Zu der Frage, was in ein Erste-Hilfe-Set gehört, gibt es zwei Sorten Antworten: solche aus Katalogen und solche mit Fundstelle. Diese Seite bringt die zweite Sorte — zwei Listen, die sich am Original nachlesen lassen, und die Angabe, für wen sie jeweils gemacht wurden.

Der Satz, der vor jeder Liste steht

Die ERC-Leitlinien 2025 setzen ihrem Set-Abschnitt einen Vorbehalt voran: „The content of a first aid kit should be tailored to the environment and to potential medical emergencies that may arise.” — Der Inhalt eines Erste-Hilfe-Sets soll auf die Umgebung und die möglichen Notfälle zugeschnitten sein.

Damit ist die Frage nach der einen richtigen Packliste beantwortet: Es gibt keine. Was folgt, sind zwei belegte Ausgangspunkte, keine Vorschriften.

Die Liste der Fachgesellschaft

Der Set-Abschnitt der Leitlinie nennt als gut ausgestattetes Set folgende Posten, aufbewahrt in einem geeigneten, gut gekennzeichneten, wasserdichten Behältnis:

Grundinhalt nach den ERC-Leitlinien 2025
Wundschnellverbände
genannt Aus der Aufzählung im Abschnitt „First aid kits".
mittlere und große Wundauflagen
genannt Aus der Aufzählung im Abschnitt „First aid kits".
Rollbinden
genannt Aus der Aufzählung im Abschnitt „First aid kits".
Dreiecktücher
genannt Aus der Aufzählung im Abschnitt „First aid kits".
Sicherheitsnadeln
genannt Aus der Aufzählung im Abschnitt „First aid kits".
Klebeband
genannt Aus der Aufzählung im Abschnitt „First aid kits".
Einmalhandschuhe
genannt Aus der Aufzählung im Abschnitt „First aid kits".
Einmal-Gesichtsmasken
genannt Aus der Aufzählung im Abschnitt „First aid kits".
Einwegschürzen
genannt Aus der Aufzählung im Abschnitt „First aid kits".
Händedesinfektionsmittel
genannt Aus der Aufzählung im Abschnitt „First aid kits".
Beatmungstuch oder Taschenmaske
genannt Aus der Aufzählung im Abschnitt „First aid kits".

Fundstelle: European Resuscitation Council Guidelines 2025 First Aid. Resuscitation 215 (Suppl. 1), Oktober 2025, Artikelnummer 110752, DOI 10.1016/j.resuscitation.2025.110752, PMID 41117568. Geprüft am 9.9.2026.

Als zusätzlich nützlich nennt die Leitlinie Schere, Pinzette, Verbandschere.

Auffällig ist der Anteil an Selbstschutz: Einmalhandschuhe, Einmal-Gesichtsmasken, Einwegschürzen, Händedesinfektionsmittel, Beatmungstuch oder Taschenmaske. Fünf von elf Posten schützen nicht die verletzte Person, sondern die helfende. Das passt zum ersten der drei Grundsätze der Leitlinie: „Check for scene safety.”

Die fünf Zusätze für draußen

Ein einziger Satz der Leitlinie meint ausdrücklich das Freie. Er lautet wörtlich: „Those providing first aid in extreme weather outdoor settings should consider adding a compact survival bag, splinting, wound dressings, a flashlight, and a whistle to first aid kits.“

Die fünf Outdoor-Ergänzungen der ERC-Leitlinien 2025 und wozu sie dienen
PostenWofür er im Freien steht
Kompakter BiwaksackWärmeerhalt und Wetterschutz, solange gewartet werden muss. Der Unterschied zur Rettungsdecke ist die geschlossene Form.
SchienungsmaterialRuhigstellung. Die Leitlinie nennt es als Posten, ohne dass hier beschrieben würde, wie es angewendet wird.
WundauflagenBereits im Grundinhalt enthalten; die Leitlinie hebt sie für draußen eigens hervor.
LampeZwei Zwecke: sehen und gesehen werden. Bei einer Rettung im Dunkeln zählt der zweite mehr.
PfeifeDer einzige Posten, der ohne Kraft und ohne Batterie über Entfernung wirkt. Eine Stimme ist nach kurzer Zeit weg.

