Die FSME-Karte des Robert Koch-Instituts ist eine der meistzitierten Grafiken der deutschen Outdoor-Welt. Sie wird meistens so gelesen: rot heißt gefährlich, weiß heißt sicher.

Beides stimmt nicht. Die Karte beantwortet eine statistische Frage über Landkreise, und das RKI schreibt in derselben Veröffentlichung dazu, was daraus nicht folgt. Dieser Artikel liest sie so, wie ihre Herausgeberin sie meint.

Er gehört zum Themenbereich Sicherheit draußen; die Zahlen zum einzelnen Stich und der Wortlaut zum Entfernen stehen in Zeckenstich: was das RKI sagt.

Was die aktuelle Ausweisung enthält

Eine Zahl, einen Stand und zwei Neuzugänge.

Die Ausweisung 2026
Veröffentlichung
Epidemiologisches Bulletin 9/2026 Erschienen am 26.2.2026; Stand der Karte: Januar 2026, Datenstand 15.01.2026.
Ausgewiesene Kreise
185 Stadt- und Landkreise zusammen.
Neu 2026
LK Nordsachsen (Sachsen) · SK Halle (Saale) (Sachsen-Anhalt) Beide erstmals in dieser Ausgabe ausgewiesen.
Datengrundlage
8 411 Erkrankungen dem RKI gemäß Infektionsschutzgesetz übermittelte FSME-Erkrankungen der Jahre 2002 bis 2025 mit genanntem Infektionsort in einem Kreis in Deutschland (n = 8 411)

Fundstelle: Robert Koch-Institut, Epidemiologisches Bulletin 9/2026 vom 26.02.2026

Die Karte die Karte der Risikogebiete vom Februar 2025. Sie wird jährlich neu herausgegeben, in aller Regel im Februar — das ist der Grund, warum dieser Themenbereich auf ein Review-Intervall von zwölf Monaten gesetzt ist.

Die Definition im Wortlaut

Sie ist der Schlüssel zu allem, was die Karte kann und nicht kann:

Ein Kreis wird als FSME-Risikogebiet definiert, wenn die Anzahl der übermittelten FSME-Erkrankungen in mindestens einem der 20 Fünfjahreszeiträume im Zeitraum 2002 – 2025 im Kreis ODER in der Kreisregion (bestehend aus dem betreffenden Kreis plus allen angrenzenden Kreisen) signifikant (p < 0,05) höher liegt als die bei einer Inzidenz von einer Erkrankung pro 100.000 Einwohner erwartete Fallzahl.

Drei Dinge stecken darin, die man beim Blick auf die Farbfläche nicht sieht.

Erstens ist es eine Aussage über gemeldete Erkrankungen bei Menschen, nicht über Zecken. Gezählt wird, wer krank geworden ist — nicht, wo Viren vorkommen.

Zweitens genügt ein einziger Fünfjahreszeitraum seit 2002. Ein Kreis, der zwischen 2004 und 2008 auffällig war und seither nicht mehr, bleibt Risikogebiet.

Drittens zählt die Kreisregion mit. Ein Kreis kann ausgewiesen werden, obwohl seine eigene Inzidenz unauffällig ist — es reicht, dass Kreis plus alle Nachbarkreise zusammen über der Schwelle liegen. Das RKI benennt genau diesen Fall für einen der Neuzugänge 2026: Der Landkreis Nordsachsen grenzt an bestehende Risikogebiete mit erhöhter Inzidenz in der Kreisregion, nicht jedoch im Kreis selbst.

Die drei Grenzen, die das RKI selbst nennt

Sie stehen im selben Text wie die Karte und sind für eine Tourenplanung wichtiger als die Farbe.

Was das RKI festhältFundstelle
Aufgrund der kreisbezogenen Meldepflicht ist es nicht möglich, das Risiko kleinräumiger als auf Kreisebene abzubilden.Epidemiologisches Bulletin 9/2026, Abschnitt „Hintergrund“
FSME-Herde sind oftmals kleinräumig, sodass das FSME-Risiko auch innerhalb von Kreisen mit niedriger Inzidenz stark schwanken kann.Epidemiologisches Bulletin 9/2026, Abschnitt „Hintergrund“
Es wurden auch in Bundesländern ohne FSME-Risikogebiete vereinzelt FSME-Erkrankungen beobachtet, sodass besonders während der Zeckensaison bei entsprechender Symptomatik überall in Deutschland differenzialdiagnostisch an FSME gedacht werden sollte.Epidemiologisches Bulletin 9/2026, Abschnitt „Zusammenfassung“
Kreise variieren in ihrer Größe und sind Kreisgebietsreformen unterworfen.Epidemiologisches Bulletin 9/2026, Abschnitt „Hintergrund“

