Sicherheitsausrüstung hat eine unangenehme Eigenschaft: Ob sie funktioniert, erfährt man im schlechtesten Moment. Genau deshalb lohnt es sich, vorher nachzusehen, was hinter einem Versprechen steht — und in mehreren Fällen ist das nachweislich weniger, als angenommen wird.
Dieser Artikel sammelt sieben solcher Fälle. Nicht als Meinung, sondern jeweils mit der Stelle, an der eine Behörde, eine Verordnung oder eine Norm etwas anderes sagt. Er gehört zum Themenbereich Sicherheit draußen.
Das alte Telefon ohne SIM-Karte als Notfallgerät
Es kann in Deutschland keinen Notruf absetzen. Nein. Der Wortlaut von § 4 Abs. 8 Nr. 1 NotrufV:
Notrufverbindungen von Mobiltelefonen ohne Mobilfunkkarte sind nicht zulässig.
Die Vorstellung ist älter als die Vorschrift und hält sich, weil viele Geräte weiterhin einen Notruf-Knopf auf dem Sperrbildschirm zeigen. Der Knopf ist da, die Verbindung ist es nicht.
Was stattdessen zählt: eine gültige Karte im Gerät. Sogar eine gesperrte oder leere Prepaid-Karte reicht — nach § 4 Abs. 3 Satz 2 NotrufV muss der Notruf auch bei Zahlungsverzug und ohne Guthaben funktionieren, solange der Anschluss nicht endgültig aufgehoben ist. Und wenn das eigene Netz fehlt, greift die Roaming-Pflicht für die 112. Beides in Notruf ohne eigenes Netz.
Das CE-Zeichen als Prüfsiegel
Es ist eine Herstellererklärung, kein Prüfergebnis — jedenfalls dann, wenn keine Zahl dahintersteht. Für Schutzausrüstung der Kategorie I sieht Artikel 19 der Verordnung (EU) 2016/425 als Verfahren vor: interne Fertigungskontrolle (Modul A) gemäß Anhang IV. Beteiligte Prüfstelle: keine.
Erst bei Kategorie III wird die Beteiligung sichtbar:
Bei PSA der Kategorie III folgt auf die CE-Kennzeichnung die Kennnummer der notifizierten Stelle, die in dem Verfahren nach Anhang VII oder VIII tätig war.Eine vierstellige Zahl hinter dem CE-Zeichen weist auf eine beteiligte notifizierte Stelle hin. Ein CE-Zeichen ohne Zahl bedeutet, dass keine Stelle an der laufenden Fertigungsüberwachung beteiligt war.
Was stattdessen zählt: zu wissen, in welche Kategorie ein Gegenstand fällt. Eine Regenjacke ist Kategorie I, weil „Witterungsbedingungen, die nicht von extremer Art sind“ dort aufgezählt sind — das ist keine Nachlässigkeit, sondern die zutreffende Einordnung. Die vollständigen Listen stehen in Wann Ausrüstung rechtlich Schutzausrüstung ist.
Das Repellent als Ersatz für das Absuchen
Es wirkt, aber nicht unbegrenzt. Das Robert Koch-Institut formuliert beides in einem Satz: Die Anwendung von Repellentien (Akarizide) auf der Haut schützt ebenfalls, dieser Schutz ist aber zeitlich begrenzt. Falls geeignet (keine Fleckenbildung) sollten Repellentien auch auf die Kleidung aufgetragen werden.
Und es stellt daneben, was auch mit Repellent nötig bleibt:
Nach einem Aufenthalt im Freien sollte der Körper nach Zecken abgesucht werden und diese sofort entfernt werden.Für das Duschen, das oft als schnellere Variante gilt, gilt dasselbe:
Das Duschen kann das Absuchen nicht ersetzen, sondern sollte nur ergänzend durchgeführt werden. Hat die Zecke bereits gestochen, ist das Duschen in keinem Fall geeignet, um die Zecke zu entfernen.Was stattdessen zählt: das Zeitfenster. Borrelien werden nach Angaben des RKI erst nach bis zu ein bis zwei Tagen übertragen — das Absuchen wirkt genau in dieser Spanne. Die Zahlen dazu stehen in Zeckenstich: was das RKI sagt.
Öl, Klebstoff oder ein Zeckenmittel zum Ablösen
Sie sind nach Angaben des RKI nicht nur wirkungslos, sondern kontraproduktiv:
Die Zecke darf auf keinen Fall vor dem Entfernen mit Öl oder Klebstoff beträufelt werden. Dies würde das Tier unnötig reizen und könnte dazu führen, dass es seinen Speichel und somit mögliche Infektionserreger abgibt.
Was stattdessen zählt: ein mechanisches Werkzeug oder gar keines. Das RKI schreibt ausdrücklich, dass eine Zecke auch ohne Instrument sofort entfernt werden sollte — notfalls mit dem Fingernagel —, weil das Entfernen selbst die wirksame Maßnahme ist.
Sonnencreme als Verlängerung der Zeit in der Sonne
Genau davor warnt der WHO-Leitfaden zum UV-Index in einem eigenen Satz:
Sonnencreme darf niemals dazu benutzt werden, die Dauer des Aufenthalts in der Sonne zu verlängern.
Derselbe Text ordnet die Mittel: Schatten, Kleidung und Hüte bieten den besten Schutz — Sonnencreme gehört auf die Teile des Körpers, die frei bleiben, etwa Gesicht und Hände.
Was stattdessen zählt: die Reihenfolge einzuhalten und die Uhrzeit zu verschieben. Der Deutsche Wetterdienst empfiehlt bei erhöhter UV-Intensität, zwischen 11 und 16 Uhr längere Aufenthalte im Freien zu vermeiden. Was den UV-Index in den Bergen und im Schnee zusätzlich anhebt, steht in Der UV-Index und was 1000 Höhenmeter daran ändern.
