Zwei Jacken hängen nebeneinander. An der einen hängt ein Anhänger mit „PFC-frei“, an der anderen nicht. Die naheliegende Schlussfolgerung — die eine enthält kein Fluor, die andere schon — ist die einzige, die sich aus dem Etikett gerade nicht ziehen lässt.
Der Grund ist unspektakulär und wird trotzdem selten ausgesprochen: „PFC“ ist kein Rechtsbegriff. Es gibt keine Vorschrift, in der steht, was ein Produkt erfüllen muss, um so genannt zu werden. Es gibt keine Prüfmethode, die dafür festgelegt wäre, und keinen Grenzwert, ab dem die Aussage falsch würde.
Was in den Rechtstexten steht — und was nicht
Der REACH-Anhang XVII kennt PFHxA, C9-C14-PFCA, TDFA-Silantriole und seit Oktober 2025 auch PFAS. Er kennt kein PFC.
Die Abkürzung stammt aus der Fachsprache — „per- und polyfluorierte Chemikalien“ — und wird dort teils synonym mit PFAS, teils enger und teils weiter verwendet. In der Werbung ist sie zusätzlich zu einem Sammelbegriff für „nichts Schlimmes drin“ geworden. Was fehlt, ist die Stelle, an der jemand festlegt, wo die Grenze verläuft.
- Begriff
- PFAS
- Definition
- jeder Stoff, der mindestens ein vollständig perfluoriertes Methyl- (CF3-) oder Methylen- (CF2-)-Kohlenstoffatom enthält (ohne ein daran gebundenes H/Cl/Br/I)
- Eingefügt durch
- Verordnung (EU) 2025/1988 der Kommission vom 2. Oktober 2025
- Beschränkt wird damit
- ausschließlich der Einsatz in Feuerlöschschäumen ab dem 23. Oktober 2030
Fundstelle: REACH-Anhang XVII, Eintrag 82, konsolidierte Fassung vom 22. Juni 2026
Daraus folgt eine Merkwürdigkeit, die den ganzen Streit erklärt: Der Begriff mit der klaren Definition — PFAS — steht auf keinem Etikett. Der Begriff ohne Definition — PFC — steht auf vielen. Welche Stoffe für Kleidung tatsächlich beschränkt sind und zu welchen Terminen, steht in was das PFAS-Recht wirklich verbietet.
Warum „PFC-frei“ mehr verspricht als das Gesetz verlangt
Die Aussage geht weiter als die Rechtslage — und genau darin liegt ihr Informationswert, wenn sie belegt ist.
Das Gesetz beschränkt einzelne Stoffe: PFHxA ab 25 ppb, die C9-C14-PFCA ab 25 ppb, PFOS, PFOA und PFHxS über die POP-Verordnung. Es beschränkt für Textilien keine kurzkettigen Fluorverbindungen jenseits dieser Einträge und keine fluorhaltigen Polymere wie Polytetrafluorethylen. Eine Jacke kann also vollständig rechtskonform sein und trotzdem Fluorchemie enthalten.
Ein Hersteller, der „PFC-frei“ schreibt und damit meint, dass er auf fluorierte Ausrüstungen ganz verzichtet, sagt damit etwas, das über die gesetzliche Pflicht hinausgeht. Das ist eine echte Information — sofern irgendwo steht, was er darunter versteht.
Warum die Aussage rechtlich eine Umweltaussage ist
Sie erfüllt die Definition der Richtlinie (EU) 2024/825 Wort für Wort: nicht verpflichtend, im Kontext kommerzieller Kommunikation, und sie legt eine geringere Umweltschädlichkeit nahe.
Der Rechtstext definiert eine Umweltaussage als „eine Aussage oder Darstellung, die nach Unionsrecht oder nationalem Recht nicht verpflichtend ist, einschließlich Darstellungen durch Text, Bilder, grafische Elemente oder Symbole wie beispielsweise Etiketten, Markennamen, Firmennamen oder Produktbezeichnungen, im Kontext einer kommerziellen Kommunikation, und in der ausdrücklich oder stillschweigend angegeben wird, dass ein Produkt, eine Produktkategorie, eine Marke oder ein Gewerbetreibender eine positive oder keine Auswirkung auf die Umwelt hat oder weniger schädlich für die Umwelt ist als andere.“
Auf „PFC-frei“ trifft jeder Teil zu. Keine Vorschrift verlangt die Angabe; sie steht auf einem Anhänger, also in kommerzieller Kommunikation; und sie sagt stillschweigend, das Produkt sei weniger schädlich als andere seiner Art. Was daraus folgt, hängt daran, ob der Hersteller die Aussage spezifiziert — ausführlich in „nachhaltig“ ohne Bezugsgröße.
