Es gibt wenige Outdoor-Regeln, die so oft weitergegeben werden wie diese: Sekunden zwischen Blitz und Donner zählen, durch drei teilen, Kilometer. Und es gibt wenige, bei denen die Quellenlage so überraschend ausfällt.
Denn die Formel stimmt und ist amtlich veröffentlicht. Was nicht stimmt, ist das, was die meisten daraus machen — nämlich eine Sicherheitsaussage. Dieser Artikel trennt beides.
Er gehört zum Themenbereich Sicherheit draußen. Was tatsächlich empfohlen wird, wenn man im Freien überrascht wird, steht in Was bei Gewitter zu tun ist.
Die Formel steht im Wetterlexikon des DWD
Wörtlich, mit Zahl und Beispiel. Der Eintrag „Donner“ im Wetterlexikon des Deutschen Wetterdienstes formuliert sie so:
Die Schallgeschwindigkeit von 330 m/s multipliziert mit dem Zeitintervall in Sekunden ergibt die Entfernung des Blitzkanals in Metern.
Und er gibt gleich das Beispiel dazu: Drei Sekunden zwischen Blitz und Donner bedeuten rund einen Kilometer Entfernung. Damit ist die Regel „Sekunden durch drei“ keine Küchenweisheit, sondern eine gerundete Form dessen, was der nationale Wetterdienst selbst rechnet — 330 m/s sind rund drei Sekunden je Kilometer.
Die deutsche Handlungsschwelle sind neun Sekunden
Nicht dreißig. In der Broschüre „Vorsicht Lebensgefahr! Wie ein Gewitter entsteht und wie man sich schützt“, 10. Auflage vom August 2024, schreibt der DWD nach der Erklärung der Formel:
Sind es weniger als neun Sekunden, sollte man dringend Schutz suchen.
Neun Sekunden entsprechen nach derselben Formel rund drei Kilometern. Das ist die einzige deutsche amtliche Zahl, die sich zu dieser Frage finden ließ — und sie ist deutlich schärfer als das, was die 30-30-Regel behauptet.
Warum die 30-30-Regel hier ohne Fundstelle bleibt
Weil sich keine finden ließ. Die Regel besteht aus zwei Hälften, und sie haben unterschiedlich viel Rückhalt.
Die erste Hälfte — bei weniger als 30 Sekunden zwischen Blitz und Donner Schutz suchen — ließ sich in keiner deutschen amtlichen Veröffentlichung belegen. Der DWD nennt neun Sekunden, nicht dreißig. Wer beide Zahlen nebeneinanderlegt, sieht den Unterschied: 30 Sekunden sind rund 10 km, 9 Sekunden sind rund 3 km. Das ist nicht dieselbe Regel mit anderem Sicherheitspuffer, sondern ein Faktor drei.
Die zweite Hälfte — 30 Minuten nach dem letzten Donner warten — verwendet der US-amerikanische National Weather Service tatsächlich, und zwar in mehreren Szenarien wörtlich. Nur eben nicht in Verbindung mit dem Sekundenzählen: Für den Weg in den Schutz lautet die Regel dort schlicht, bei hörbarem Donner sofort einen sicheren Ort aufzusuchen.
| Wer | Schwelle | Entspricht | Aussage |
|---|---|---|---|
| Deutscher Wetterdienst (Broschüre 2024) | weniger als neun Sekunden zwischen Blitz und Donner | rund 3 km | dringend Schutz suchen |
| Deutscher Wetterdienst (Handlungsempfehlungen, Ereignis-ID 90 bis 93) | keine Entfernungsangabe | — | Aufenthalt im Freien vermeiden oder Schutz suchen, Gewässer meiden |
| National Weather Service (USA) | sobald Donner hörbar ist | bis zu etwa 18 km | sofort einen sicheren Ort aufsuchen; erst 30 Minuten nach dem letzten Donner zurück |
Bemerkenswert ist die mittlere Zeile. In den Handlungsempfehlungen, die der DWD zu jedem Gewitter-Warnereignis veröffentlicht, kommt überhaupt keine Entfernung vor. Dort steht nur: Aufenthalt im Freien vermeiden oder Schutz suchen, Gewässer meiden. Derselbe Wetterdienst nennt also in der Aufklärungsbroschüre eine Sekundenzahl und im operativen Warnprodukt keine.