Die Kombination der ersten beiden Zeilen ist der Kernsatz dieses Artikels: Die Auflösung der Karte ist der Landkreis, das Risiko ist kleinräumig. Ein Landkreis ohne Ausweisung kann einen Naturherd enthalten, ein ausgewiesener Landkreis kann über weite Strecken unauffällig sein. Das RKI weist außerdem darauf hin, dass Gesundheitsämtern auch in nicht ausgewiesenen Kreisen unter Umständen detailliertere Daten vorliegen.

Wo die Risikogebiete liegen

Sehr ungleich verteilt. Zwei Bundesländer stellen zusammen 138 der 185 Kreise.

BundeslandRisikogebieteKreise gesamtÄnderung 2026
Bayern9596unverändert
Baden-Württemberg4344unverändert
Thüringen1323unverändert
Sachsen11131 zusätzlicher Kreis: LK Nordsachsen
Hessen1026unverändert
Brandenburg518unverändert
Sachsen-Anhalt3141 zusätzlicher Kreis: SK Halle (Saale)
Niedersachsen246unverändert
Nordrhein-Westfalen153unverändert
Rheinland-Pfalz136unverändert
Saarland16unverändert

In drei Ländern lohnt sich die umgekehrte Frage, weil fast alles ausgewiesen ist. Nicht Risikogebiet sind dort nur: in Bayern SK Schweinfurt, in Baden-Württemberg SK Heilbronn und in Sachsen SK Leipzig und LK Leipzig.

Bemerkenswert ist die Entwicklung in Sachsen: Das erste sächsische Risikogebiet wurde 2014 ausgewiesen, inzwischen sind 11 von 13 Kreisen ausgewiesen. Brandenburg hat seit 2024 fünf Risikogebiete. Die fünf nördlichsten Bundesländer sowie Berlin, Bremen, Hamburg, Mecklenburg-Vorpommern und Schleswig-Holstein tauchen in der Tabelle gar nicht auf — dort gibt es keine ausgewiesenen Kreise.

Was die Fallzahlen dazu sagen

Dass FSME selten ist und die Zahl trotzdem seit Jahren am oberen Rand liegt.

FSME in Deutschland
Übermittelte FSME-Erkrankungen 2025
693 Stand 15.01.2026; dritthöchste Zahl seit Beginn der Datenerfassung 2001.
Vorjahr 2024
695 Nahezu derselbe Wert.
Höchstwert
718 (2020) Bislang fallstärkstes Jahr.
Tiefstwert
195 (2012) Die jährliche Fallzahl schwankt seit 2001 stark.
Median seit 2001
420 Erkrankungen je Jahr Bezugsgröße für „viel“ oder „wenig“ in einem einzelnen Jahr.
Anteil mit neurologischer Manifestation 2025
57 % Meningitis, Enzephalitis oder Myelitis; 2024 waren es 59 %.
Todesfälle 2025
0 Im Jahr 2024 wurden drei Todesfälle übermittelt.
Anteil ungeimpft oder unzureichend geimpft
98 % der 2025 Erkrankten Grundimmunisierung unvollständig oder Auffrischimpfungen fehlten.

Fundstelle: Epidemiologisches Bulletin 9/2026, Abschnitt „Zur FSME-Situation in Deutschland im Jahr 2025“

Die 98 Prozent in der letzten Zeile sind die Zahl, die das RKI selbst hervorhebt: Die Mehrzahl der 2025 übermittelten Erkrankten war gar nicht oder unzureichend geimpft, also mit unvollständiger Grundimmunisierung oder ohne Auffrischung. Das Institut schließt daraus, dass ein hoher Anteil der Erkrankungen durch höhere Impfquoten wahrscheinlich verhindert werden könnte. Die Impfempfehlung selbst kommt von der Ständigen Impfkommission und richtet sich an Personen, die in Risikogebieten zeckenexponiert sind — die Entscheidung darüber gehört in ein ärztliches Gespräch und nicht auf diese Seite.