Was ab dem 10. Oktober 2026 zusätzlich zu bedenken ist
Ab diesem Tag ist der PFHxA-Grenzwert für Kleidung für alle verbindlich — und eine Werbung damit wird deshalb heikel.
In der Liste der Geschäftspraktiken, die stets unlauter sind, steht künftig die Nummer 10a: „Präsentation von Anforderungen, die kraft Gesetzes für alle Produkte in der betreffenden Produktkategorie auf dem Unionsmarkt gelten, als Besonderheit des Angebots des Gewerbetreibenden.“
Für „PFC-frei“ heißt das nicht automatisch, dass die Aussage unzulässig würde, denn sie ist — siehe oben — weiter als das Gesetz. Heikel wird es dort, wo ein Anbieter genau das bewirbt, was ohnehin für alle gilt: „erfüllt die neuen PFAS-Grenzwerte“ ist ab dem 10. Oktober 2026 keine Eigenschaft mehr, sondern eine Verkaufsvoraussetzung.
Der einzige Punkt, an dem du selbst entscheidest
Zwischen Kauf und Entsorgung gibt es genau eine Stelle, an der eine Privatperson Fluorchemie ins Spiel bringt oder nicht: das Imprägniermittel.
Der Eintrag 73 des REACH-Anhangs XVII beschränkt seit dem 2. Januar 2021 (3,3,4,4,5,5,6,6,7,7,8,8,8-Tridecafluoroctyl)-silantriol in Sprühprodukten für die breite Öffentlichkeit ab 2 ppb, bezogen auf das Gewicht der organische Lösungsmittel enthaltenden Gemische. Als „Sprühprodukte“ gelten dabei Aerosolpackungen, Pumpsprays und Triggersprays für abdichtende oder imprägnierende Anwendungen.
Praktisch heißt das: Wer mit einem Waschmittel-Imprägnierer statt mit einer Sprühdose arbeitet, entzieht sich der Frage komplett — und bekommt zusätzlich eine gleichmäßigere Behandlung. Was die beiden Verfahren unterscheiden und was sie überhaupt bewirken können, steht in was Imprägnieren wirklich tut.
Was eine fluorfreie Ausrüstung praktisch bedeutet
Fluorfreie Imprägnierungen perlen Wasser ab, aber sie perlen Öl und Fett nicht ab — das ist der belegbare technische Unterschied, und er hat eine spürbare Folge.
Hautfett, Sonnencreme und Küchenfett setzen sich in einem fluorfrei ausgerüsteten Oberstoff schneller fest. Ein verschmutzter Oberstoff nimmt Wasser auf, statt es abperlen zu lassen, und ein wassergesättigter Oberstoff fühlt sich innen klamm an, ohne dass Regen durchgekommen wäre. Wer fluorfrei kauft, wäscht also häufiger — und das ist kein Widerspruch, sondern die Bedienungsanleitung.
Wie viel Feuchte in einer Zeltnacht überhaupt anfällt und warum die klamme Innenseite meistens nichts mit Undichtigkeit zu tun hat, rechnet der Kondens-Rechner für Zelt und Tarp durch; die Systematik hinter allen drei Ebenen steht im Überblick zu Material und Nachhaltigkeit.
FAQ
Ist „PFC-frei“ also eine Lüge?
Nein, aber es ist eine Aussage ohne festgelegten Maßstab. Sie kann zutreffen und sie kann viel bedeuten — nur lässt sich das aus dem Wort allein nicht entnehmen, weil kein Rechtsakt und keine Norm definiert, was es heißen soll.
Warum sagt niemand einfach „PFAS-frei“?
Für die weite PFAS-Definition aus Eintrag 82 wäre der Nachweis schwer: Sie erfasst jeden Stoff mit einer vollständig perfluorierten CF3- oder CF2-Gruppe, einschließlich fluorhaltiger Polymere. Eine Jacke mit PTFE-Membran ist danach nicht PFAS-frei, auch wenn ihre Imprägnierung fluorfrei ist.
Erkennt man Fluorchemie an der Jacke?
Nicht ohne Analytik. Der oft genannte Hinweis, fluorfreie Ausrüstungen seien weniger dauerhaft, ist eine Herstellerangabe und keine Messgröße; eine Prüfvorschrift für die Haltbarkeit der Wasserabweisung gibt es dagegen sehr wohl, und sie steht in den Vergabekriterien des Blauen Engels für Textilien.