Wer im Laden nach dem Blauen Engel auf einer Regenjacke sucht, sucht meistens vergeblich. Das liegt nicht daran, dass die Hersteller sich nicht bemühen würden, und auch nicht an den Kosten der Zertifizierung. Es liegt an einem Aufzählungspunkt auf Seite 15 der Vergabekriterien.

Dieser Aufzählungspunkt macht das Zeichen zum aufschlussreichsten der vier verbreiteten Standards — nicht weil es das strengste ist, sondern weil man an ihm ablesen kann, wo die Grenzen des heutigen Materialangebots verlaufen.

Wer den Blauen Engel vergibt und wer die Regeln schreibt

Vier verschiedene Institutionen teilen sich die Rollen — und das ist der Grund, warum das Zeichen den Prüfbogen der Richtlinie (EU) 2024/825 mühelos besteht.

Rollenverteilung beim Umweltzeichen Blauer Engel
Zeicheninhaber
Bundesumweltministerium legt die Grundsätze zur Vergabe fest und beruft die Jury.
Kriterien
Umweltbundesamt Fachgebiet „Ökodesign, Umweltkennzeichnung, Umweltfreundliche Beschaffung“, unter Beteiligung der interessierten Kreise.
Entscheidung
Jury Umweltzeichen unabhängiges Beschlussgremium mit Vertretern aus Umwelt- und Verbraucherverbänden, Gewerkschaften, Industrie, Handel, Handwerk, Kommunen, Wissenschaft, Kirchen, Jugend und Bundesländern.
Vergabe und Aufsicht
RAL gGmbH prüft die Anträge, schließt die Zeichennutzungsverträge und überwacht die Verwendung.

Fundstelle: DE-UZ 154 „Textilien“, Ausgabe Januar 2023, Version 3, Trägerinstitutionen auf dem Deckblatt

Wer die Anforderungen schreibt, vergibt sie also nicht, und wer sie vergibt, entscheidet nicht über sie. Warum diese Trennung rechtlich zählt, steht in den vier Fragen aus dem Gesetz.

Welche Outdoor-Produkte überhaupt in den Geltungsbereich fallen

Funktionsbekleidung und Rucksäcke sind ausdrücklich erfasst — Schuhe mit fester Sohle und Schlafmatten dagegen nicht.

Der Geltungsbereich in Abschnitt 2 nennt unter anderem Textilbekleidung und textile Accessoires aus mindestens 90 Gewichtsprozent Textilfasern, Funktionsbekleidung, deren Material zu mehr als 90 Gewichtsprozent durch Veredelungsprozesse wie Imprägnieren oder Verschweißen entstanden ist, Bettwaren aus mindestens 90 Gewichtsprozent Textilfasern sowie Handtaschen, Fahrradtaschen, Rucksäcke und Schulranzen aus mindestens 70 Gewichtsprozent Textilfasern.

Die niedrigere Schwelle für Rucksäcke ist keine Nachlässigkeit, sondern eine Anerkennung der Bauweise: Ein Tragesystem besteht zu einem erheblichen Teil aus Schaum, Kunststoffschienen und Metall. Welche Maße darüber entscheiden, ob ein Rucksack überhaupt passt, steht in der Rucksackgrößen-Übersicht nach Rückenlänge.

Der Aufzählungspunkt, der die Hardshell ausschließt

Von der Vergabe ausgeschlossen sind unter anderem „Materialien, Komponenten, Accessoires und Applikationen aus Polytetrafluorethylen (PTFE)“.

PTFE ist der Werkstoff der bekanntesten wasserdichten Membranen. Eine Jacke, deren Funktion auf einer PTFE-Membran beruht, ist damit vom Geltungsbereich des Zeichens ausgenommen — unabhängig davon, wie sauber der Rest ihrer Lieferkette ist. Es gibt keinen Grenzwert, ab dem es doch ginge, und keine Übergangsregelung.

Der Ausschluss ist nicht der einzige. Ebenfalls nicht zeichenfähig sind Polstermöbel und Matratzen, textile Bodenbeläge, textile Schuhe mit fester Sohle, Materialien aus PVC, Textilien mit Biozidbehandlung, Textilien mit Elektronikkomponenten, die sich nicht heraustrennen lassen — und gefertigte Textilien aus Alt-Textilien ohne Aufschlüsselung der Fasern.

Warum das vollständige PFC-Verbot mehr ist als ein Grenzwert

Abschnitt 3.6.2.4.4 der Vergabekriterien besteht aus einem Satz: „Es dürfen keine per- und polyfluorierten Chemikalien (PFC) eingesetzt werden.“

Das ist eine Anforderung an das Verfahren, nicht an das Endprodukt. Ein Grenzwert lässt sich durch Verdünnung, Auswaschen oder geschickte Probenwahl erreichen; ein Einsatzverbot muss in der Produktion umgesetzt werden. Ergänzt wird es in Abschnitt 3.6.6.14 um eine Produktprüfung für hydrophobierte Textilien, deren Konzentrationsgrenzen in Anhang H4 stehen — und die hier bewusst nicht wiedergegeben werden: Abschnitt 3.6.6.14 verweist auf Anhang H4 der Vergabekriterien. Die Zahlen dieses Anhangs ließen sich aus dem PDF nicht verlässlich auslesen. Belegt ist damit nur die kategorische Anforderung aus Abschnitt 3.6.2.4.4 — kein Einsatz von PFC —, nicht der Restgehalt.

