm. Für die Frage, wie viel Gas eine Tour braucht, ist die Mischung in der Kartusche also fast egal. Für die Frage, ob das Gas bei Frost überhaupt herauskommt, ist sie entscheidend — das ist der Gegenstand von Warum die Gaskartusche bei Kälte nachlässt.

Die Gegenprobe an einem Rechtsakt

Anhang III der Richtlinie (EU) 2018/2001 nennt für dieselben Stoffe Werte, die auf unter ein Prozent mit der Rechnung übereinstimmen — und er nennt sie ausdrücklich als unteren Heizwert.

Anhang III der Richtlinie (EU) 2018/2001, „Energiegehalt von Brennstoffen“, gegen die eigene Rechnung
Stoff im RechtsaktAnhang IIIhier gerechnet
Biopropan46 MJ/kg46,34 MJ/kg
Ethanol aus erneuerbaren Quellen27 MJ/kg26,82 MJ/kg
Ottokraftstoff43 MJ/kgnicht rechenbar, kein Reinstoff

Dass ein europäischer Rechtsakt und eine Messung aus dem Jahr 1972 dieselbe Zahl ergeben, ist kein Zufall — es ist der Beleg dafür, dass die Rechnung stimmt. Für Reinbenzin bleibt der Wert aus dem Rechtsakt stehen, weil es kein Reinstoff ist: Ein Kraftstoffgemisch hat keine Summenformel und damit auch keine Verbrennungsenthalpie je Mol.

Die dritte Gegenprobe: der Hersteller selbst

Esbit gibt für seinen Trockenbrennstoff „approx. 28 400 kJ/kg“ an. Der hier gerechnete Heizwert von Hexamethylentetramin liegt bei 28,08 Megajoule je Kilogramm — der Brennwert dagegen bei 29,96.

Die Herstellerangabe ist also der Heizwert, nicht der Brennwert. Das ist eine gute Nachricht: Sie ist die Zahl, mit der man planen kann. Esbit nennt daneben eine Zusammensetzung aus „methenamine and wax“, also Hexamin mit Wachsanteil — der reine Stoffwert ist damit eine Näherung an das Produkt, keine Identität.

Was daraus für die Packliste folgt

Wer den Brennstoff wechselt, wechselt die Masse, nicht nur die Bauart. Brennspiritus trägt rund 58 Prozent der Energie von Gas je Gramm. Für dieselbe Wassermenge braucht ein Spirituskocher also allein aus dem Heizwert heraus fast die doppelte Brennstoffmasse — und weil seine Bauart obendrein weniger Wärme in den Topf bringt, wird es in der Praxis noch mehr.

Das ist kein Argument gegen Spiritus. Ein Spiritusbrenner wiegt ein Zehntel eines Systemkochers, und bei einer Zwei-Tages-Tour wiegt das Gerät mehr als der Brennstoffunterschied. Ab welcher Tourlänge sich das dreht, rechnet der Brennstoff- und Wasserbedarfsrechner aus — er trägt genau diese Heizwerte im Modell.

Welche Angaben auf einer Gaskartusche stehen müssen und welche nicht, steht in Was EN 417 auf der Gaskartusche wirklich zusagt. Wie aus dem Heizwert eine Menge in Gramm wird, steht in Vom Liter Wasser zum Gramm Gas. Und die Einordnung aller drei Entscheidungen — Brennstoff, Bauart, Menge — steht im Themenbereich Kocher und Brennstoff.