Wenn eine Wetter-App „gefühlt −8 °C“ anzeigt und eine andere „gefühlt −3 °C“, liegt das selten an einem Fehler. Es liegt daran, dass beide Zahlen dasselbe heißen und Verschiedenes messen.
In Deutschland stehen zwei Größen nebeneinander, die beide umgangssprachlich „gefühlte Temperatur“ genannt werden: der Windchill aus dem Jahr 2001 und die Gefühlte Temperatur des Deutschen Wetterdienstes. Sie unterscheiden sich nicht in der Genauigkeit, sondern in der Frage, die sie beantworten.
Dieser Artikel gehört zum Themenbereich Sicherheit draußen; die Kältephysik samt Windchill-Gleichung steht im Themenbereich Winter draußen.
Was die Gefühlte Temperatur des DWD beschreibt
Die ganze Wärmebilanz eines Menschen, nicht die Auskühlung einer Hautstelle. Der DWD definiert sie so: Sie vergleicht die tatsächlich vorgefundenen Bedingungen mit der Temperatur, die in einer Standardumgebung herrschen müsste, um ein identisches Temperaturempfinden auszulösen.
Berechnet wird sie mit dem Klima-Michel-Modell (VDI, 1998) auf Grundlage der Behaglichkeitsgleichung nach Fanger (1972) mit Korrekturtermen, die Ergebnisse des Energiebilanzmodells nach Gagge (1986) über Parametrisierungen einbinden. Der Name „Michel“ steht dabei für einen Standardmenschen — das Modell liefert eine Aussage über das durchschnittliche subjektive Empfinden, nicht über eine bestimmte Person.
- Lufttemperatur
- geht ein
- Windgeschwindigkeit
- geht ein
- Wasserdampfdruck
- geht ein
- mittlere Strahlungstemperatur (berücksichtigt sämtliche Strahlungsflüsse auf den Menschen)
- geht ein
- metabolische Rate (Aktivität)
- geht ein
- Wärmeisolation der Bekleidung
- geht ein
Fundstelle: Deutscher Wetterdienst, „Thermischer Gefahrenindex“ und „Erläuterungen zur Gefühlten Temperatur“, dwd.de, abgerufen am 08.09.2026
Die beiden letzten Größen sind der eigentliche Unterschied zu allen einfacheren Indizes: Aktivität und Bekleidung stecken mit drin. Und die Bekleidung ist keine feste Annahme, sondern wird angepasst —
Die Bekleidung wird zwischen sommerlich leichter und winterlich dicker stets so variiert, dass sich der Mensch nach Möglichkeit behaglich fühlt.Die neun Stufen des thermischen Gefahrenindex
Sie reichen symmetrisch über Wärme und Kälte, und sie ordnen jeder Stufe eine gesundheitliche Gefährdung zu. Das ist die vollständige veröffentlichte Skala:
| Gefühlte Temperatur | Thermisches Empfinden | Gesundheitliche Gefährdung |
|---|---|---|
| über 38 °C | sehr heiß | sehr hoch |
| 32 bis 38 °C | heiß | hoch |
| 26 bis 32 °C | warm | mittel |
| 20 bis 26 °C | leicht warm | gering |
| 0 bis 20 °C | behaglich | keine |
| −13 bis 0 °C | leicht kühl | gering |
| −26 bis −13 °C | kühl | mittel |
| −39 bis −26 °C | kalt | hoch |
| unter −39 °C | sehr kalt | sehr hoch |
Zwei Beobachtungen dazu, die für eine Tourenplanung zählen. Erstens ist der behagliche Bereich 20 Kelvin breit (0 bis 20 °C) — darunter und darüber beginnt die Gefährdung sofort mit „gering“. Zweitens ist die Skala nach unten weiter gespannt: Von 0 °C bis zur höchsten Gefährdungsstufe sind es 39 Kelvin nach unten, aber nur 38 Kelvin nach oben, und die kalte Seite hat dabei genauso viele Stufen wie die warme.
Wie sich Windchill und Gefühlte Temperatur unterscheiden
In der Frage, dem Modell und dem Anwendungsbereich. Beide Größen sind für sich korrekt; sie beantworten nur nicht dasselbe.
Windchill (2001)
Wie schnell kühlt eine unbedeckte Hautstelle im Wind aus?
- Als Gleichung veröffentlicht und damit selbst nachrechenbar
- Alle Modellannahmen sind publiziert (Zylinder von 18 cm Durchmesser, Messpunkt auf Wangenhöhe, Eigenbewegung 1,34 m/s)
- Direkt an ein Erfrierungsrisiko gekoppelt
- Nur Lufttemperatur und Wind gehen ein
- Keine Sonneneinstrahlung, keine Luftfeuchte, keine Bekleidung
- Gilt nur für den Kältebereich
Gefühlte Temperatur (DWD)
Wie stark wird der Wärmehaushalt eines Standardmenschen beansprucht?
