Auf der Flasche steht „stellt die Wasserdichtigkeit wieder her“. Auf der Packung daneben steht „macht Ihre Jacke wieder wie neu“. Beides klingt, als ließe sich mit fünfzehn Euro eine Reparatur ersetzen, und beides ist eine Verkürzung, die genau dort aufhört, wo es interessant wird.
Ein Imprägniermittel kann eine Sache sehr gut. Diese Sache ist wertvoll, sie ist messbar, und sie wird von einer eigenen Prüfnorm beschrieben. Sie ist nur nicht das, wofür die meisten Käufer bezahlen.
Die Imprägnierung sitzt auf dem Stoff, nicht in der Membran
Eine wasserdichte Jacke besteht aus mindestens zwei funktionalen Schichten, und Imprägnieren erreicht nur die äußere davon.
Die Membran oder Beschichtung liegt innen. Sie ist die Schicht, die Wasser tatsächlich aufhält, und sie ist beim Kauf mit einer Wassersäule beziffert — dem Wert, den die Wassersäule wirklich aussagt für Zeltgewebe erklärt und der bei Bekleidung genauso zustande kommt.
Die wasserabweisende Ausrüstung liegt außen, auf dem Oberstoff. Sie heißt im Handel DWR, von durable water repellent. GORE-TEX beschreibt sie als „ultradünne Beschichtung“, die bewirkt, dass Wasser abperlt und abrollt, statt aufgenommen zu werden.
Das ist die Schicht, die ein Imprägniermittel erneuert. Sie liegt oberhalb der Membran, sie berührt sie nicht, und sie kann an ihr nichts reparieren.
Wie der Abperleffekt geprüft wird: die Sprühprüfung nach ISO 4920
Der Abperleffekt ist keine Marketingbehauptung, sondern eine genormte Prüfung mit einem festgelegten Aufbau. Sie heißt ISO 4920:2012, Textilien — Bestimmung des Widerstandes gegen Oberflächenbenetzung (Sprühprüfung), ist die zweite Ausgabe vom
15. April 2012und stammt vom ISO/TC 38 Textiles, Unterkomitee SC 2 (Cleansing, finishing and water resistance tests).
- Wassermenge
- (250 ± 2) ml Abschnitt 4 und 8.3, destilliert oder vollentsalzt.
- Ausflussdauer
- 25 s bis 30 s Abschnitt 5.2 — schneller oder langsamer ist keine gültige Prüfung.
- Neigung der Probe
- 45° Abschnitt 4. Die Probe steht schräg, nicht waagerecht.
- Abstand Düse–Probe
- (150 ± 2) mm Abschnitt 5.3, gemessen von Düsenmitte zu Probenmitte.
- Düse
- 19 Löcher à (0,86 ± 0,05) mm Abschnitt 5.2: 12 auf einem Kreis von 21 mm, 6 auf einem von 10 mm, 1 in der Mitte.
- Wassertemperatur
- (20 ± 2) °C oder (27 ± 2) °C Abschnitt 5.4 — oder eine andere, wenn die Beteiligten sich einigen. Sie muss im Prüfbericht stehen.
- Proben
- mindestens 3, je mindestens 180 mm × 180 mm Abschnitt 7, aus verschiedenen Stellen des Gewebes.
- Vorbehandlung
- mindestens 4 h Klimatisierung Abschnitt 8.1, Normklima nach ISO 139.
Fundstelle: ISO 4920:2012, Abschnitte 4 bis 8, ausgewertet aus der frei zugänglichen Normvorschau, die den vollständigen normativen Teil enthält.
Bewertet wird danach nicht mit einem Messgerät, sondern mit dem Auge: Die Probe wird nach dem Besprühen zweimal gegen einen festen Gegenstand geklopft, und der Prüfer vergleicht ihr Aussehen mit einer Beschreibung und einer Fototafel.
| Note | Was das Gewebe zeigt |
|---|---|
| 0 | Vollständige Benetzung der gesamten Probenoberfläche. |
| 1 | Vollständige Benetzung der gesamten Probenoberfläche über die Auftreffpunkte hinaus. |
| 2 | Teilweise Benetzung der Probenoberfläche über die Auftreffpunkte hinaus. |
| 3 | Benetzung der Probenoberfläche an den Auftreffpunkten. |
| 4 | Geringes, zufällig verteiltes Anhaften oder Benetzen der Probenoberfläche. |
| 5 | Kein Anhaften und kein Benetzen der Probenoberfläche. |
Diese Note heißt Sprühnote; Zwischenwerte in Halbschritten sind ab Note 1 zulässig. Und die Norm merkt in Abschnitt 9.1 selbst an, dass die Fotostandards für dunkel gefärbte Gewebe nicht recht taugen — dort soll man sich stärker auf die verbale Beschreibung stützen. Eine Note ist also eine sorgfältig geregelte Einschätzung, keine Messung.
