„Empfängt GPS, GLONASS, Galileo und BeiDou“ steht auf jeder besseren Uhrenverpackung. Was das bringt, steht dort nicht — und was die vier Betreiber selbst zusagen, erst recht nicht.
Die drei abrufbaren Zusagen
Alle drei drücken sie im 95-Prozent-Perzentil aus, alle drei unterscheiden zwischen einem durchschnittlichen und dem ungünstigsten Ort:
- GPS (United States Space Force)
- 8 m im Mittel, 15 m am ungünstigsten Ort Global Positioning System Standard Positioning Service Performance Standard, April 2020
- Galileo (Europäische Union)
- 5 m im Mittel, 10 m am ungünstigsten Ort Galileo Open Service — Service Definition Document, 2023
- BeiDou (China Satellite Navigation Office)
- 9 m im Mittel, 15 m am ungünstigsten Ort BeiDou Navigation Satellite System Open Service Performance Standard (Version 3.0), Mai 2021
Fundstelle: GPS SPS Performance Standard 5. Ausgabe Tabelle 3.8-3; Galileo OS SDD 1.3 Tabellen 16 und 17; BDS-OS-PS-3.0 Tabelle 5-13
Der Unterschied zwischen 5 und 9 Metern sieht nach einer Rangfolge aus, ist aber vor allem eine Frage, wie vorsichtig ein Betreiber seine Zusage formuliert. Alle drei liefern in der Praxis erheblich bessere Werte, als sie zusagen — für GPS steht das sogar im eigenen Dokument, wie in Was GPS zusagt beschrieben.
Der Befund, der alle drei verbindet
Sie machen dieselbe Annahme und denselben Ausschluss.
Dieselbe Annahme: Alle drei setzen einen Maskenwinkel von 5 Grad über dem Horizont voraus — der Empfänger sieht also alles oberhalb dieser sehr flachen Linie.
Denselben Ausschluss: Der GPS-Standard listet acht Fehlerquellen einzeln auf. Galileo formuliert es als „Propagation and user contributions excluded“, BeiDou als „Excludes transmission errors and user segment errors“. Drei Betreiber, drei Formulierungen, derselbe Inhalt: Was zwischen Satellit und Empfängerchip passiert, ist nicht Teil der Zusage.
Was der Mehrsystemempfang tatsächlich bringt
Mehr sichtbare Satelliten — und das ist genau dort wertvoll, wo der Himmel verdeckt ist. Der Nutzen liegt in zwei Punkten:
- Bessere Geometrie. Je weiter die genutzten Satelliten über den sichtbaren Himmel verteilt sind, desto kleiner wird derselbe Messfehler in der berechneten Position. In einem engen Tal, wo von einem System nur noch drei Satelliten sichtbar sind, kann ein zweites den Unterschied zwischen brauchbarer und unbrauchbarer Position ausmachen.
- Mehr Redundanz. Wenn ein einzelnes Signal reflektiert ankommt, fällt es bei vielen Messungen eher als Ausreißer auf.
Was der Mehrsystemempfang nicht bringt: eine bessere Einzelmessung im offenen Gelände. Dort sieht ein Einsystemempfänger genug Satelliten, und die Geometrie ist ohnehin gut. Der Gewinn ist also kein allgemeiner, sondern einer für schwierige Lagen.
Er kostet allerdings Strom: Mehr Systeme heißen mehr Empfangskanäle. Wie viel Energie eine Tour mit laufender Aufzeichnung braucht, rechnet der Wh-Bedarfsrechner.
Was Zweifrequenzempfang ändert
Er greift an einer der ausgeschlossenen Fehlerquellen an. Ein Empfänger, der dasselbe Signal auf zwei Frequenzen empfängt — bei GPS L1 und L5 —, kann die Verzögerung durch die Ionosphäre weitgehend herausrechnen, statt sie zu modellieren. Außerdem lassen sich reflektierte Signale besser erkennen.
Das System ohne abrufbare Zusage
GLONASS (Roskosmos, Russische Föderation) veröffentlicht einen GLONASS Open Service Performance Standard. Am 8. September 2026 ließ er sich nicht abrufen: glonass-iac.ru/upload/docs/stehos/stehos_en.pdf antwortete mit HTTP 403; die Spiegelung über die UN-Arbeitsgruppe (unoosa.org) lieferte 404.
Deshalb steht hier keine GLONASS-Zahl. Das heißt nicht, dass das System schlechter arbeitet — es heißt, dass sich seine Zusage an diesem Tag nicht am Original prüfen ließ. Zahlen aus dritter Hand stehen in diesem Themenbereich nicht, und eine Leistungszusage aus einer Enzyklopädie zu übernehmen wäre genau das.
Was du praktisch daraus machst
- Mehrsystemempfang einschalten, wenn das Gerät die Wahl lässt — der Gewinn liegt in Wald und Tal, und dort ist er spürbar.
- Keine Rangfolge aus den Zusagen ableiten. Sie sind unterschiedlich vorsichtig formuliert und messen dasselbe.
- Die Grenze im Kopf behalten. Kein System sagt zu, was in den letzten Metern vor der Antenne passiert.
- Die Rückfallebene mitnehmen. Karte und Kompass funktionieren unabhängig von jedem Betreiber; die Handgriffe stehen im Themenbereich Technik & Skills, etwa das Einnorden der Karte.
Der Themenbereich Navigation & Geräte arbeitet durchgehend mit den Dokumenten der Systembetreiber statt mit Geräteangaben — auch dann, wenn dabei eine Lücke bleibt.