Die Frage „Wo bin ich?” hat auf einer Wanderung zwei Schwierigkeitsgrade. Der leichte: Man weiß es ungefähr und will es genau wissen. Der schwere: Man hat den Faden verloren. Für beide gibt es einen Weg mit Karte und Kompass.
Dieser Artikel gehört zum Themenbereich Technik & Skills. Er setzt voraus, dass man die Karte einnorden kann und die Missweisung für die eigene Gegend kennt.
Der leichte Fall: bekannter Punkt plus Handlauf
Solange man weiß, wo man losgegangen ist, und seither einer eindeutigen Linie im Gelände gefolgt ist, ist der Standort fast geschenkt.
- Bekannter Punkt: die letzte Stelle, an der Karte und Gelände sicher zusammenpassten — eine Weggabelung, eine Brücke, ein Wegweiser, ein Gipfelkreuz.
- Handlauf (engl. handrail): eine Linie, an der man sich entlangbewegt und die auch auf der Karte eine Linie ist — Bach, Waldrand, Grat, Zaun, Höhenlinie, Weg. Solange man den Handlauf nicht verliert, kann man sich quer dazu nicht verlaufen.
- Fanglinie (engl. catching feature): eine markante Linie hinter dem Ziel, die einem sagt, dass man zu weit gegangen ist — ein Fluss, eine Straße, ein Steilabfall.
Mit diesen drei Begriffen bestimmt man den Standort, indem man abschätzt, wie weit man seit dem bekannten Punkt gekommen ist (Zeit × Tempo, oder Zählen von Doppelschritten — dazu Eine Richtung peilen und ihr folgen), und diesen Abstand am Handlauf abträgt.
Der schwere Fall: die Kreuzpeilung
Wenn der bekannte Punkt fehlt, aber man mindestens zwei markante Geländepunkte sieht und auf der Karte wiederfindet, bestimmt die Kreuzpeilung (Rückwärtseinschnitt) den Standort.
- Ersten Punkt anpeilen. Kompass waagerecht halten, mit der Visierlinie genau auf den Geländepunkt zielen (Kirchturm, Gipfel, Sendemast), die Dose drehen, bis die Nadel im Gehäuse liegt, und den Winkel ablesen. Das ist die Richtung zum Punkt.
- Missweisung abziehen. Der abgelesene Wert ist magnetisch. Für die Karte die östliche Missweisung abziehen (in Deutschland rund 3° bis 5°).
- Gegenrichtung in die Karte eintragen. Vom Geländepunkt auf der Karte aus eine Linie in die Gegenrichtung ziehen (abgelesener Kartenwinkel plus oder minus 180°). Man steht irgendwo auf dieser Linie.
- Mit dem zweiten Punkt wiederholen. Der Schnittpunkt beider Linien ist der Standort.
- Dritten Punkt zur Kontrolle. Drei Linien, die sich nicht in einem Punkt treffen, bilden ein kleines Dreieck (das „Fehlerdreieck”). Der Standort liegt etwa in dessen Mitte; die Größe des Dreiecks ist das Maß für die Unsicherheit.
Der Sonderfall: man steht auf einer Linie
Wenn man sicher auf einem Weg, einem Grat oder an einem Ufer steht, genügt ein Peilstrahl: Der Schnittpunkt dieses Strahls mit der Linie, auf der man steht, ist der Standort. Das ist die häufigste Anwendung auf einer normalen Wanderung — ein Blick zum Kirchturm im Tal sagt einem, an welcher Kehre man gerade ist.
Was ein Gerät an dieser Stelle leisten kann, ist begrenzter, als seine Verpackung nahelegt: Der GPS-Betreiber sagt 8 Meter horizontal im 95-Prozent-Perzentil zu und nimmt Mehrwegeausbreitung, Empfängerrauschen und Antenneneffekte ausdrücklich davon aus — nachzulesen in Was GPS zusagt.
Was die Peilung stört
- Eisen. Wie beim Einnorden: Abstand zu Stöcken, Messer, Handy, Zäunen, Fahrzeugen, Oberleitungen.
- Ungenaues Zielen. Ein Grad Peilfehler sind nach 2 km rund 35 m. Bei Peilpunkten in einigen Kilometern Entfernung summiert sich das — deshalb der dritte Strahl.
- Falsch identifizierter Punkt. Der häufigste grobe Fehler: Man hält den falschen Gipfel für den richtigen. Ein Fehlerdreieck, das nicht kleiner wird, ist fast immer ein Identifikationsfehler, kein Ablesefehler.
Wie weit man seit dem letzten sicheren Punkt überhaupt gekommen sein kann, lässt sich mit dem Tourenzeit-Rechner grob gegenrechnen — Strecke und Höhenmeter ergeben eine Gehzeit, die man mit der verstrichenen Zeit vergleichen kann.