Die deutsche Liste: Tabelle 2 der ASR A4.3

Konkretisiert Anforderungen der Arbeitsstättenverordnung an Arbeitsstätten. Für private Touren gilt sie nicht — sie ist hier Orientierung, keine Pflicht. Sie ist hier trotzdem der zweite Ausgangspunkt, weil sie die einzige frei abrufbare, vollständige und amtlich abgestimmte Materialliste im deutschen Recht ist. Insgesamt 23 Positionen mit 65 Einzelstücken im kleinen und 127 im großen Verbandkasten.

Tabelle 2 der ASR A4.3, Ausgabe Dezember 2010, zuletzt geändert GMBl 2024, S. 914 (vom 04.11.2024)
Nr.BenennungkleingroßAusführung
1Heftpflaster12500 cm × 2,5 cm, Spule mit Außenschutz, thermoresistenter Kleber
2Wundschnellverband81610 cm × 6 cm, staubgeschützt verpackt
3Fingerkuppenverband48staubgeschützt verpackt
4Fingerverband4812 cm × 2 cm, staubgeschützt verpackt
5Pflasterstrips481,9 cm × 7,2 cm, staubgeschützt verpackt
6Pflasterstrips8162,5 cm × 7,2 cm, staubgeschützt verpackt
7Verbandpäckchen12300 cm × 6 cm mit Kompresse 6 cm × 8 cm, Saugkapazität mind. 800 g/m², steril verpackt
8Verbandpäckchen36400 cm × 8 cm mit Kompresse 12 cm × 8 cm, Saugkapazität mind. 800 g/m², steril verpackt
9Verbandpäckchen12400 cm × 10 cm mit Kompresse 12 cm × 10 cm, Saugkapazität mind. 800 g/m², steril verpackt
10Verbandtuch1280 cm × 60 cm, Saugkapazität mind. 125 g/m², Flächengewicht mind. 90 g/m²
11Kompresse61210 cm × 10 cm, Saugkapazität mind. 800 g/m², maximal paarweise steril verpackt
12Augenkompresse245 cm × 7 cm, Gewicht mind. 1,5 g je Stück, einzeln steril verpackt
13Kälte-Sofortkompresse12mindestens 200 cm², ohne Vorkühlung, vorgegebene Lagerbedingungen beachten
14Rettungsdecke12mindestens 210 cm × 160 cm, Mindestfoliendicke 12 µm, dauerhaft metallisierte Polyesterfolie oder Material mit mindestens gleichwertigen Eigenschaften in Bezug auf Reflexionsvermögen, Temperaturbeständigkeit, nahtlos, mit Aluminium bedampft, Rückseite farbig, staubgeschützt verpackt
15Fixierbinde24400 cm × 6 cm, einzeln staubgeschützt verpackt
16Fixierbinde24400 cm × 8 cm, einzeln staubgeschützt verpackt
17Dreiecktuch2496 cm × 96 cm × 136 cm, staubgeschützt verpackt
18Schere11mindestens 18 cm lang, kniegebogen, nicht rostend
19Folienbeutel24mindestens 30 cm × 40 cm, Mindestfoliendicke 45 µm, verschließbar, aus Polyethylen
20Vliesstoff-Tuch510mindestens 20 cm × 30 cm, flächenbezogene Masse mind. 15 g/m²
21Medizinische Einmalhandschuhe48nahtlos, groß, staubgeschützt verpackt
22Erste-Hilfe-Broschüre11muss mindestens eine „Anleitung zu Ersten Hilfe" enthalten (so im Original)
23Inhaltsverzeichnis11—

Warum diese Tabelle nicht mit den aktuellen DIN-Normen übereinstimmt und was § 35h StVZO damit zu tun hat, steht in Was in den genormten Verbandkästen steckt.

Was daraus für einen Rucksack folgt

Die beiden Listen sind für stationäre Anwendungen gemacht — ein Wandkasten im Betrieb, ein Kasten im Auto. Drei Dinge lassen sich trotzdem übernehmen, und zwar mit Fundstelle:

Das Behältnis muss kein Kasten sein. Die ASR A4.3 nennt in Nr. 4 Abs. 1 ausdrücklich Rucksäcke und Taschen als geeignete Behältnisse.

Ein Behältnis muss kein Kasten sein — die Regel nennt den Rucksack ausdrücklich.

