„Nachhaltig“ ohne Bezugsgröße — und was sich am 27. September 2026 ändert
Sechs Werbepraktiken werden ohne Einzelfallprüfung unzulässig. Der Wortlaut, die Frist und was am geltenden deutschen UWG-Text auffällt.
PFAS, recycelt, bluesign, nachhaltig: Was davon geltendes Recht ist, was ein geprüfter Standard und was nur ein Wort. Mit Fundstelle je Aussage.
Auf dem Anhänger steht „PFC-frei“. Auf dem Innenetikett steht ein Zeichen mit einem Namen, den man noch nie gehört hat. Auf der Produktseite steht „nachhaltig produziert“. Und daneben, in einem Absatz über Verantwortung, steht ein Hinweis auf ein Recyclingprogramm.
Vier Aussagen, vier völlig verschiedene Dinge. Eine davon ist möglicherweise eine gesetzliche Pflicht, die für jede Jacke im Laden gilt. Eine ist ein Kriterienkatalog, den man nachlesen kann. Eine ist ein Wort ohne Bezugsgröße. Und eine ist ein Versprechen über die Zukunft.
Dieser Themenbereich sortiert sie. Nicht danach, was gut klingt, sondern danach, wer etwas behauptet und wer es prüft.
Jede umweltbezogene Angabe auf einem Produkt liegt auf genau einer von drei Ebenen — und die Ebene entscheidet, was die Angabe wert ist.
Die Einteilung ist nicht ausgedacht. Sie folgt der Systematik, die die Richtlinie (EU) 2024/825 selbst anlegt: Sie unterscheidet zwischen verpflichtenden Kennzeichnungen, Nachhaltigkeitssiegeln auf Grundlage eines Zertifizierungssystems und allgemeinen Umweltaussagen.
| Ebene | Woran du sie erkennst | Was sie über dieses Produkt aussagt |
|---|---|---|
| Gesetzliche Anforderung | Kein Logo, kein Siegel, meist gar keine Angabe auf dem Etikett — eine Grenze, die eingehalten sein muss, damit die Ware überhaupt verkauft werden darf. | Sagt nichts über den Unterschied zwischen zwei Jacken aus, weil sie für beide gilt. |
| Freiwilliger Standard mit Zertifizierungssystem | Ein Zeichen mit einem nachschlagbaren Kriterienkatalog und einer benannten Stelle, die prüft. | So viel, wie der Katalog abdeckt — und keinen Schritt weiter. Zwei Siegel auf zwei Jacken können vollkommen Verschiedenes bedeuten. |
| Selbstaussage ohne Prüfstelle | Ein Wort ohne Bezugsgröße: „nachhaltig“, „umweltfreundlich“, „eco“, „klimaneutral“ — und kein Kriterienkatalog, in dem stünde, woran das gemessen wurde. | Keine, solange die Bezugsgröße fehlt. Die Richtlinie (EU) 2024/825 stellt genau diesen Fall unter Bedingungen. |
Der wichtigste Satz der Tabelle steht in der ersten Zeile rechts: Eine gesetzliche Anforderung unterscheidet zwei Produkte gerade nicht. Sie gilt für beide. Wer damit wirbt, wirbt mit einer Selbstverständlichkeit — und die Richtlinie (EU) 2024/825 hat dafür ab dem 27. September 2026 eine eigene Nummer in der Liste der stets unzulässigen Geschäftspraktiken.
Im EU-Chemikalienrecht gibt es keine Beschränkung von PFAS als Stoffgruppe in Textilien. Es gibt Beschränkungen einzelner Stoffe und Stoffgruppen, und für Kleidung greift davon genau eine.
Das ist keine Auslegung, sondern nachzählbar: Der Anhang XVII (Beschränkungen der Herstellung, des Inverkehrbringens und der Verwendung) der Verordnung (EG) Nr. 1907/2006 (REACH) enthält in der konsolidierten Fassung zum
22. Juni 2026genau 83 Einträge. Vier davon betreffen fluorierte Stoffe. Nur einer davon nennt Kleidung.
Fundstelle: REACH-Anhang XVII, Eintrag 79, Absätze 1 und 2, konsolidierte Fassung vom 22. Juni 2026
Die zweite Frist fehlt in fast jeder Darstellung: Zelt, Rucksack, Schlafsack und Tarp sind Textilien, aber keine Kleidung — für sie gilt der Grenzwert ein Jahr später als für die Jacke. Welche Stoffe hinter den Kürzeln stecken und wo die Grenzwerte herkommen, steht in was das PFAS-Recht wirklich verbietet.
Für die Ausrüstung, die schon im Schrank liegt, ändert sich durch all das nichts. Beschränkt ist das Inverkehrbringen, nicht das Besitzen und nicht das Benutzen — nachzulesen in was die neuen Regeln für deine vorhandene Ausrüstung bedeuten.
Ein freiwilliger Standard sagt genau so viel, wie sein Kriterienkatalog abdeckt — und die vier verbreiteten Standards decken vollkommen Verschiedenes ab.
| Standard | Systeminhaber | Wer prüft | Worauf er sich bezieht |
|---|---|---|---|
| Blauer Engel DE-UZ 154 | Bundesministerium für Umwelt (Zeicheninhaber) | RAL gGmbH als Zeichenvergabestelle | staatliches Umweltzeichen |
| OEKO-TEX STANDARD 100 | OEKO-TEX Service GmbH, Zürich | die von OEKO-TEX zugelassenen Institute nach Anhang 1 des Standards | privater Prüfstandard für Schadstoffe |
| Global Recycled Standard (GRS) | Textile Exchange, gemeinnützige Organisation nach Section 501(c)(3) des US-Steuerrechts | akkreditierte Zertifizierungsstellen, nicht Textile Exchange selbst | privater Standard für Recyclinganteil und Lieferkette |
| bluesign | bluesign technologies ag, ein Unternehmen der SGS-Gruppe | bluesign-Mitarbeiter im Rahmen der eigenen Bewertungen | privates Bewertungssystem für Produktionsbetriebe und Chemikalien |
Die dritte Spalte ist die entscheidende. Bei drei der vier Standards prüft jemand anderes als der, der die Regeln schreibt; bei einem prüft der Systeminhaber selbst. Warum das ein rechtlich fassbarer Unterschied ist und wie sich das in vier Fragen abklopfen lässt, steht in vier Fragen, die im Gesetz stehen.
