Es gibt in den Leitlinien 2025 des European Resuscitation Council einen Satz, der bequemer wäre, wenn er nicht dort stünde. Er steht in der Aufzählung der drei Grundsätze für Ersthelfende, gleich hinter der Eigensicherung und dem Notruf:

Expectations of a first aid provider — die drei Grundsätze im Wortlaut
1. Prüfe, ob die Einsatzstelle sicher ist.
Check for scene safety.
2. Setze so früh wie möglich den Notruf ab.
Call your local emergency number as soon as possible.
3. Benutze nur Ausrüstung und Medikamente, in deren Anwendung du geschult worden bist.
Only use available equipment or medications you have been trained to use.

Fundstelle: European Resuscitation Council Guidelines 2025 First Aid. Resuscitation 215 (Suppl. 1), Oktober 2025, Artikelnummer 110752, DOI 10.1016/j.resuscitation.2025.110752, PMID 41117568. Geprüft am 9.9.2026.

„Only use available equipment or medications you have been trained to use.” — Benutze nur Ausrüstung und Medikamente, in deren Anwendung du geschult worden bist.

Das ist keine Randbemerkung im Kleingedruckten. Es ist einer von drei Sätzen, die die Fachgesellschaft an den Anfang ihres Kapitels stellt.

Was der Satz für gekaufte Sets bedeutet

Er entwertet einen erheblichen Teil davon.

Ein handelsübliches Outdoor-Set enthält heute regelmäßig Material, das eine Schulung voraussetzt: Tourniquets, blutstillende Wundauflagen, Schienungsmaterial, teils Wundverschlussstreifen. Die Leitlinie beschreibt für jedes davon eine Anwendung — und knüpft mehrere davon ausdrücklich an ein „if trained”, etwa bei der Gabe von Sauerstoff oder bei bestimmten Medikamenten.

Der zweite Satz relativiert den dritten nicht — er entlastet

Der Schulungsgrundsatz könnte gelesen werden als „ohne Ausbildung besser nichts tun”. Genau das sagt die Leitlinie nicht. Sie schreibt in demselben Abschnitt, dass für manche Ersthelfende der einzige Schritt darin bestehen wird, die örtliche Notrufnummer zu wählen — und für andere sei dieser Anruf der erste Schritt in einer Reihe weiterer Maßnahmen.

Beides steht gleichrangig da. Der Anruf ist keine Ersatzhandlung für Menschen, die nichts können; er ist der erste Schritt in beiden Fällen. Wörtlich lautet der zweite Grundsatz: „Call your local emergency number as soon as possible.”

Die Leitlinie stützt das mit Belegen: Sie verweist auf eine systematische Übersichtsarbeit und zwei Kohortenstudien, nach denen einfache Handgriffe wie das Freimachen der Atemwege oder das Stillen einer Blutung den Tod verhindern können. Warum der Notruf draußen eine besondere Rolle spielt, steht in Warum der Notruf die wirksamste Maßnahme ist.

Ein Beispiel, an dem sich das Prinzip zeigt

Bei der Blutungskontrolle ist die Leitlinie ungewöhnlich deutlich, in beide Richtungen. Sie empfiehlt blutstillende Wundauflagen ausdrücklich für Ersthelfende — sie hätten die Blutungsdauer verkürzt und das Überleben verbessert, bei geringen berichteten Nebenwirkungsraten. Beim Tourniquet dagegen ordnet sie die Ausstattung einem bestimmten Umfeld zu:

Erste-Hilfe-Sets an Arbeitsplätzen mit hohem Risiko lebensbedrohlicher Blutungen, etwa in Forst und Bau, sollen Tourniquets und blutstillende Wundauflagen enthalten.

Zwei Posten, dieselbe Leitlinie, zwei verschiedene Empfehlungsstärken. Die vollständige Beleglage dazu steht in Tourniquet und blutstillende Auflage.

Was du auch ohne Schulung kannst

Die Leitlinie benennt es selbst — und dieser Teil steht hier, weil er in der Diskussion um Ausrüstung regelmäßig untergeht.

  • Den Notruf absetzen. Der zweite Grundsatz, ohne Vorbedingung.
  • Auf die eigene Sicherheit achten. Der erste Grundsatz.
  • Bei vermutetem Kreislaufstillstand mit der Wiederbelebung beginnen. Die Leitlinie widmet der Sorge, dabei jemanden zu verletzen, einen eigenen Abschnitt: Sie hält fest, dass Ersthelfende bei vermutetem Kreislaufstillstand ohne Sorge vor unbeabsichtigten Verletzungen beginnen sollen, und stützt das auf eine systematische Übersicht der ILCOR-Arbeitsgruppe mit fünf Beobachtungsstudien und 1031 Patientinnen und Patienten. Wie das geht, sagt die Leitstelle am Telefon an — die Leitlinie verweist ausdrücklich auf die Anleitung durch die Disponentin oder den Disponenten.
  • Da bleiben. Steht in keiner Leitlinie als Maßnahme und ist trotzdem die Voraussetzung für alles andere.

Was von einem gekauften Set übrig bleibt, wenn man diesen Grundsatz anlegt, steht in Was in ein Erste-Hilfe-Set für draußen gehört und in Erste-Hilfe-Set: das brauchst du nicht. Wie viel das Ganze im Rucksack ausmacht, führt der Basisgewicht-Manager als eigenen Posten. Die Einordnung des Themenbereichs steht unter Erste Hilfe draußen.

Ein Nebenbefund, der zum Grundsatz passt

Beim Schlangenbiss listet die Leitlinie ausdrücklich schädliche Handlungen auf — also Dinge, die Menschen tun, weil sie sie irgendwo gelesen haben. Sie nennt darunter den Druckverband, Eis, Hitze und das Tourniquet sowie das Einschneiden der Wunde und den Versuch, das Gift auszusaugen.

Das ist die Kehrseite des Schulungsgrundsatzes: Halbwissen ist nicht die Vorstufe von Wissen, sondern eine eigene Fehlerquelle.