Es muss wasserdicht und trotzdem greifbar sein. Die ERC-Leitlinien verlangen in einem geeigneten, gut gekennzeichneten, wasserdichten Behältnis; die ASR verlangt Schutz vor Nässe bei gleichzeitig jederzeit leichter Zugänglichkeit. Draußen widersprechen sich diese beiden Anforderungen — mehr dazu in Das Set am Leben halten.

Die Menge skaliert mit der Gruppe und der Entfernung, nicht mit dem Rucksackvolumen. Die ASR staffelt nach Beschäftigtenzahl; die ERC-Leitlinie nach Umgebung und erwartbaren Notfällen. Beide staffeln nach dem Risiko, nicht nach dem verfügbaren Platz.

Was das Set wiegt und wo es im Gepäck sitzt, gehört ins Basisgewicht — der Basisgewicht-Manager führt es als eigenen Posten. Eine Gewichtsangabe aus einer der geprüften Quellen gibt es nicht; das ist eine der benannten Lücken dieses Themenbereichs.

Was in keiner der beiden Listen steht

Posten ohne Fundstelle in den geprüften Listen
PostenWas sich dazu finden ließ
BlasenpflasterWeder in Tabelle 2 der ASR A4.3 noch im Set-Abschnitt der ERC-Leitlinien 2025. Blasen kommen im Leitlinienkapitel überhaupt nicht vor. Das heißt nicht, dass sie draußen unwichtig wären — es heißt, dass für sie keine Fachgesellschaft eine Empfehlung veröffentlicht hat, die sich hier zitieren ließe.
Zeckenzange oder ZeckenkarteIn keiner der beiden Listen. Zecken sind in diesem Projekt im Themenbereich Sicherheit draußen behandelt, mit den Zahlen des Robert-Koch-Instituts.
Schmerz-, Durchfall- und AllergiemittelArzneimittel sind nach Nr. 3.4 der ASR A4.3 kein Teil der Grundausstattung, sondern kommen nur nach Gefährdungsbeurteilung dazu. Die ERC-Leitlinien nennen Medikamente ausschließlich im Zusammenhang mit dem Grundsatz, nur anzuwenden, worin man geschult ist. Dosierungen stehen auf dieser Seite grundsätzlich nicht.
Tourniquet im allgemeinen WandersetDie ERC-Leitlinien ordnen Tourniquets und blutstillende Auflagen Arbeitsplätzen mit hohem Blutungsrisiko zu — genannt sind Forst und Bau. Für ein allgemeines Set im Freien nennen sie stattdessen Biwaksack, Schienungsmaterial, Wundauflagen, Lampe und Pfeife.
Beatmungsbeutel, Pulsoximeter, SauerstoffDie Leitlinie behandelt Pulsoximetrie und Sauerstoffgabe ausdrücklich unter der Bedingung einer Schulung. Für ein Laienset im Gelände sind sie in keiner der geprüften Listen vorgesehen.
Nahtmaterial, Klammerpflaster-Sets, SkalpellIn keiner der beiden Listen. Die Versorgung einer Wunde durch Verschluss ist keine Erste-Hilfe-Maßnahme, die eine der geprüften Quellen Laien zuordnet.

Diese Tabelle ist kein Verbot. Blasenpflaster sind auf einer Wanderung wahrscheinlich das am häufigsten gebrauchte Material überhaupt — sie stehen nur in keiner Leitlinie, weil eine Blase kein Notfall ist. Der Unterschied zwischen „nicht empfohlen” und „nicht behandelt” ist der Kern dieses Themenbereichs.

Die Einordnung des ganzen Themenbereichs steht unter Erste Hilfe draußen.

FAQ

Gibt es eine Pflicht, ein Erste-Hilfe-Set auf eine Wanderung mitzunehmen?

Nein. Die Mitführpflicht in § 35h StVZO betrifft Kraftfahrzeuge und nimmt Krafträder ausdrücklich aus. Für Wanderungen existiert keine entsprechende Vorschrift in den geprüften Quellen.

Wie viel soll das Set wiegen?

Dazu nennt keine der geprüften Quellen eine Zahl. Die ASR A4.3 legt Stückzahlen fest, die ERC-Leitlinien nennen Posten — Gramm nennt keine von beiden.