Ohne Kompass ist Richtungsbestimmung möglich, aber ungenauer — und man sollte wissen, wie ungenau. Dieser Artikel behandelt die Methoden, die auf Astronomie und Physik beruhen. Die volkstümlichen Naturzeichen — Moos, Baumkronen, Ameisenhaufen — stehen in Orientierungsregeln im Test, und sie schneiden dort schlecht ab.

Dieser Artikel gehört zum Themenbereich Technik & Skills. Sobald wieder ein Kompass zur Hand ist, geht es weiter mit Karte einnorden.

Der Polarstern (nachts, klarer Himmel)

Die beste Methode. Polaris steht rund 0,7° vom Himmelsnordpol entfernt und zieht über die Nacht nur einen kleinen Kreis. Das Lot von ihm senkrecht auf den Horizont ist Norden — auf ein, zwei Grad genau.

Finden: Die beiden hinteren Kastensterne des Großen Wagen (die dem Deichselansatz gegenüberliegen) bilden eine Linie. Diese Linie etwa fünfmal in Richtung des offenen Kastens verlängern — dort steht ein mäßig heller Stern ziemlich allein: Polaris, zugleich das Ende der Deichsel des Kleinen Wagen.

Die Sonne (tagsüber)

Die Sonne geht im Osten auf und im Westen unter — aber nur an den beiden Tag-und-Nacht-Gleichen exakt. Im Sommer geht sie in Deutschland deutlich nordöstlich auf und nordwestlich unter, im Winter südöstlich und südwestlich. Verlässlich ist nur der Höchststand am Mittag: exakt Süden.

Der Haken ist die Uhrzeit. Der wahre Mittag hängt ab von

  • der geografischen Länge (die Zonenzeit MEZ gilt streng nur für den 15. Längengrad Ost, also etwa Görlitz; in Aachen ist der wahre Mittag rund 36 Minuten später),
  • der Zeitgleichung (die Erdbahn ist elliptisch — bis zu ±16 Minuten übers Jahr),
  • der Sommerzeit (MESZ: noch einmal +1 Stunde).

Zusammengenommen kann der wahre Mittag auf 11:15 bis 12:30 Uhr MEZ fallen, im Sommer auf 12:15 bis 13:30 Uhr MESZ. „Um 12 Uhr ist Süden” kann also über eine Stunde danebenliegen.

Die Uhrzeigermethode

Mit einer analogen Uhr (oder einer aufgemalten):

  1. Die Uhr waagerecht halten und den Stundenzeiger auf die Sonne richten (bei tiefer Sonne den Schatten eines senkrechten Halms nutzen).
  2. Den Winkel zwischen Stundenzeiger und der 12 halbieren. Die Winkelhalbierende zeigt nach Süden.
  3. In der Sommerzeit auf die 1 statt auf die 12 halbieren.

Warum das geht: Der Stundenzeiger läuft in 24 Stunden zweimal um, die Sonne einmal. Halbiert man den Winkel, halbiert man den Vorsprung — und die Mitte der Sonnenbahn liegt im Süden.

Die Mondsichel (nachts, kein Polarstern sichtbar)

Die beleuchtete Seite des Mondes zeigt immer zur Sonne. Zieht man eine Linie durch die beiden Spitzen der Sichel und verlängert sie zum Horizont, trifft man ungefähr die Richtung, in der die Sonne gerade steht — abends also Süd bis Südwest, in den frühen Morgenstunden Südost.

Der Fehler kann je nach Mondhöhe und Jahreszeit 20° bis 40° betragen. Die Methode zeigt eine Gegend am Horizont, keine Richtung — als Notbehelf, wenn Wolken den Polarstern verdecken, aber nicht mehr.

Die eine physikalische Geländeregel, die hält

Schnee bleibt an Nordhängen länger liegen. Ein nach Süden geneigter Hang bekommt auf der Nordhalbkugel deutlich mehr Sonnenenergie je Fläche; dort schmilzt der Schnee zuerst. An Waldrändern, in Mulden und an Hangkanten ist das oft gut sichtbar und taugt zur groben Orientierung — vorausgesetzt, die Sonne hat in den Tagen davor überhaupt geschienen. Warum die anderen Geländeregeln nicht taugen, steht in Orientierungsregeln im Test.

Wie lange der Weg zurück zum bekannten Punkt dauert, schätzt der Tourenzeit-Rechner — und ist die Sicht weg, hilft die Wolkenlage in Wolken lesen einzuschätzen, ob es besser wird.