Fast alle Gewitterregeln lassen sich aus einer einzigen Frage ableiten: Wie kommt der Strom eigentlich in den Menschen? Der US-amerikanische National Weather Service beantwortet sie systematisch und unterscheidet fünf Wege — mit einem Ergebnis, das den meisten Faustregeln zuwiderläuft.

Denn der gefährlichste Weg ist nicht der, den man sich vorstellt. Dieser Artikel gehört zum Themenbereich Sicherheit draußen und liefert die physikalische Grundlage für Was bei Gewitter zu tun ist.

Die fünf Wege im Einzelnen

Sie unterscheiden sich darin, wie viel Strom durch den Körper geht und wie groß die betroffene Fläche ist. Der National Weather Service stellt voran, dass sich im Einzelfall oft nicht feststellen lässt, welcher Weg vorlag — und dass jeder von ihnen tödlich sein kann.

WegWas dabei passiert
Direkter TrefferDie getroffene Person wird Teil des Hauptentladungskanals. Tritt am häufigsten auf offener Fläche auf. Nicht der häufigste, aber potenziell der tödlichste Weg.
Seitenüberschlag (side flash)Der Blitz trifft ein höheres Objekt in der Nähe, ein Teil des Stroms springt auf die Person über. Tritt in der Regel auf, wenn die Person sich einen halben bis einen Meter vom getroffenen Objekt entfernt befindet — meist unter einem Baum, der vor Regen oder Hagel schützen sollte.
Erdstrom (ground current)Ein großer Teil der Energie breitet sich vom Einschlagpunkt im und auf dem Boden aus. Weil der Erdstrom eine viel größere Fläche betrifft als die übrigen Wege, verursacht er die meisten Todesfälle und Verletzungen durch Blitzschlag. Je größer der Abstand zwischen den Kontaktpunkten am Körper, desto größer die Gefahr.
Leitung (conduction)Der Blitz läuft über Drähte oder metallene Oberflächen weite Strecken. Metall zieht Blitze nicht an, es bietet ihnen einen Weg. Die meisten Blitzunfälle in Gebäuden gehen darauf zurück.
Fangentladungen (streamers)Beim Näherkommen der Vorentladung wachsen mehrere Fangentladungen vom Boden nach oben. Nur eine bekommt Kontakt, aber beim Entladen des Hauptkanals entladen sich auch die übrigen. Wer Teil einer solchen Fangentladung ist, kann verletzt oder getötet werden, obwohl der Blitzkanal nie geschlossen war.

Warum der Erdstrom die meisten Menschen trifft

Weil er als einziger nicht davon abhängt, dass man selbst oder etwas unmittelbar neben einem getroffen wird. Der National Weather Service formuliert das direkt: Jeder im Freien in der Nähe eines Blitzeinschlags ist ein potenzielles Opfer des Erdstroms, und weil dieser eine viel größere Fläche betrifft als die übrigen Ursachen, verursacht er die meisten Todesfälle und Verletzungen.

Dazu kommt der Satz, der für die Körperhaltung entscheidend ist: Der Strom tritt typischerweise an dem Kontaktpunkt in den Körper ein, der dem Einschlag am nächsten liegt, läuft durch Kreislauf- und Nervensystem und verlässt ihn am entferntesten Kontaktpunkt — je größer der Abstand zwischen beiden, desto größer die Gefahr.

Was der Seitenüberschlag über Bäume aussagt

Dass der Baum nicht davor schützt, sondern die Gefahr heranholt. Ein Seitenüberschlag entsteht, wenn der Blitz ein höheres Objekt in der Nähe trifft und ein Teil des Stroms auf die Person überspringt — die Person wirkt dabei, im Bild des National Weather Service, wie ein Kurzschluss für einen Teil der Energie.

Der Abstand, bei dem das geschieht, ist klein: in der Regel ein halber bis ein Meter zum getroffenen Objekt. Und die Konstellation, in der es am häufigsten vorkommt, benennt derselbe Text ausdrücklich: Die meisten Betroffenen hatten unter einem Baum Schutz vor Regen oder Hagel gesucht.

Auf der Mythen-Seite steht die Konsequenz noch schärfer: Sich unter einem Baum aufzuhalten sei die zweithäufigste Ursache für Blitzunfälle. Der Deutsche Wetterdienst kommt über einen anderen Weg zum selben Ergebnis und nennt allein stehende Bäume unter dem, was im Freien zu meiden ist.

