Über kaum ein Outdoor-Thema kursieren so viele bestimmte Anweisungen wie über das Entfernen einer Zecke — und kaum eines lässt sich so knapp beantworten, wenn man nur die zuständige Bundesbehörde liest.
Dieser Artikel gibt wieder, was das Robert Koch-Institut veröffentlicht: die Zahlen zum Risiko, die Zeitfenster der Übertragung und den Wortlaut zum Entfernen. Und er benennt die Stelle, an der auch das RKI nichts sagt.
Er gehört zum Themenbereich Sicherheit draußen; was die FSME-Karte über eine Region aussagt, steht in FSME-Risikogebiete lesen.
Wie hoch das Risiko nach einem einzelnen Stich ist
Das lässt sich für FSME nicht sagen, und für Borreliose nur als Spanne. Die Zahlen des RKI:
- Anteil FSME-tragender Zecken in Risikogebieten
- im Mittel 0,1 % bis 5 % Das Virusvorkommen kann kleinräumig sehr stark schwanken.
- Erkrankungsrisiko nach einem einzelnen Zeckenstich
- nicht ableitbar Wortlaut des RKI: „Hieraus ein Erkrankungsrisiko nach einem einzelnen Zeckenstich abzuleiten, ist nicht möglich.“
- Anteil borrelientragender Zecken
- bis zu 30 % Schwankt kleinräumig sehr stark.
- Nachgewiesene Borrelien-Infektion nach einem Stich
- 2,6 % bis 5,6 % der Betroffenen Serokonversion, also Auftreten von Antikörpern im Blut; Untersuchungen aus Deutschland und der Schweiz.
- Zeckenstiche mit Krankheitssymptomen
- 0,3 % bis 1,4 % Nur ein kleiner Teil der Infizierten erkrankt.
Fundstelle: RKI-FAQ „Wie hoch ist das Risiko, nach einem Stich an FSME oder Borreliose zu erkranken?“, Stand 02.05.2024; die Prozentwerte zur Borreliose beruhen dort auf Nahimana u. a. 2004, Heininger u. a. 1993, Maiwald u. a. 1998 und Paul u. a. 1987
Die zweite Zeile ist die wichtigste des ganzen Artikels. Das RKI schreibt wörtlich, aus dem Anteil virustragender Zecken lasse sich ein Erkrankungsrisiko nach einem einzelnen Zeckenstich nicht ableiten — unter anderem, weil das Virusvorkommen kleinräumig stark schwankt und viele Infektionen ohne sichtbare oder mit milden Symptomen verlaufen.
Wer trotzdem eine Zahl nennt, hat sie selbst gerechnet. Das gilt auch für die naheliegende Multiplikation aus Durchseuchungsgrad und Erkrankungswahrscheinlichkeit: Sie erzeugt eine Zahl, aber keinen Beleg.
Warum Absuchen gegen Borreliose hilft und gegen FSME kaum
Weil die beiden Erreger unterschiedlich schnell übertragen werden.
Borrelien: Nach einem Einstich dauert es bis zu 1 bis 2 Tagen, bis Borrelien übertragen werden.
FSME-Viren: Die Übertragung von FSME-Viren erfolgt dagegen schon innerhalb kurzer Zeit nach dem Stich.
Daraus zieht das RKI den Schluss: Das rechtzeitige Entfernen von Zecken vermindert also vor allem das Risiko einer Infektion mit Borrelien erheblich.
Das ist eine unangenehm klare Aussage, und sie ordnet die Maßnahmen: Absuchen und schnelles Entfernen wirken gegen die häufigere der beiden Infektionen. Gegen FSME wirkt nach denselben Veröffentlichungen die Impfung, über die die Ständige Impfkommission entscheidet — nicht das Tempo beim Entfernen.
Wie das RKI eine Zecke entfernt
In vier Sätzen, die hier im Wortlaut stehen, weil jede Umformulierung eine Handlungsanweisung ohne Deckung wäre.
- Um das Infektionsrisiko zu minimieren, sollte die Zecke sobald wie möglich herausgezogen werden.
- Dabei sollten möglichst alle Teile der Zecke entfernt werden, um eine Entzündung zu vermeiden.
- Hierzu greift man die Zecke mit einer Pinzette oder einem speziellen Zeckenentfernungsinstrument nahe der Hautoberfläche, also an ihren Mundwerkzeugen (niemals am vollgesogenen Körper!) und zieht sie langsam aus der Haut.
- Nach Entfernung der Zecke ist eine sorgfältige Desinfektion der Wunde empfohlen.