Warum ein Viertel der Erkrankten keinen Stich bemerkt hat

Weil eine Zecke klein ist und nicht weh tut. Von 511 Erkrankten mit Angaben zur möglichen Infektionsquelle (73,7 % der Erkrankten) gaben an:

Angegebene QuelleFälleAnteil
Zeckenstich36972,2 %
Rohmilchverzehr51,0 %
Zeckenstich und Rohmilchverzehr102,0 %
weder Zeckenstich noch Rohmilch im Expositionszeitraum12724,9 %

Das RKI zieht daraus den Schluss: Der überwiegende Teil der FSME-Erkrankungen wird demnach durch Zeckenstiche übertragen, wobei etwa ein Viertel der Erkrankten den Stich vermutlich nicht bemerkte.

Für die Praxis ist das der stärkste Grund, sich nach einer Tour abzusuchen, statt sich auf das Gefühl zu verlassen, gestochen worden zu sein. Wie das RKI das Absuchen und Entfernen beschreibt, steht in Zeckenstich: was das RKI sagt.

Wann und wo man sich ansteckt

Meist im eigenen Landkreis und meist zwischen Mai und Oktober. Bei 485 von 535 Fällen mit angegebenem Infektionsort in Deutschland — 91 Prozent — war dieser auch der Kreis des Wohnortes. Die Vorjahre lagen ähnlich (2024: 92 %, 2023: 93 %).

Zur Jahreszeit: Die Mehrzahl der FSME-Erkrankungen findet in den Monaten Mai bis Oktober statt; die Übermittlung der meisten Erkrankungen erfolgte typischerweise im Juni, im Oktober gab es einen für den Herbst typischen ausgeprägten zweiten Peak. Für Zecken allgemein gilt nach dem RKI etwas anderes: Abhängig von Art und Stadium sind Zecken das ganze Jahr zu finden. Die größte Aktivität findet sich aber meist im Frühling und Herbst. Bei warmer Witterung können Infektionen vereinzelt auch im Winter auftreten.

Was aus der Karte für eine Tour folgt

Weniger, als man denkt, und etwas Konkretes. Sie beantwortet die Frage, ob in einer Region über zwei Jahrzehnte hinweg auffällig viele Erkrankungen gemeldet wurden — eine sinnvolle Grundlage für die Frage nach einer Impfung, die in ein ärztliches Gespräch gehört.

Damit teilt sie eine Eigenschaft mit den amtlichen Wetterwarnungen: Beide gelten für einen Landkreis, und beide sagen wenig über den einzelnen Ort — die Schwellenwerte dahinter stehen in Warnstufen und Warnkriterien des DWD.

Sie beantwortet nicht die Frage, ob auf dem geplanten Weg Zecken sitzen. Dafür zählt, was man tut: hohes Gras, Gebüsch und Unterholz, Wege verlassen, Pausen im Bewuchs. Das RKI formuliert das so, dass in der Regel nicht die Zecke auf den Menschen zulaufe, sondern der Mensch sich die Zecken von der Vegetation abstreife — und wer abseits der Wanderwege durch Gebüsch gehe, habe ein erhöhtes Risiko. Was das für die Wegewahl bedeutet, steht in Tourenplanung: Karte, Wetter, Wasser, Umkehrzeit, und die Zeitrechnung für eine Route liefert der Tourenzeit-Rechner.

FAQ

Warum wird ein Kreis nie wieder aus der Liste gestrichen?

Weil die Definition auf mindestens einen von 20 Fünfjahreszeiträumen abstellt. Ein einmal erreichtes Signifikanzniveau in einem beliebigen Zeitfenster seit 2002 genügt dauerhaft. Das RKI benennt das Problem selbst: Sollte die Inzidenz durch steigende Impfquoten sinken, wären ergänzende Indikatoren hilfreich, um ein fortbestehendes Infektionsrisiko für Nichtgeimpfte abzuschätzen.

Ist die Karte auch für Österreich oder die Schweiz gültig?

Nein. Sie beruht auf Meldedaten nach dem deutschen Infektionsschutzgesetz und endet an der Grenze. Das RKI weist für 2025 Fälle mit Infektionsorten unter anderem in Österreich, Schweden, Italien und Tschechien aus.

Gibt es FSME auch ohne Zeckenstich?

Ja, über Rohmilch. 2025 gaben fünf Erkrankte ausschließlich Rohmilchverzehr an und zehn beides. Das RKI beschreibt mehrere Häufungen im Zusammenhang mit Ziegenrohmilch, zuletzt 2022 mit fünf Fällen, und hält fest, dass sich dieser Übertragungsweg durch pasteurisierte Milch vermeiden lässt.