Der Satz, mit dem ISO 4920 ihre eigene Reichweite begrenzt
Der wichtigste Satz dieses Artikels steht nicht in einer Werbebroschüre, sondern im Anwendungsbereich der Prüfnorm selbst, direkt hinter dem Zweck:
Sie ist nicht dafür bestimmt, den Widerstand von Geweben gegen das Durchdringen von Regen vorherzusagen, da sie das Durchdringen von Wasser durch das Gewebe nicht misst.
Das ist unmissverständlich. Die Prüfung, mit der sich der Erfolg einer Imprägnierung beziffern lässt, sagt über die entscheidende Frage — kommt Regen durch? — ausdrücklich nichts aus. Sie misst, ob Wasser auf der Oberfläche liegen bleibt, nicht ob es hindurchgeht.
Warum eine Jacke innen klamm wird, ohne dass Regen durchkommt
Wenn der Oberstoff Wasser aufnimmt, statt es abperlen zu lassen, wird die Jacke innen feucht — und zwar von innen, nicht von außen. Der Vorgang heißt im Englischen wetting out, und er ist der eigentliche Grund, warum eine erschöpfte Imprägnierung sich wie ein Defekt anfühlt.
Der Mechanismus ist unstrittig und wird von allen zitierten Herstellern gleich beschrieben: Ein wassergesättigter Außenstoff lässt den Wasserdampf, der von innen kommt, schlechter passieren. Der Schweiß verdunstet langsamer, schlägt sich an der Innenseite nieder, und der Träger fühlt Nässe, die aus ihm selbst stammt. Nikwax beschreibt denselben Vorgang so, dass die wasserabweisende Eigenschaft des Oberstoffs erhalten bleiben müsse, „um den Tragekomfort zu sichern“.
Für die Praxis ändert die fehlende Zahl wenig: Die Richtung stimmt, und sie erklärt, warum sich eine Nachimprägnierung selbst dann lohnt, wenn die Membran völlig intakt ist. Sie erklärt aber auch, warum manche Nässe im Zelt und in der Jacke gar kein Dichtigkeitsproblem ist, sondern Kondensation — der Kondens-Rechner zeigt, ab welcher Kombination aus Temperatur und Luftfeuchte sie zwangsläufig auftritt.
Was Imprägnieren nicht repariert
Vier Befunde sehen für den Laien nach „undicht“ aus und sind für ein Imprägniermittel unerreichbar. Bei allen vieren ist das Mittel nicht wirkungslos, sondern am falschen Ort wirksam.
| Befund | Was tatsächlich kaputt ist | Was hilft |
|---|---|---|
| Delamination | Der Klebeverbund zwischen Membran und Trägergewebe hat sich flächig gelöst; die Innenseite wirft Blasen oder schält. | Nichts. Der Verbund lässt sich nicht wiederherstellen. |
| Hydrolyse | Eine Polyurethanbeschichtung hat mit Wasser reagiert und ist chemisch zersetzt: klebrig, bröselig, säuerlich riechend. | Nichts. Vorbeugen durch trockene Lagerung, siehe der häufigste Zelttod. |
| Loch oder Riss | Eine mechanische Öffnung, oft kleiner als ein Nadelstich. | Flicken oder Kleber, materialabhängig. |
| Abgelöstes Nahtband | Die Abdichtung über der Nahtlochreihe hat sich gelöst; das Wasser läuft durch die Stichlöcher. | Neu verkleben oder flüssig abdichten. |
Welcher dieser Befunde sich noch lohnt und welcher das Ende bedeutet, steht in Welcher Defekt ist reparabel — und welcher nicht.
Die Prüfung mit dem Wasserglas, bevor irgendetwas gekauft wird
Der Unterschied zwischen Oberflächenproblem und Substanzproblem lässt sich ohne Labor feststellen, und zwar an der Stelle, die stört.
