„Ein Dachzelt kostet ungefähr einen Liter auf hundert Kilometer.“ Der Satz steht in Foren, in Kaufberatungen und in Testberichten. Er hat nur ein Problem: Es gibt keine Messvorschrift, aus der er stammen könnte.
Der Wert im Fahrzeugschein kennt keinen Aufbau
Feld V.8 der Zulassungsbescheinigung Teil I nennt den kombinierten Kraftstoffverbrauch, Feld V.7 den CO₂-Wert — beide nach Anhang I Nr. II.6 der Richtlinie 1999/37/EG. Beide Zahlen stammen aus der Typgenehmigung und gelten für das typgenehmigte Fahrzeug.
Ein Dachträger, eine Dachbox oder ein Dachzelt, die nach dem Kauf montiert werden, sind nicht Teil dieser Typgenehmigung. Sie kommen in dem Wert, der im Fahrzeugschein steht, schlicht nicht vor — und es gibt kein zweites, amtliches Verfahren, das den Verbrauch mit Aufbau ermitteln würde.
Warum eine einzelne Zahl nicht reichen kann
Der Luftwiderstand eines Fahrzeugs wächst mit dem Quadrat der Geschwindigkeit. Der zusätzliche Widerstand eines Aufbaus tut das ebenso. Damit gilt: Wer denselben Aufbau bei 130 km/h fährt, zahlt gegenüber 90 km/h grob das Doppelte an zusätzlicher Leistung, nicht das Anderthalbfache.
Eine Angabe „ein Liter je 100 km“ ohne Geschwindigkeit, ohne Fahrzeug und ohne Aufbauform ist deshalb keine unvollständige Zahl — sie ist gar keine.
Dazu kommen Größen, die von Fahrzeug zu Fahrzeug völlig verschieden sind: die Stirnfläche des Aufbaus, seine Form, die Höhe über dem Dach, wie sauber die Luft über die Frontscheibe geführt wird und wie stark der Grundwiderstand des Fahrzeugs ohnehin ist. Ein Kombi und ein Kastenwagen reagieren auf denselben Aufbau unterschiedlich stark.
Wie man den eigenen Mehrverbrauch misst
Es gibt genau einen Weg zu einer belastbaren Zahl für das eigene Fahrzeug: die eigene Messung. Sie ist einfacher, als sie klingt.
Messung in vier Schritten
- 1. Strecke festlegen
- dieselbe Route, zweimal am besten eine längere Fahrt mit gleichbleibender Geschwindigkeit, ohne Stadtverkehr
- 2. Randbedingungen gleich halten
- Tempo, Beladung, Reifendruck Wind und Temperatur lassen sich nicht steuern — deshalb möglichst ähnliche Tage wählen
- 3. Volltanken bis zur Abschaltung
- vor und nach jeder Fahrt die Bordanzeige ist für einen Vergleich zu grob; getankte Liter durch gefahrene Kilometer
- 4. Differenz bilden
- mit Aufbau minus ohne das Ergebnis gilt für dieses Fahrzeug, diesen Aufbau und dieses Tempo
Fundstelle: Eigenes Vorgehen, kein genormtes Verfahren — die Angabe der Randbedingungen gehört deshalb zum Ergebnis dazu
Diese Zahl trägt man in das Werkzeug Kosten je Nacht ein und ersetzt damit den dort gesetzten Startwert. Erst dann rechnet das Werkzeug mit einer Zahl, die etwas bedeutet.
Der Unterschied zwischen Gewicht und Luft
Beim Fahrzeug-Camping wirken zwei verschiedene Effekte, die oft durcheinandergeraten:
- Gewicht kostet vor allem beim Beschleunigen und am Berg. Auf einer langen, gleichmäßigen Fahrt fällt es weniger ins Gewicht, als viele annehmen.
- Luftwiderstand kostet permanent und überproportional mit dem Tempo. Ein Aufbau auf dem Dach wirkt hier, ein Zelt im Kofferraum praktisch nicht.
Deshalb ist der wichtigste Unterschied zwischen einem Dachaufbau und einem Bodenzelt nicht das Gewicht, sondern die Stirnfläche — und deshalb wirkt der Aufbau auch an den Tagen, an denen niemand darin schläft. Wer nur an wenigen Wochenenden im Jahr draußen ist, den Aufbau aber ganzjährig oben lässt, zahlt ihn das ganze Jahr.
Wie sich das auf die Zuladung auswirkt
Der Aufbau kostet nicht nur Kraftstoff, sondern auch Gewicht — und zwar an zwei Stellen zugleich: auf dem Dach und in der Zuladung. Die Grenzen dafür stehen in Dachlast: die Zahl, die niemand belegt; wie viel insgesamt zur Verfügung steht, in Zuladung: was dein Fahrzeug wirklich noch trägt. Die Systematik, mit der man Gewicht überhaupt vergleichbar macht, ist dieselbe wie beim Rucksack: Wie schwer darf der Rucksack sein?.
Welche Formen es sonst noch gibt und wie sie sich unterscheiden, steht im Überblick Mit dem Fahrzeug draußen schlafen.
FAQ
Warum steht in diesem Artikel keine Zahl für den Mehrverbrauch?
Weil sich keine finden ließ, die auf einer Messvorschrift beruht. Eine Zahl ohne Herkunft wäre hier schlechter als keine — der Artikel liefert stattdessen das Verfahren, mit dem jeder seine eigene bekommt.
Gilt der WLTP-Wert dann überhaupt für mein Fahrzeug?
Er gilt für die typgenehmigte Ausführung unter den Bedingungen des Prüfverfahrens. Für die tatsächliche Fahrweise, die Beladung und erst recht für nachgerüstete Aufbauten ist er kein Versprechen.
Macht es einen Unterschied, ob der Aufbau geschlossen oder offen ist?
Ja, aber wie groß dieser Unterschied ist, hängt an der Form und am Fahrzeug. Auch dafür gilt: messen statt schätzen.