Der Kontrast zum Gesetz ist bemerkenswert. Das EU-Chemikalienrecht beschränkt für Textilien einzelne Stoffe mit Grenzwerten, wie das PFAS-Recht mit seinen taggenauen Fristen zeigt. Der Blaue Engel verbietet stattdessen die ganze Stoffklasse für den Einsatz — und geht damit weiter als jede geltende Beschränkung.

Die einzige Haltbarkeitsanforderung unter den vier Standards

DE-UZ 154 verlangt, dass die wasserabweisende Ausrüstung fünf Waschgänge übersteht — und misst das mit derselben Norm, die den Abperleffekt überhaupt definiert.

Funktionsbeständigkeit der wasserabweisenden Ausrüstung
Anforderung
mindestens 80 von 90 Die Funktionsfähigkeit der wasserabweisenden Ausrüstung muss nach 5 Haushaltswasch- und Trockenzyklen bei 40 °C oder nach 5 Industriewasch- und Trockenzyklen bei mindestens 75 °C noch mindestens 80 von 90 betragen.
Prüfverfahren
ISO 6330 + ISO 4920 Haushaltswaschzyklen nach DIN EN ISO 6330 oder Industriewaschzyklen nach DIN EN ISO 15797, jeweils in Kombination mit DIN EN ISO 4920
Zusatzpflicht
Pflegeanleitung Es muss eine Pflegeanleitung zur Nachimprägnierung mit dem Textil mitgeliefert werden.

Fundstelle: DE-UZ 154, Abschnitt 3.12.8 Buchstabe a

Die Skala „80 von 90“ erläutern die Vergabekriterien nicht; sie ist deshalb im Wortlaut wiedergegeben und nicht in eine Sprühnote umgerechnet. Was die zugrunde liegende Sprühprüfung tatsächlich misst — und was sie nach ihrem eigenen Anwendungsbereich ausdrücklich nicht misst —, steht in was Imprägnieren wirklich tut.

Die Zusatzpflicht ist der praktisch wichtigste Teil: Dem Textil muss eine Anleitung zur Nachimprägnierung beiliegen. Ein Umweltzeichen, das eine Gebrauchsanweisung erzwingt, hat verstanden, wo die Lebensdauer eines Funktionstextils tatsächlich entschieden wird.

Was das Zeichen über Recyclingfasern verlangt

Rezyklat muss nachweisbar aus einem realen Materialstrom stammen — gekaufte Zertifikate reichen nicht.

Abschnitt 3.2.2.10 verlangt Angaben zu Rezyklatgehalt, Zusammensetzung, Herkunft der Wertstoffströme und zum Recyclingprozess, belegt durch ein Zertifikat nach RCS, GRS, ISCC+, RSB, RedCert oder einem vergleichbaren, von einem unabhängigen Umweltgutachter als gleichwertig bestätigten System. Und dann folgt der Satz, der den Unterschied macht: „Die Verwendung eingekaufter Zertifikate auf der Basis von Book & Claim ist ausgeschlossen; zugelassen sind Identity Preserved, Segregation und Massenbilanz.“

Ohne diese Regel könnte ein Hersteller Rezyklat auf dem Papier kaufen, ohne dass ein einziges Gramm davon in seinem Produkt landet. Was die Prozentangaben auf einem Etikett bedeuten und wo die Schwellen der einzelnen Standards liegen, steht in recycelt: 20 %, 50 % oder gar nichts.

Was du aus diesem Artikel mitnimmst

Der Blaue Engel ist auf Outdoor-Ausrüstung selten — und dieser Umstand ist selbst die Information.

Er sagt nicht, dass es keine gute Outdoor-Ausrüstung gäbe. Er sagt, dass zentrale Bauweisen des Marktes — PTFE-Membran, feste Sohle, Biozidausrüstung — mit den Kriterien nicht vereinbar sind. Wer das Zeichen auf einer Jacke findet, weiß deshalb sofort etwas Konkretes über ihre Konstruktion, nämlich dass sie ohne PTFE auskommt.

Und noch etwas: Ausgabe Januar 2023, Version 3, Laufzeit bis zum 31. Dezember 2027. Ein Kriterienkatalog mit Ablaufdatum ist ein gutes Zeichen — er zwingt zur Neubewertung, statt einen Stand von gestern unbefristet weiterzutragen. Wie sich das in die drei Ebenen einordnet, steht im Überblick zu Material und Nachhaltigkeit.

FAQ

Gibt es überhaupt Outdoor-Produkte mit dem Blauen Engel?

Der Geltungsbereich lässt sie zu — Funktionsbekleidung und Rucksäcke sind ausdrücklich genannt. Welche Produkte das Zeichen tatsächlich tragen, führt die RAL gGmbH; eine Marktübersicht ist nicht Gegenstand dieses Artikels, weil sie mit jedem neuen Vertrag veraltet.

Bedeutet „kein PTFE“ automatisch weniger wasserdicht?

Das lässt sich aus den Vergabekriterien nicht ableiten, und eine zitierfähige Vergleichsmessung dazu liegt nicht vor. Die Kriterien verlangen eine bestimmte Beständigkeit der Wasserabweisung, sagen aber nichts über die Wassersäule der Membran.

Warum sind Schuhe ausgeschlossen?

Der Geltungsbereich nimmt „textile Schuhe mit fester Sohle“ aus. Die Sohle ist kein Textil, und ihre Anforderungen ließen sich mit einem Textilkatalog nicht sinnvoll erfassen.