Zu kaum einer Outdoor-Frage gibt es so viele bestimmte Antworten wie zu dieser. Und zu kaum einer gibt es eine so unangenehme Quellenlage: Zwei staatliche Wetterdienste, beide zuständig, beide mit veröffentlichter Empfehlung, sagen beim wichtigsten Punkt das Gegenteil voneinander.
Dieser Artikel löst den Widerspruch nicht auf — er zeigt ihn und trennt ihn von dem, worüber Einigkeit herrscht. Das ist mehr, als es klingt: Die Schnittmenge beider Empfehlungen deckt fast alles ab, was auf einer Tour tatsächlich entschieden wird.
Er gehört zum Themenbereich Sicherheit draußen. Warum die Entfernungsschätzung über Blitz und Donner keine Sicherheitsaussage ist, steht in Blitz, Donner und die Sekundenregel.
Worüber beide Wetterdienste einig sind
Über den größten Teil. Bevor der Streitpunkt kommt, gehört die Schnittmenge nach vorn, denn sie ist die belastbare Grundlage:
- Ein festes Gebäude oder ein Fahrzeug mit geschlossenem Dach ist der sichere Ort.
- Ein Zelt bietet keinen Schutz.
- Sich flach auf den Boden zu legen ist schlechter, nicht besser.
- Einzeln stehende Bäume und hohe Objekte meiden.
- Gewässer meiden.
Der letzte Punkt hat beim DWD sogar einen eigenen Platz in jedem einzelnen Warnprodukt: „Gewässer meiden“ steht in den Handlungsempfehlungen zu allen vier Gewitterstufen.
Was der DWD zum Verhalten im Freien schreibt
Er empfiehlt eine Körperhaltung — und zwar ausdrücklich als das Wirksamste. Der Wortlaut aus der Broschüre „Vorsicht Lebensgefahr!“, 10. Auflage, August 2024:
Am wirksamsten ist, wenn man in einer Bodenmulde in die Hocke geht, die Füße eng zusammenstellt und die Arme um die Beine schlingt.
Davor steht in derselben Broschüre die Reihenfolge: Gewitter übersteht man am besten in festen Gebäuden; auch das Auto als sogenannter Faradaykäfig sei sicher. Wird man im Freien überrascht, sollten allein stehende Bäume, hohe Türme und Masten, Metallzäune und Gewässer gemieden werden — und man solle keinesfalls der höchste Punkt in der Umgebung sein.
Was der National Weather Service dagegen schreibt
Er führt genau diese Haltung unter seinen Mythen. Der Wortlaut von der Seite „Lightning Myths“:
Crouching doesn’t make you any safer outdoors. Run to a substantial building or hard topped vehicle. If you are too far to run to one of these options, you have no other good alternative. You are NOT safe anywhere outdoors.
Auf Deutsch: In die Hocke zu gehen mache draußen nicht sicherer; man solle zu einem festen Gebäude oder einem Fahrzeug mit geschlossenem Dach laufen, und wenn beides zu weit sei, gebe es keine gute Alternative — im Freien sei man nirgends sicher.
Warum die Frage überhaupt strittig sein kann
Weil es um zwei verschiedene Risiken geht. Der National Weather Service beschreibt fünf Wege, auf denen ein Blitz einen Menschen trifft, und benennt den Erdstrom als denjenigen, der die meisten Todesfälle und Verletzungen verursacht — weil er eine viel größere Fläche betrifft als ein direkter Treffer. Je größer der Abstand zwischen den Kontaktpunkten am Körper, desto größer die Gefahr.
Genau daran hängt die deutsche Empfehlung: Enge Füße verkleinern diesen Abstand, eine Bodenmulde verringert die Höhe. Und genau daran hängt auch, warum sich flach hinzulegen in beiden Empfehlungen falsch ist — es maximiert den Abstand.
Der amerikanische Einwand ist ein anderer: Eine Haltung, die das Risiko vielleicht etwas senkt, ist keine Schutzmaßnahme, und wer sie für eine hält, bleibt draußen, statt zu laufen. Welche fünf Wege es gibt und warum der Erdstrom der gefährlichste ist, steht in Die fünf Wege, auf denen ein Blitz Menschen trifft.