Dazu kommt ein ausdrückliches Verbot: Die Zecke darf auf keinen Fall vor dem Entfernen mit Öl oder Klebstoff beträufelt werden. Dies würde das Tier unnötig reizen und könnte dazu führen, dass es seinen Speichel und somit mögliche Infektionserreger abgibt.
Und ein Satz für den Fall, dass nichts zur Hand ist: Falls kein Zeckenentfernungsinstrument oder Desinfektionsmittel zur Hand ist, sollte die Zecke trotzdem sofort entfernt werden (z. B. mit dem Fingernagel), da so der Übergang von Krankheitserregern verhindert werden kann.
Was das RKI zum Schutz vor Stichen schreibt
Fünf Punkte, von denen zwei nichts mit Chemie zu tun haben.
- Kleidung: Bei Aufenthalt im hohen Gras, Gebüsch oder Unterholz bietet das Tragen geschlossener Kleidung (feste Schuhe, lange Hosen, lange Ärmel) einen gewissen Schutz.
- Hosenbeine in die Socken: Werden die Hosenbeine zudem in die Socken gesteckt, ist die Zecke gezwungen, auf der Kleidung nach oben zu laufen, was ihre Auffindung erleichtert.
- Helle Kleidung: Das Tragen von heller Kleidung erleichtert das Auffinden von Zecken.
- Repellentien: Die Anwendung von Repellentien (Akarizide) auf der Haut schützt ebenfalls, dieser Schutz ist aber zeitlich begrenzt. Falls geeignet (keine Fleckenbildung) sollten Repellentien auch auf die Kleidung aufgetragen werden. Warum eine zeitlich begrenzte Wirkung etwas anderes ist als ein Schutzversprechen, steht in Sicherheitsausrüstung, die Sicherheit nur suggeriert.
- Absuchen: Nach einem Aufenthalt im Freien sollte der Körper nach Zecken abgesucht werden und diese sofort entfernt werden.
Zu den Stellen, an denen man suchen sollte: Zecken bevorzugen Stichstellen wie zum Beispiel Haaransatz, Ohren, Hals, Achseln, Ellenbeuge, Bauchnabel, Genitalbereich oder Kniekehle.
Und zum Duschen, das oft als Ersatz genannt wird:
Das Duschen kann das Absuchen nicht ersetzen, sondern sollte nur ergänzend durchgeführt werden. Hat die Zecke bereits gestochen, ist das Duschen in keinem Fall geeignet, um die Zecke zu entfernen.Was über Zecken oft falsch erzählt wird
Sieben Sätze aus den Veröffentlichungen des RKI, die verbreitete Vorstellungen richtigstellen.
| Was das RKI schreibt | Fundstelle |
|---|---|
| Zecken fallen nicht von Bäumen, noch können sie springen. | RKI-FAQ „Wie gelangen die Zecken auf den Menschen?“, Stand 04.02.2019 |
| Die meisten Zecken warten in einer Höhe von weniger als einem Meter, häufig sogar nur zwischen 10 und 50 cm über dem Boden. | RKI-FAQ „Wie gelangen die Zecken auf den Menschen?“, Stand 04.02.2019 |
| Die Zecke sticht nicht sofort zu, wenn sie auf der Haut angelangt ist, sondern läuft für längere Zeit auf dem Körper umher, um eine passende Stichstelle zu finden. Dies kann bis zu einer Stunde oder länger dauern. | RKI-FAQ „Wohin stechen Zecken bevorzugt?“, Stand 29.01.2018 |
| Der Saugakt von Ixodes ricinus dauert mehrere Tage: Larve 2 bis 4 Tage, Nymphe 3 bis 5 Tage, adulte Zecke 6 bis 8 Tage. | RKI-FAQ „Wohin stechen Zecken bevorzugt?“, Stand 29.01.2018 |
| In der Regel ist es nicht die Zecke, die auf den Menschen zu läuft, sondern der Mensch, der sich die Zecken von der Vegetation abstreift. Wer abseits der Wanderwege durch Gebüsch geht, hat ein erhöhtes Risiko. | RKI-FAQ „Gibt es Menschen, die für Zecken besonders attraktiv sind?“, Stand 28.11.2012 |
| Auwald- und Reliktzecken sind selten und machen nach Untersuchungen des Robert Koch-Instituts etwa ein bis zwei Prozent der Zeckenstiche aus. | RKI-FAQ „Welche Zeckenarten übertragen in Deutschland Krankheitserreger?“, Stand 02.05.2024 |
| Hyalomma-Zecken sind hierzulande nach wie vor sehr selten; pro Jahr werden zwischen zwei bis etwa 20 Exemplare ans RKI geschickt. Das Krim-Kongo-Virus wurde in den Zecken hierzulande bislang nicht nachgewiesen. | RKI-FAQ „Wie gefährlich sind Hyalomma-Zecken …?“, Stand 02.05.2024 |
| FSME-Viren und Borreliose-Bakterien werden nicht von Mensch zu Mensch übertragen. | RKI-FAQ „Können Zecken … übertragen?“, Stand 02.05.2024 |
Der erste Satz ist der bekannteste Irrtum: Zecken fallen nicht von Bäumen und können nicht springen. Sie sitzen meist unter einem Meter Höhe, häufig zwischen 10 und 50 cm — also genau dort, wo man mit den Beinen durchgeht. Damit ist auch klar, wo Repellentien und Hosenbeine wirken müssen und wo nicht.