Das Zelt als Schutz bei Gewitter
Es bietet keinen. Der National Weather Service führt Zelt und offenen Unterstand für das Szenario „Camping, Climbing and Other Wilderness Activities“ ausdrücklich als nicht sichere Orte an und verweist auf das Fahrzeug. Auch der Deutsche Wetterdienst nennt in seinen Handlungsempfehlungen zu allen vier Gewitterstufen als Schutz Gebäude, nicht Zelte — Zelte tauchen dort nur als Gegenstand auf, den man befestigen oder rechtzeitig abbauen soll.
Worüber beide Wetterdienste einig sind:
- Ein festes Gebäude oder ein Fahrzeug mit geschlossenem Dach ist der sichere Ort.
- Ein Zelt bietet keinen Schutz.
- Sich flach auf den Boden zu legen ist schlechter, nicht besser.
- Einzeln stehende Bäume und hohe Objekte meiden.
- Gewässer meiden.
Was stattdessen zählt: die Standortwahl. Drei der fünf Wege, auf denen ein Blitz einen Menschen trifft, hängen an dem, was in der Nähe steht — Einzelbaum, Mast, Zaun. Das ist der einzige Punkt, an dem sich vorher etwas entscheiden lässt; die Wege stehen in Die fünf Wege, auf denen ein Blitz Menschen trifft.
Die dickere Jacke als Kälteschutz
Ab einem Punkt kehrt sie sich um — und das steht in einer Sicherheitsnorm. Der Technische Report ISO/TR 11079:1993 warnt in Abschnitt 7.1 e) 3) davor, dass zu viel Isolation das Risiko von Überhitzung, Schwitzen und Feuchteaufnahme erhöht und damit eine fortschreitende Unterkühlung begünstigt.
Das ist eine bemerkenswerte Fundstelle: Eine Norm zur Bewertung von Kältebelastung warnt vor der dickeren Jacke. Die Nachfolgenorm ISO 11079:2007 nimmt Niederschlag in Abschnitt 1 ausdrücklich aus ihrem Anwendungsbereich aus — für Nässe gibt es damit gar keine Normkennzahl.
Was stattdessen zählt: die Wärmebilanz über den Tag, nicht der dickste Punkt. Was daraus folgt, steht im Themenbereich Winter draußen, und was eine konkrete Lage bedeutet, rechnet der Kältebelastungs-Rechner aus.
Die Warn-App als einziger Kanal
Sie ist einer von mehreren und nicht der, der im Gesetz steht. § 164a Abs. 2 TKG verpflichtet Mobilfunknetzbetreiber, öffentliche Warnungen an alle Endgeräte im festgelegten Gebiet auszusenden — ohne Installation und ohne Abonnement. Umgekehrt gilt: Dieser gesetzliche Kanal wird nur von Katastrophenschutzbehörden für größere Notfälle ausgelöst, nicht vom Wetterdienst für jede Warnung.
Was stattdessen zählt: zu wissen, welcher Kanal was liefert. Der Vergleich steht in Wie eine Wetterwarnung zu dir kommt.
Was auf dieser Seite bewusst fehlt
Erste-Hilfe-Ausrüstung. Sie wird in dieser Reihe an anderer Stelle behandelt — in Was du beim Packen wirklich weglassen kannst — und zwar aus demselben Grund, aus dem sie hier fehlt: Über den sinnvollen Inhalt eines Sets entscheidet, was jemand damit anfangen kann, und dazu hat diese Seite keine Quelle.
Ebenfalls nicht behandelt: Satellitengeräte und Notfallsender. Sie fallen nicht unter die Verordnung über Notrufverbindungen, und eine deutsche Rechtsgrundlage, die Genauigkeit oder Erreichbarkeit einer Leitstelle für sie festlegt, ließ sich nicht finden. Das ist keine Aussage über ihre Funktion — nur darüber, dass ihre Zusagen auf Herstellerangaben beruhen.
Was für das Erste-Hilfe-Material gilt
Derselbe Maßstab, nur mit einer Fundstelle dahinter. Die Leitlinien 2025 des European Resuscitation Council nennen als einen von drei Grundsätzen für Ersthelfende, nur Ausrüstung und Medikamente zu benutzen, in deren Anwendung man geschult worden ist. Material im Set, das man nie geübt hat, fällt damit in dieselbe Kategorie wie die Ausrüstung auf dieser Seite: Es suggeriert Sicherheit, ohne sie herzustellen. Ausführlich in Nur benutzen, worin du geschult bist.
FAQ
Heißt das, ein CE-Zeichen der Kategorie I ist wertlos?
Nein. Es bedeutet, dass der Hersteller die Konformität mit den grundlegenden Gesundheitsschutz- und Sicherheitsanforderungen des Anhangs II erklärt und die Verantwortung dafür übernimmt (Artikel 15 Abs. 4 der Verordnung (EU) 2016/425). Es bedeutet nur nicht, dass eine unabhängige Stelle das geprüft hat.
Warum steht der Kompass nicht auf dieser Liste?
Weil Karte und Kompass keinem Versprechen widersprechen, das sich belegen ließe. Diese Seite sammelt Fälle, in denen eine Quelle etwas anderes sagt — nicht Gegenstände, die jemand für überflüssig hält.
Gibt es etwas, das in allen geprüften Quellen empfohlen wird?
Der Sache nach ja: vorher nachsehen. Die Warnlage vor dem Start, der UV-Index vor der Sonne, das Absuchen nach dem Aufenthalt im Grünen, die Umkehrzeit vor der Tour. Alle vier stehen in Veröffentlichungen der jeweils zuständigen Stelle, und keine davon kostet Gewicht.