- Wasser auf die trockene Außenseite gießen. Perlt es in Tropfen ab, ist die Ausrüstung intakt. Zieht der Stoff dunkel ein, ist sie erschöpft — das ist der Fall für ein Imprägniermittel.
- Die Innenseite betrachten, während außen Wasser steht. Bleibt sie trocken, ist die Membran in Ordnung, auch wenn außen nichts mehr abperlt. Wird sie feucht, ist es ein Substanzschaden.
- Die Innenseite abtasten. Klebrig, bröselig oder blasig heißt Hydrolyse oder Delamination. Ein Mittel zu kaufen wäre hier verlorenes Geld.
Ob nach dem Imprägnieren Hitze nötig ist — vier Hersteller, zwei Antworten
Die Frage, die im Regal niemand beantwortet: Muss die frisch aufgetragene Imprägnierung in den Trockner? Die Hersteller sagen dazu Gegenteiliges, und zwar jeweils begründet.
| Hersteller | Antwort | Wortlaut |
|---|---|---|
| GORE-TEX (W. L. Gore & Associates) | ja, 20 Minuten Trockner | Nach dem Auftragen das Kleidungsstück 20 Minuten im Trockner trocknen, um die DWR-Behandlung zu aktivieren. Oder das trockene Teil auf niedriger Stufe bügeln (warm, ohne Dampf) und dabei ein Tuch zwischen Kleidungsstück und Bügeleisen legen. |
| Sympatex Technologies | ja, entscheidend | Anschließende Behandlung im Wäschetrockner. Wärmewirkung fördert das Auskondensieren des Imprägniermittels und verbessert die wasserabweisende Wirkung. DWR-Behandlungen werden durch Hitze aktiviert, daher ist dieser Schritt entscheidend. |
| Nikwax | nein | Mit Nikwax TX.Direct behandelte Kleidung benötigt keine Hitze für die Bildung von dauerhaft wasserabweisenden Eigenschaften (DWR). |
| Grangers | nein | Wirksam ohne Hitzeaktivierung. An der Luft trocknen lassen oder den Trocknungshinweisen des Pflegeetiketts folgen. |
Aufgelöst ist der Widerspruch nur scheinbar: Die Membranhersteller sprechen über die werkseitige Ausrüstung, die durch Wärme wieder aufgerichtet wird, die Mittelhersteller über ihr eigenes Produkt, dessen Bindung ohne Wärme entsteht. Wer eine Jacke wäscht, ohne neu zu imprägnieren, folgt also den Membranherstellern; wer ein Mittel aufträgt, folgt dessen Anleitung. Die vollständige Gegenüberstellung mit allen Zahlen steht in Waschmittel, Temperatur, Hitze: wo die Hersteller sich widersprechen, die Systematik dahinter im Themenbereich Ausrüstung pflegen und reparieren.
FAQ
Bringt häufiges Imprägnieren mehr als seltenes?
Nein, es ersetzt nur das Waschen nicht. Alle vier zitierten Hersteller setzen eine Reinigung vor die Imprägnierung — Grangers nennt sie ausdrücklich Voraussetzung, Nikwax verlangt zusätzlich, die Waschmittelreste aus der Waschmittelkammer zu entfernen. Ein Mittel auf verschmutztes Gewebe aufzutragen behandelt die Verschmutzung mit.
Wirkt Imprägnieren auch auf der Innenseite?
Es soll nicht. Sympatex empfiehlt ausdrücklich das Spray statt der Waschmaschinen-Anwendung, weil es die Ausrüstung „nur auf der Außenseite deiner Jacke neu aufträgt, wo sie hingehört“. Bei einer Wash-in-Behandlung wird das gesamte Kleidungsstück behandelt, also auch das Futter.
Warum steht auf der Jacke eine Wassersäule, aber keine Sprühnote?
Weil beide Zahlen aus freiwilligen Prüfungen stammen und nur eine davon beworben wird. Die Wassersäule ist die größere Zahl und wirkt im Regal überzeugender; die Sprühnote reicht von 0 bis 5 und altert außerdem mit der Nutzung. Eine Angabe, die sich nach zehn Wäschen ändert, eignet sich schlecht für ein Verkaufsschild.