Die letzte Zeile beantwortet nebenbei eine Frage, die in Gruppen aufkommt: FSME-Viren und Borreliose-Bakterien werden nicht von Mensch zu Mensch übertragen.
Was das für eine mehrtägige Tour bedeutet
Dass Absuchen ein täglicher Vorgang ist, kein einmaliger nach der Heimkehr. Aus den Zeitfenstern folgt der Rhythmus: Borrelien brauchen bis zu ein bis zwei Tage, eine adulte Zecke saugt 6 bis 8 Tage. Wer erst am Ende einer Wochentour nachsieht, ist zu spät für das, wogegen Absuchen überhaupt hilft.
Die Stellen, die das RKI nennt — Haaransatz, Ohren, Hals, Achseln, Ellenbeuge, Bauchnabel, Genitalbereich, Kniekehle — sind zum Teil selbst schwer einsehbar. In einer Gruppe ist das ein Argument für gegenseitiges Nachsehen; allein unterwegs für Licht, das dafür reicht. Was eine Stirnlampe dafür leisten muss, gehört in den Themenbereich Packen und Gewicht; wie sich Etappen und Pausen planen lassen, in Tourenplanung: Karte, Wetter, Wasser, Umkehrzeit und in den Tourenzeit-Rechner.
Was sich zu Zecken nicht belegen ließ
Vier Dinge, die in Ratgebern regelmäßig mit Zahlen versehen werden.
| Frage | Befund |
|---|---|
| Das Erkrankungsrisiko nach einem einzelnen Zeckenstich | Das RKI erklärt ausdrücklich, dass es sich aus dem Durchseuchungsgrad der Zecken nicht ableiten lässt. Wer eine solche Zahl nennt, hat sie selbst gerechnet. |
| Ob die Zecke beim Herausziehen gedreht werden sollte | Das RKI schreibt nur, sie sei „langsam aus der Haut“ zu ziehen. Eine Aussage für oder gegen das Drehen enthält die FAQ nicht. Sie steht deshalb auch nicht auf dieser Seite. |
| Wirksamkeit einzelner Repellentien in Prozent oder Stunden | Das RKI nennt nur, dass der Schutz „zeitlich begrenzt“ ist. Zahlen zu Wirkstoffen und Wirkdauer stammen aus Herstellerangaben und sind hier nicht aufgenommen. |
| Zeckendichte je Fläche oder je Region | Keine veröffentlichte Erhebung gefunden. Die FSME-Karte bildet gemeldete Erkrankungen ab, nicht Zeckenvorkommen. |
| Die Zahl der Borreliose-Erkrankungen in Deutschland je Jahr | Die Borreliose ist nicht bundesweit meldepflichtig; eine Gesamtzahl für Deutschland ließ sich aus den geprüften RKI-Veröffentlichungen nicht entnehmen. |
FAQ
Muss ich nach jedem Stich zum Arzt?
Diese Seite gibt darauf keine Antwort, weil sie dafür keine Quelle hätte. Das RKI nennt Zahlen zur Häufigkeit von Infektion und Erkrankung, nicht ein Vorgehen für den Einzelfall. Die Frage gehört in ein ärztliches Gespräch.
Was, wenn Teile der Zecke in der Haut bleiben?
Das RKI schreibt dazu nur, dass beim Entfernen möglichst alle Teile entfernt werden sollten, um eine Entzündung zu vermeiden, und dass die Wunde danach sorgfältig zu desinfizieren ist. Weitergehende Angaben enthält die FAQ nicht.
Sind Auwaldzecken oder Hyalomma-Zecken ein neues Problem?
Nach den Zahlen des RKI bislang kein häufiges: Auwald- und Reliktzecken machen etwa ein bis zwei Prozent der Zeckenstiche aus, und von Hyalomma-Zecken werden pro Jahr zwischen zwei und etwa 20 Exemplare ans RKI geschickt. Das Krim-Kongo-Virus wurde in den hierzulande gefundenen Zecken bislang nicht nachgewiesen.