- Strahlung, Feuchte, Aktivität und Bekleidung gehen mit ein
- Eine durchgehende Skala von Hitze bis Kälte
- Grundlage der amtlichen Hitzewarnungen
- Keine veröffentlichte Gleichung, also nicht selbst nachrechenbar
- Setzt eine angepasste Bekleidung voraus, die man tatsächlich tragen muss
- Aussage über einen Standardmenschen, nicht über eine Person
Der praktisch wichtigste Punkt steht in der rechten Spalte unten: Die Gefühlte Temperatur unterstellt, dass die Bekleidung angepasst wird. Wer im Hemd loszieht, erlebt eine andere Lage als die, die die Zahl beschreibt. Beim Windchill ist es umgekehrt — er nimmt eine unbedeckte Hautstelle an, und wer eine Mütze trägt, ist besser dran als die Zahl.
Warum sich die Gefühlte Temperatur nicht nachrechnen lässt
Weil der DWD keine geschlossene Gleichung veröffentlicht. Er nennt das Modell, die Grundlage, die Eingangsgrößen und die wissenschaftliche Arbeit dahinter — Staiger, H., Laschewski, G., Grätz, A.: The perceived temperature — a versatile index for the assessment of the human thermal environment. Part A: scientific basics. International Journal of Biometeorology 56, 2012, S. 165–176 — aber keine Formel, die man in eine Tabelle tippen könnte.
Das ist ein Unterschied mit Folgen. Der Windchill ist als Gleichung veröffentlicht und lässt sich deshalb im Kältebelastungs-Rechner selbst ausrechnen; die Gefühlte Temperatur kann man nur nachschlagen, dort wo der DWD sie ausgibt. Wer sie in einer beliebigen App findet, sollte nachsehen, ob dort wirklich das Klima-Michel-Modell dahintersteht oder eine der zahlreichen anderen Formeln, die dieselbe Bezeichnung tragen.
Was die Skala für Hitze und für Kälte bedeutet
Auf der warmen Seite ist sie die Grundlage der amtlichen Warnung, auf der kalten nicht. Die Hitzewarnungen des DWD hängen direkt an dieser Skala: „starke Wärmebelastung“ ab etwa 32 °C Gefühlter Temperatur, „extreme Wärmebelastung“ über 38 °C. Beide Schwellen liegen genau an den Stufengrenzen der Tabelle oben — die Einzelheiten stehen in Ab wann der DWD vor Hitze warnt.
Auf der kalten Seite gibt es keine entsprechende Warnung. Der DWD warnt vor Frost nach Lufttemperatur (unter 0 °C, strenger Frost unter −10 °C), nicht nach Gefühlter Temperatur — nachzulesen in Warnstufen und Warnkriterien des DWD. Die Stufen „kalt“ und „sehr kalt“ des thermischen Gefahrenindex erscheinen also im Gefahrenindex, aber nicht als amtliche Warnung.
Was 0 bis 20 °C als behaglicher Bereich nicht heißt
Dass in diesem Bereich nichts passieren kann. Der thermische Gefahrenindex beschreibt die Beanspruchung des Wärmehaushalts durch die Umgebung — unter der Annahme angepasster Bekleidung und ohne Niederschlag. Genau in diesem Band liegt aber die Wetterlage, die draußen am häufigsten zu Problemen führt: nass, windig, knapp über null.
Die eigene DWD-Auswertung dazu steht in Nasskalt: Auf dem Kahlen Asten fallen 44,7 Prozent der Wintertage in das Band von −1 bis +5 °C, und je nach Station sind 11,8 bis 26,6 Prozent der Tage zugleich nass. Was daraus für den Körper folgt, beschreibt Unterkühlung erkennen anhand der Leitlinien des European Resuscitation Council.
FAQ
Welche Zahl soll ich mir denn merken?
Beide, aber für verschiedene Fragen. Der Windchill sagt etwas über Erfrierungsgefahr an unbedeckter Haut; die Gefühlte Temperatur sagt etwas über die Belastung des ganzen Körpers unter angepasster Kleidung. Für die Frage „brauche ich Handschuhe und eine Sturmhaube?“ ist der Windchill die passendere Größe, für „ist der Tag insgesamt anstrengend?“ die Gefühlte Temperatur.
Warum zeigt meine App bei Sonnenschein eine höhere gefühlte Temperatur als die Lufttemperatur?
Weil die mittlere Strahlungstemperatur eine der sechs Eingangsgrößen des Klima-Michel-Modells ist und sämtliche Strahlungsflüsse auf den Menschen berücksichtigt. Der Windchill kennt Strahlung nicht — er nimmt sogar einen klaren Nachthimmel an.
Gilt die Skala auch für Kinder oder ältere Menschen?
Nach dem Vorbehalt des DWD nur eingeschränkt: Die Beziehung wurde über eine Standardisierung des Menschen ermittelt, und die Reaktion des Individuums kann davon abweichen. Für Hitze nennt der DWD deshalb eine gesonderte, niedrigere Schwelle für ältere Menschen.