Ab diesem Datum sind mehrere Umweltaussagen ohne Einzelfallprüfung unzulässig — sie stehen dann in der Liste der Geschäftspraktiken, die stets unlauter sind.
Die Richtlinie (EU) 2024/825 war bis zum
27. März 2026in nationales Recht umzusetzen; die Mitgliedstaaten wenden die Maßnahmen ab dem
27. September 2026an (Artikel 4 Absatz 1). Betroffen sind unter anderem das Siegel ohne Zertifizierungssystem, die allgemeine Umweltaussage ohne Nachweis, die Aussage über das ganze Produkt auf Basis eines einzelnen Aspekts und die Klimaneutralität auf Basis von Kompensation.
Was das für die Wörter bedeutet, die heute auf jedem zweiten Anhänger stehen, steht in „nachhaltig“ ohne Bezugsgröße.
Die längste Nutzungsdauer schlägt jede Materialentscheidung — und diese Aussage kommt ohne eine einzige Ökobilanz aus.
Für die Umweltbelastung „einer Outdoor-Jacke“ gibt es keine zitierfähige Zahl. Es braucht auch keine: Wenn die Herstellung eine Belastung B verursacht und die Jacke n Jahre getragen wird, entfällt auf jedes Jahr B/n. Verdoppelt sich n, halbiert sich der Jahreswert — unabhängig davon, wie groß B ist. Die unbekannte Größe kürzt sich heraus.
Fundstelle: Eigene Verhältnisrechnung (1/n). Sie setzt voraus, dass die Herstellung den Hauptteil der Belastung ausmacht und die Nutzung selbst wenig beiträgt — für ein Textil ohne Energieverbrauch im Gebrauch ist das die naheliegende Annahme, sie ist hier aber nicht mit einer Ökobilanz belegt.
Das ist der unbequeme Teil dieses Themenbereichs: Die wirksamste Maßnahme steht in einem anderen — nämlich in Ausrüstung pflegen und reparieren. Ausführlich durchgerechnet in die Rechnung, die jede Materialentscheidung schlägt.
Dieser Themenbereich beantwortet nicht, welches Produkt du kaufen sollst.
Er beantwortet, was auf dem Etikett belegt ist und was nicht. Das ist weniger, als eine Kaufempfehlung verspricht, und mehr, als eine Kaufempfehlung halten kann — denn eine Empfehlung wäre in dem Moment veraltet, in dem ein Hersteller seine Lieferkette ändert, während die Frage „wer prüft das?“ in zehn Jahren noch funktioniert.
Ebenfalls nicht hier: Was rechtlich gilt, wenn Abfall draußen liegen bleibt. Das steht mit den Paragrafen des Kreislaufwirtschaftsgesetzes in Essensreste und Müll auf Tour.
Sechs Werbepraktiken werden ohne Einzelfallprüfung unzulässig. Der Wortlaut, die Frist und was am geltenden deutschen UWG-Text auffällt.
PFC steht in keinem Rechtstext, PFAS seit Oktober 2025 schon. Was das Etikett behauptet, was es nicht behaupten kann — und woran du es misst.
Das strengste Textilzeichen verbietet PFC vollständig und schließt PTFE-Bauteile aus. Was es prüft, wer es vergibt und wo es nicht hinkommt.
bluesign bewertet Chemikalien, Betriebe und Materialströme — nicht die fertige Jacke. Was das Zeichen aussagt, wer bewertet und wo die Prüfbarkeit endet.
Beschränkt ist das Inverkehrbringen, nicht der Besitz. Was PFAS-Recht für Ausrüstung heißt, die schon im Schrank liegt — mit den beiden Absätzen dazu.
Ohne Ökobilanz, nur mit einer Division: Warum die Nutzungsdauer stärker wirkt als jede Materialwahl — und was das für Kaufentscheidungen bedeutet.
Die Richtlinie (EU) 2024/825 definiert, was ein Zertifizierungssystem ausmacht — vier Bedingungen. Daraus wird ein Prüfbogen für jedes Zeichen am Etikett.
Die sieben Grundsätze stammen von einer US-Organisation und stehen unter Copyright. Was in Deutschland stattdessen verbindlich ist — mit Fundstelle.
Funktionierende Ausrüstung gegen nachhaltigere zu tauschen ist die eine Maßnahme, die sich nicht rechnet. Was stattdessen wirkt, mit Fundstelle.
Das häufigste Textilzeichen prüft Schadstoffe im Neuzustand. Der Standard schreibt selbst, dass er kein Gütezeichen ist — nachgelesen in Edition 01.2026.
Was „recycelt“ auf einem Etikett heißen darf, steht in Standarddokumenten — mit zwei verschiedenen Schwellen und einer Definition aus der ISO 14021.
Vier Einträge im REACH-Anhang XVII betreffen Fluorchemie, nur einer nennt Kleidung. Die geltenden Grenzwerte und Fristen, taggenau und mit Fundstelle.