Warum die Entfernung keine Sicherheitsaussage ist
Weil der nächste Blitz nicht dort einschlägt, wo der letzte war. Genau das ist der Punkt, an dem die Sekundenregel als Sicherheitsregel scheitert — und dazu gibt es Zahlen.
| Befund | Quelle |
|---|---|
| Alte Daten gingen von 3 bis 4 km Abstand zwischen aufeinanderfolgenden Blitzen aus; neuere Daten zeigen für die Hälfte der Blitze etwa 9 km. | Lopez, R., Holle, R.: Separation Between Successive Lightning Flashes in Different Storm Systems, Proceedings 1998 International Lightning Detection Conference, Tucson, November 1998 — zitiert vom National Weather Service |
| Der Bericht des National Severe Storms Laboratory schließt daraus, dass der als relativ sicher geltende Abstand zum vorherigen Blitz auf mindestens 10 bis 13 km erhöht werden müsste; in der Sicherheitsaufklärung waren zuvor 3 bis 5 km üblich. | National Weather Service, „Lightning Myths“, weather.gov, abgerufen am 08.09.2026 |
| Blitze schlagen häufig mehr als drei Meilen (rund 5 km) vom Zentrum des Gewitters entfernt ein, außerhalb von Regen und Wolke; „Bolts from the blue“ können 10 bis 15 Meilen (rund 16 bis 24 km) entfernt einschlagen. | National Weather Service, „Lightning Myths“, weather.gov, abgerufen am 08.09.2026 |
Der Kern dieser drei Zeilen lässt sich in einem Satz sagen: Der Abstand zwischen zwei aufeinanderfolgenden Blitzen desselben Gewitters ist größer als das, was die Sicherheitsaufklärung jahrzehntelang angenommen hat. Wer bei „mehr als 10 Sekunden“ beruhigt weitergeht, verlässt sich auf eine Annahme, die der Bericht des National Severe Storms Laboratory ausdrücklich für zu knapp hält.
Was ein Blitz physikalisch ist
Ein sehr kurzer, sehr starker Stromfluss in einem sehr dünnen Kanal. Die Zahlen dazu stehen in derselben DWD-Broschüre und erklären, warum die Frage nach der Entfernung so schwer zu beantworten ist: Ein Vorgang, der in Millisekunden abläuft, lässt sich nicht abschätzen, sondern nur vermeiden.
- Registrierte Blitze in Deutschland
- mehr als 700 000 je Jahr Erdblitze sind darin deutlich seltener als Blitze innerhalb der Wolken.
- Gewitter je Ort und Jahr
- durchschnittlich etwa 20 bis 40 Im Süden mehr als im Norden, in höheren Lagen mehr als im Flachland.
- Stromstärke im Blitzkanal
- bis zu 500 000 Ampere Der Blitzkanal selbst ist dabei nur etwa fingerdick.
- Temperatur im Blitzkanal
- rund 30 000 °C Erreicht in Bruchteilen einer Sekunde; die Luft dehnt sich explosionsartig aus — das ist der Donner.
- Grenze zum Wetterleuchten
- etwa 18 km Schlägt ein Blitz weiter entfernt ein, ist der Donner nicht mehr zu hören.
Fundstelle: Deutscher Wetterdienst: Vorsicht Lebensgefahr! Wie ein Gewitter entsteht und wie man sich schützt. 10. Auflage, August 2024
Zur Einordnung der 700 000 registrierten Blitze: Der DWD schreibt dazu, dass Blitze innerhalb der Wolken häufig sind und die gefährlichen Erdblitze „deutlich weniger häufig“. Eine Aufteilung nennt er nicht.
Was aus alldem für eine Tour folgt
Dass die Entscheidung vor dem Gewitter fällt, nicht während. Der DWD schreibt, die ortsgenaue Vorhersage sommerlicher Wärmegewitter sei „extrem schwierig“; solche Gewitter entstünden oft innerhalb weniger Minuten auf eng begrenztem Raum. Wer erst beim Donner anfängt zu rechnen, rechnet in einer Lage, die sich schneller ändert als die Rechnung.
Die belastbaren Größen liegen deshalb woanders: in der Warnlage am Morgen — nachzulesen in Warnstufen und Warnkriterien des DWD — und in der Frage, wie lange man von der eigenen Position bis zu einem festen Gebäude braucht. Der Tourenzeit-Rechner beantwortet die zweite zumindest der Größenordnung nach, und die Systematik dahinter steht in Tourenplanung: Karte, Wetter, Wasser, Umkehrzeit.
FAQ
Ist die Sekundenregel also falsch?
Nein — als Entfernungsschätzung ist sie amtlich belegt und brauchbar. Falsch ist nur die Umdeutung in eine Sicherheitsgrenze. Die Zahl sagt, wo der letzte Blitz war, nicht wo der nächste sein wird.
Warum nennt der DWD in der Broschüre neun Sekunden und in den Handlungsempfehlungen gar nichts?
Das erklärt keine der beiden Quellen. Beide Texte stammen vom DWD und stehen nebeneinander. Diese Seite gibt sie deshalb beide wieder, statt sich für eine zu entscheiden.
Zählt man ab dem Aufleuchten oder ab dem Verschwinden des Blitzes?
Der DWD spricht vom „Zeitintervall zwischen Aufleuchten des Blitzes und dem Einsetzen des Donners“. Gezählt wird also ab dem Aufleuchten bis zum ersten Geräusch — nicht bis zum lautesten.