Jeder kennt ein paar Merksätze zur Himmelsrichtung, und die meisten stimmen nicht — jedenfalls nicht so, dass man ihnen im Nebel folgen sollte. Dieser Artikel prüft 10 davon, jede an der Physik oder Astronomie dahinter.
Er gehört zum Themenbereich Technik & Skills und ist das Gegenstück zu Orientierung ohne Kompass, wo die Methoden stehen, die tatsächlich funktionieren.
Das Ergebnis vorab
Von 10 Regeln sind 2 belastbar, 6 im Kern richtig, aber mit Fehlern, die man kennen muss, und 2 als Richtungsanzeiger unbrauchbar. Das Muster dahinter ist einfach:
- Astronomie und Physik halten. Der Polarstern steht am Nordpol des Himmels. Ein Südhang bekommt mehr Sonne. Das sind keine Bauernregeln, sondern Geometrie.
- Biologie hält nicht. Moos, Baumkronen und Ameisenhaufen reagieren auf Feuchtigkeit, Wind und Licht — und die kommen in Deutschland überwiegend aus Südwest bis West, nicht aus dem Süden. Als Himmelsrichtungsanzeiger sind sie damit systematisch verdreht und obendrein von Ort zu Ort verschieden.
Die Regeln im Einzelnen
| Regel | Urteil | Begründung |
|---|---|---|
| Mittags steht die Sonne im Süden | mit Einschränkung | Astronomisch richtig — der Haken ist die Uhrzeit. Der wahre Mittag hängt von der geografischen Länge und der Zeitgleichung ab und fällt in Deutschland je nach Ort und Datum auf 11:15 bis 12:30 Uhr MEZ; in der Sommerzeit (MESZ) kommt eine Stunde dazu. Um 12 Uhr auf der Uhr kann die Sonne also über eine Stunde von Süden entfernt stehen. |
| Punkt zwölf auf die Sonne zeigen, Winkel zur 12 halbieren — das ist Süden (Uhrzeigermethode) | mit Einschränkung | Die Geometrie stimmt, die Genauigkeit schwankt stark. In Sommerzeit muss man auf die 1 statt auf die 12 halbieren. Die größten Fehler entstehen mittags und im Sommer, weil sich die Sonnenrichtung (das Azimut) dann am schnellsten ändert und die Annahme „gleichmäßige Bewegung" am schlechtesten passt — Abweichungen von 20° und mehr sind möglich. |
| Nachts zeigt der Polarstern nach Norden | hält | Die zuverlässigste geräteslose Methode auf der Nordhalbkugel. Polaris findet man über die hinteren beiden Kastensterne des Großen Wagen: ihre Verbindungslinie etwa fünfmal verlängert. Die Höhe von Polaris über dem Horizont entspricht ungefähr der geografischen Breite (in Deutschland rund 47° bis 55°). |
| Moos wächst auf der Nordseite der Bäume | hält nicht | Die feuchteste Rindenseite hängt von der Hauptwindrichtung (in Deutschland Südwest bis West), vom Standort im Gelände, von der Neigung des Stamms und vom Kronendach ab. In feuchten Lagen sind Stämme ringsum bemoost, in trockenen gar nicht. Als Richtungsanzeiger nicht brauchbar. |
| Der Jahresring-Zuwachs / die Krone ist auf der Südseite stärker | hält nicht | Freistehende Bäume bilden auf der windabgewandten Seite oft breitere Ringe; in Deutschland ist das eher die Ost- bis Nordostseite. Im Wald entscheidet die Lücke im Kronendach. Die Streuung ist so groß, dass sich daraus keine Richtung ableiten lässt. |
| Satellitenschüsseln zeigen nach Süden | mit Einschränkung | Weil die Ausrichtung technisch vorgegeben ist, ist sie verlässlicher als jedes Naturzeichen — aber sie zeigt nicht exakt Süd: Von Deutschland aus liegt die Astra-Position rund 10° bis 25° östlich von Süd, mit einer Elevation um 30° bis 35°. Kabel- und Glasfaser-Haushalte haben gar keine Schüssel. |
| Kirchen sind geostet — der Altar liegt im Osten | mit Einschränkung | Als grobe Tendenz für alte Dorfkirchen brauchbar, als Messgröße nicht: Die Abweichungen betragen oft 20° bis 30°, moderne Kirchen sind meist gar nicht geostet, und in Städten richtet sich der Bau nach der Straße. Bestenfalls eine Bestätigung, nie die Grundlage. |
| Schnee bleibt an Nordhängen länger liegen | hält | Physikalisch eindeutig und im Gelände oft gut sichtbar — an Waldrändern, in Mulden und an Hangkanten. Taugt zur groben Orientierung, solange die Sonne in den Tagen zuvor überhaupt geschienen hat. |
| Die meisten Ameisenhaufen liegen an der Südseite von Bäumen und Stümpfen | mit Einschränkung | Es gibt eine echte Tendenz, aber viele Ausnahmen: Der Hügel liegt dort, wo das Nest Sonne bekommt — das kann eine Lichtung im Norden ebenso sein. Ein einzelner Ameisenhaufen sagt wenig, ein Muster über mehrere Nester etwas mehr. |
| Die Linie durch die Spitzen der Mondsichel weist nach unten ungefähr nach Süden | mit Einschränkung | Als grobe Nachtorientierung brauchbar, wenn kein Polarstern zu sehen ist. Der Fehler kann je nach Mondhöhe und Jahreszeit 20° bis 40° betragen; die Methode zeigt eine Gegend am Horizont, keine Richtung. |
Warum „Moos im Norden” so hartnäckig ist
Weil ein Körnchen Wahrheit drinsteckt: Die Nordseite eines freistehenden Baums bekommt nie direkte Mittagssonne, bleibt also kühler und feuchter — dort kann mehr Moos wachsen. Aber:
- Im Wald steht kein Baum frei; das Kronendach verteilt Licht und Feuchtigkeit ganz anders.
- Die Wetterseite (Regen und Wind) liegt in Deutschland im Südwesten bis Westen — dort ist die Rinde oft am feuchtesten und am stärksten bewachsen.
- In feuchten Lagen (Bachtäler, Nordhänge, Nebelzonen) sind Stämme ringsum bemoost, in trockenen (Kiefernheide, Südhang) gar nicht.
Man findet also fast immer eine „moosige Seite” — nur zeigt sie mal nach Nordost, mal nach West, mal nach überall. Ein Anzeiger, der in jede Richtung zeigen kann, ist keiner.
Die Regeln, die man wirklich nutzen kann
Aus der Tabelle bleiben zwei, denen man trauen kann:
- Polarstern → Norden (nachts, klarer Himmel). Die Anleitung steht in Orientierung ohne Kompass.
- Schnee schmilzt am Südhang zuerst (nach ein paar Sonnentagen). Grobe Orientierung, physikalisch sauber.
Alles andere ist bestenfalls eine Bestätigung, wenn man die Richtung schon ungefähr kennt — die Satellitenschüssel am Haus, die geostete Dorfkirche, die Mondsichel. Für die eigentliche Richtungsbestimmung gehört ein Kompass und eine eingenordete Karte dazu, und die Gehzeit zurück rechnet der Tourenzeit-Rechner.