Warum Metall den Blitz nicht anzieht, aber weiterleitet

Weil über den Einschlagort Höhe, Form und freie Lage entscheiden, nicht das Material. Der National Weather Service schreibt, die Anwesenheit von Metall mache für die Frage, wo ein Blitz einschlägt, keinerlei Unterschied; hohe, freistehende Objekte aus wenig oder gar keinem Metall — Bäume und Berge — würden jedes Jahr vielfach getroffen.

Der Weg „Leitung“ beschreibt dann, was Metall trotzdem gefährlich macht: Der Blitz läuft in Drähten und metallenen Oberflächen weite Strecken. Die meisten Blitzunfälle in Gebäuden gehen darauf zurück, und draußen sind es Zäune, Geländer und ähnliche durchgehende Leiter.

Für die Praxis folgt daraus etwas Unerwartetes: Der Rat, unterwegs schnell alle Metallteile abzulegen, steht in keiner der geprüften Quellen — der National Weather Service rät ausdrücklich davon ab, damit Zeit zu verlieren, statt Schutz zu suchen. Was dagegen zählt, ist Abstand zu durchgehenden metallischen Strukturen.

Wie viel Energie dabei im Spiel ist

Genug, dass die Unterscheidung der Wege überhaupt nötig wird. Die Größenordnungen stammen aus der Gewitterbroschüre des Deutschen Wetterdienstes.

Der Blitzkanal in Zahlen
Stromstärke im Blitzkanal
bis zu 500 000 Ampere Der Blitzkanal selbst ist dabei nur etwa fingerdick.
Temperatur im Blitzkanal
rund 30 000 °C Erreicht in Bruchteilen einer Sekunde; die Luft dehnt sich explosionsartig aus — das ist der Donner.

Fundstelle: Deutscher Wetterdienst: Vorsicht Lebensgefahr! Wie ein Gewitter entsteht und wie man sich schützt. 10. Auflage, August 2024

Der DWD beschreibt den Vorgang außerdem als zweiseitig: Von der Wolkenunterseite öffnet eine Vorentladung einen Kanal nach unten, von der Erdoberfläche springen ihr eine oder mehrere Fangentladungen entgegen. Das ist derselbe Vorgang, den der National Weather Service als fünften Weg beschreibt — nur aus der Perspektive des Menschen, der Teil einer solchen Fangentladung sein kann, obwohl der Blitzkanal nie geschlossen wurde.

Was das für die Wahl des Lagerplatzes heißt

Dass drei der fünf Wege von der Umgebung abhängen und nicht vom Verhalten. Erdstrom, Seitenüberschlag und Leitung entstehen alle dadurch, was in der Nähe steht — ein einzelner Baum, ein Mast, ein Zaun, eine Freileitung.

Damit ist die Standortwahl der einzige Punkt, an dem sich vor dem Gewitter etwas entscheiden lässt. Das gilt für den Lagerplatz genauso wie für die Pausenstelle, und es fügt sich in die Kriterien, die ohnehin über einen Zeltplatz entscheiden — nachzulesen im Themenbereich Zelt, Tarp und Biwak. Für die Frage, wie weit der nächste feste Unterstand entfernt ist, hilft der Tourenzeit-Rechner bei der Größenordnung, und wie eine Gewitterlage vorher erkennbar wird, steht in Warnstufen und Warnkriterien des DWD.

FAQ

Kann ein Blitz zweimal an derselben Stelle einschlagen?

Ja. Der National Weather Service führt das Gegenteil als Mythos und nennt als Beispiel das Empire State Building, das im Mittel 23-mal pro Jahr getroffen wird. Hohe, spitze, freistehende Objekte werden bevorzugt und wiederholt getroffen.

Ist man sicher, solange es nicht regnet?

Nein. Blitze schlagen nach Angaben des National Weather Service häufig mehr als drei Meilen vom Zentrum des Gewitters entfernt ein, außerhalb von Regen und Wolke. Der Deutsche Wetterdienst beschreibt denselben Fall als Trockenblitz — eine Entladung zwischen Wolke und Erde ohne jeglichen Niederschlag in der Nähe, die vor allem nach Trockenheit Waldbrände entfacht.

Warum steht hier nichts über Erste Hilfe nach einem Blitzunfall?

Weil diese Seite beschreibend bleibt. Der National Weather Service hält ausdrücklich fest, dass es ungefährlich ist, eine getroffene Person zu berühren, und dass sofortige medizinische Hilfe einschließlich Notruf entscheidend sein kann. Die Anleitung selbst gehört nicht hierher.