Was in den Warnprodukten des DWD tatsächlich steht
Etwas anderes als in der Broschüre — nämlich keine Verhaltensempfehlung für den Fall ohne Schutz. Die folgenden Listen sind der Wortlaut der Hinweisseiten zu den vier Gewitter-Warnereignissen, gekürzt auf die Punkte, die im Freien anwendbar sind.
| Gefahrenhinweise des DWD | Handlungsempfehlungen des DWD |
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| Gefahrenhinweise des DWD | Handlungsempfehlungen des DWD |
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| Gefahrenhinweise des DWD | Handlungsempfehlungen des DWD |
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| Gefahrenhinweise des DWD | Handlungsempfehlungen des DWD |
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Erst bei der höchsten Stufe taucht überhaupt eine Formulierung für den Fall draußen auf: „andernfalls möglichst großen Abstand von Gebäuden, Bäumen, Gerüsten und Hochspannungsleitungen halten“. Von einer Haltung ist auch dort nicht die Rede.
Was ein Zelt bei Gewitter nicht leistet
Schutz. Der National Weather Service formuliert es für das Szenario „Camping, Climbing and Other Wilderness Activities“ ausdrücklich: Zelt und offener Unterstand seien keine sicheren Orte, man solle zum Fahrzeug gehen und erst 30 Minuten nach dem letzten Donner zurückkehren. In derselben Passage steht der Satz, dass ein Zelt keinerlei Schutz vor Blitz bietet.
Das ist der Punkt, an dem sich Gewitter und Übernachtung berühren, und er hat mit dem Material nichts zu tun — die Frage nach Wassersäule und Wandaufbau, die im Themenbereich Zelt, Tarp und Biwak behandelt wird, betrifft Regen, nicht Strom. Wo ein Zelt steht, entscheidet dagegen sehr wohl mit: Die DWD-Empfehlung, nicht der höchste Punkt der Umgebung zu sein und Abstand von einzeln stehenden Bäumen zu halten, gilt für den Lagerplatz genauso wie für den Menschen.
Was sich zu dieser Frage nicht belegen ließ
Ob die Hocke das Risiko messbar senkt. Weder der DWD noch der National Weather Service begründen ihre gegensätzliche Empfehlung mit einer Messung, und eine Untersuchung, die das Risiko mit und ohne diese Haltung vergleicht, ließ sich nicht finden.
Ebenfalls nicht belegbar: die Zahl der Blitzunfälle in Deutschland. Der DWD schreibt, „jedes Jahr werden in Deutschland zahlreiche Menschen direkt oder indirekt von einem Blitz getroffen“, ohne Zahl. Die Angabe des National Weather Service von etwa 20 Todesfällen je Jahr gilt für die USA und lässt sich auf Deutschland nicht übertragen.
FAQ
Wenn beide sich widersprechen — was mache ich denn nun?
Diese Seite gibt darauf bewusst keine eigene Antwort, weil sie dafür keine Quelle hätte. Was sich sagen lässt: Beide Wetterdienste stimmen darin überein, dass die Entscheidung vorher fällt. Beide nennen dasselbe Ziel — ein festes Gebäude oder ein Fahrzeug mit geschlossenem Dach — und beide raten, sich nicht flach hinzulegen und Gewässer sowie einzeln stehende Bäume zu meiden. Wie lange man von einem Punkt der geplanten Route bis dorthin braucht, lässt sich vorher abschätzen; der Tourenzeit-Rechner gibt die Größenordnung. Und woran man die aufziehende Gewitterwolke am Himmel früh erkennt — am steil wachsenden Quellturm und am ausgezogenen Amboss —, steht in Wolken lesen: die zehn Gattungen der WMO.
Zieht Metall am Körper Blitze an?
Nach dem National Weather Service nicht: Maßgeblich seien Höhe, spitze Form und freie Lage; die Anwesenheit von Metall mache keinen Unterschied dafür, wo ein Blitz einschlägt. Metall leite den Strom allerdings — deshalb rät derselbe Text, Abstand von Metallzäunen, Geländern und Tribünen zu halten. Der DWD nennt Metallzäune ebenfalls unter dem, was zu meiden ist.
Was mache ich mit Trekkingstöcken im Gewitter?
Das Wegehandbuch der Alpenvereine nennt sie ausdrücklich in seiner Aufzählung der Schutzmaßnahmen: Gegenstände dürfen nicht über den Körper hinausragen, genannt sind Regenschirme, Wanderstöcke und Rechen. Eine Untersuchung zur Wirksamkeit dieser Regel gibt es so wenig wie für die übrigen Verhaltensregeln im Gewitter. Was zu Stöcken sonst belegt ist, steht in Trekkingstöcke: was gemessen ist.
Ist es gefährlich, einer vom Blitz getroffenen Person zu helfen?
Nein. Der National Weather Service führt das ausdrücklich als Mythos: Der menschliche Körper speichere keine Elektrizität, es sei völlig ungefährlich, eine getroffene Person zu berühren und Erste Hilfe zu leisten. Zugleich weist er darauf hin, dass die Blitzgefahr fortbesteht und beide Personen so schnell wie möglich an einen sicheren Ort sollten.